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Der apparatisierte Mensch von heute

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Am Fernseher, beim Spielautomaten, im Supermarkt verfällt der Mensch in Sprachlosigkeit, verliert er sich an Apparate.

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Am Fernseher, beim Spielautomaten, im Supermarkt verfällt der Mensch in Sprachlosigkeit, verliert er sich an Apparate.

Wiener Ringstraße an einem Frühsommertag: Von den Museen bis zum Parlament stauen sich die Straßenbahnen: Offensichtlich ein Unfall. Als ich näherkomme, fällt mir ein Stein vom Herzen. Offensichtlich ist es nichts Ernstes: Ein Polizist regelt den Verkehr, zwei Schaffner machen Notizen, Leute stehen herum und plaudern.

Bei näherem Hinschauen sehe ich aber, daß ein Paar Schuhe unter dem Triebwagen hervorschaut. Ein Mann ist unter den Zug geraten—aber niemand kümmert sich um ihn. Ich lege mich auf die Straße, um nachzusehen: Er ist bewußtlos. Nachdem ich ihm eine Weile die Wange gestreichelt habe, geht sein Atem ruhiger. Selbst in diesem Zustand tut dem Menschen die menschliche Begegnung gut.

Endlich kommen Feuerwehr und Rettung. Nicht die Straßenbahn wird gehoben oder zurückgeschoben, sondern der Verletzte an Armen und Beinen unsanft hervorgezerrt und in die Rettung verfrachtet.

Wozu diese ausführliche Schilderung? Weil sie ein Grundproblem unserer Zeit illustriert: Den Verlust der Fähigkeit zu menschlicher Begegnung, das Uberwiegen des Zweckhaften, des Funktionalen. Es erscheint uns doch ganz selbstverständlich, daß der Polizist primär den Verkehr zu regeln und nicht dem Unfallopfer menschlich beizustehen hat (im konkreten Fall war Verkehrsregelung sogar überflüssig). Auch für den Schaffner war der Unfallbericht das Wichtigste, umso mehr, als der Verletzte j a nicht bei Bewußtsein war. ,

Was an diesem Unfall beispielhaft zu erkennen ist, prägt heute unser ganzes Leben: Uberall bestimmen funktionale Gesichtspunkte das Geschehen, kommen die personalen zu kurz. Man denke nur, wie sich unsere Einkaufsgewohnheiten geändert haben: Beim Greißler war früher das Funktionale (das Besorgen der Güter) mit dem Personalen (dem Plauscherl mit der Verkäuferin) eine selbstverständliche Einheit. Heute, im Supermarkt, hat die möglichst effiziente Abwicklung des Zweckhaften, des Einkaufs, menschliche Begegnung weitgehend ausgeschaltet. Ein Plauscherl mit der Kassierin würde zweifellos einen Proteststurm in der wartenden Schlange hervorrufen.

Ähnliche Entwicklungen ergaben sich in vielen Bereichen: Der Briefträger überreicht die Post nicht mehr dem Empfänger, sondern liefert sie im Postkastel ab, der Schaffner ist durch Entwertungsapparate ersetzt worden, die Krankenschwester durch Monitoren (die Pulsschlag und Atemfrequenz registrieren), der Partner beim Schachspiel durch den Computer...

Besonders ausgeprägt ist die Funktionalisierung in der Arbeitswelt. Sicher verdanken wir ihr die ganz enormen Leistungssteigerungen, die unsere Wirtschaft seit der Industrialisierung zustande gebracht hat. Die dabei erreichten Vorteile sollten uns aber nicht blind gegenüber den damit verbundenen Gefahren machen. Und wohl die größte Gefahr ist darin zu sehen, daß das Besondere am Menschen, seine Fähigkeit, sich anderen zuzuwenden, mit ihnen Freud und Leid zu teilen, zu kurz kommt, einfach keinen Platz mehr hat, daß der Mensch nicht mehr als unverwechselbare Person, sondern nur mehr als Funktionsträger in Erscheinung tritt.

Am Arbeitsplatz etwa sind gute personale Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, so erfreulich sie für den einzelnen sind, eigentlich systemfremd.

Recht deutlich kam die Funktionalisierung bei einer Umfrage unter den Managern zum Ausdruck. Folgende Eigenschaften kennzeichneten ihrer Ansicht nach erfolgreiche Führungskräfte am besten: Entschiedenheit, Aggressivität, Initiative, Entschlossenheit, Intelligenz, Produktivität ____Und folgende andere Eigenschaften hielten die Manager laut Umfrage für unwesentlich: Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Bescheidenheit, Höflichkeit, Zurückhaltung ..., alles Eigenschaften, die für harmonische menschliche Beziehungen entscheidend sind.

Dieses Zweckdenken ist aber weit über die Wirtschaft hinaus in andere Bereiche vorgedrungen. So tritt beispielsweise der Staatsbürger mit der Obrigkeit immer seltener durch persönliche Kontakte in Beziehung. Es dominieren Erlagscheine, Abbuchungsaufträge, Strafmandate, eine unübersehbare Fülle von Formularen.

Und die Formulare sind durchwegs nach den Kriterien der Behörden gestaltet. Sie sind computergerecht, Nummern ersetzen Namen und verbale Kennzeichnungen. Was im Formular nicht vorgesehen ist, im Einzelfall aber wichtig wäre, fällt unter den Tisch.

Noch absurder wird die Funktionalisierung im Freizeitbereich. Auch hier hat das Zweckdenken überhandgenommen: Erholung und Entspannung heißt die Parole.

Nun steht der Mensch auch während der Freizeit unter Leistungsdruck: Aus dem Urlaub muß man braungebrannt zurückkommen, man muß dort etwas erlebt, es möglichst gut durch Film und Foto dokumentiert haben. Um all das optimal leisten zu können, bedarf es natürlich einer entsprechenden Ausstattung: Ski-, Jogging-, Surf-, Aerobic-, Tennis-, Golf-, Radfahrbekleidung „ermöglichen" erst den echten Genuß.

Und weil die freien Zeiten für alle gleichzeitig anfallen, kommt es zum Massentourismus, bei dem der Reisende bestenfalls das fremde Land, jedoch keinesfalls die dort beheimateten Menschen kennenlernt. Dann wälzen sich endlose Autokolonnen von Norden nach Süden, werden in den Semesterferien die Pisten gestürmt und mit dem Skipaß möglichst viele Abfahrten konsumiert, im Sommer die Mittelmeerstrände überbevölkert.

In der Reisegruppe erlebt man eine Abfolge von Sightseeing, organisierten Vergnügungen, Mahlzeiten und Führungen durch Kulturstätten. Menschen lernt man nur mehr als Stereotype kennen: schuhplattelnde Gebirgsbur-schen, trachtengeschmückte Volkstänzer, geigenspielende Zigeuner, Flamenco tanzende Schönheiten...

Auch in das Familienleben ist das funktionale Denken eingebrochen: Junge Frauen stehen vor der Frage, wieviel Zeit sie den Kindern opfern müssen, um ihnen die Grundvoraussetzungen für eine halbwegs günstige Entwickjung zu bieten. Weil Kinder ja auch in Horten und Tagesheimen beaufsichtigt werden, sieht man solche Einrichtungen nicht als Notlösungen für Ausnahmefälle, sondern oft als normale Alternative an. Männer wiederum überlegen oft, wieviel Zeit sie von ihrem Beruf und ihren Hobbies unbedingt abzweigen müssen, um ein notwendiges Minimum an Familienleben aufrechtzuerhalten.

Von der Tatsache, daß zwischen den Beteiligten einmalige, beglückende, die Geschichte dieser Menschen entscheidend prägende Beziehungen gepflegt werden könnten, wird allzu oft abgesehen. \

Ahnlich zweckhaft ist unser Umgang mit alten Menschen: Weil Heime für Unterkunft, Ernährung und die notwendigste Pflege sorgen, halten wir sie für geeignete Orte, das Leben zu beschließen. Daß menschliche Beziehungen abreißen, das vertraute Milieu fehlt, alles was besonders war, verlorengeht, erscheint uns nebensächlich.

So wird unser Leben eine Abfolge von Abschnitten und Bereichen, in denen wir bestimmten Zwecken dienen, die häufig nichts miteinander zu tun haben: Am Arbeitsplatz, in der Familie, mit Freunden, am Sportplatz erfüllt man Rollenerwartungen, die kaum unter einen Hut zu bringen sind. Der Blick auf das Ganze des Lebens geht unweigerlich verloren.

Wo diese sinristiftenden Zwek-ke wegfallen, gerät der Mensch in die Krise: bei Arbeitslosigkeit, wenn die Kinder von zu Hause wegziehen oder bei der Pensionierung. Man merkt plötzlich, daß man als Funktionsträger überraschend schnell ersetzt werden kann. Wie verlogen ist doch das bei Grabreden so häufig strapazierte Bild von der Lücke, die ein allzu früh aus seinem Schaffen Gerissener am Arbeitsplatz hinterläßt!

Der Mensch wird immer weniger als Person und zunehmend nur mehr als Funktionsträger, als Produzent oder Konsument angesehen. Der einzelne wird zum Sklaven unreflektierter Zielvorstellungen, die ein Eigenleben entwickelt haben. Wir brauchen den „Großen Bruder" als Uber-wachungsorgan gar nicht. Wir strampeln frisch und fröhlich in einer apparatisierten Welt mit: vor dem Fernsehapparat, am Computerbildschirm, beim Spielautomaten.

Die Fortsetzung dieses Wegs ist uns nicht schicksalshaft auferlegt. Denn das macht den Kern des Menschseins aus: Wir haben die Freiheit, jederzeit neu zu beginnen, die Freiheit also, unser Personsein wieder stärker zu betonen und ebenso ernst zu nehmen wie unsere Funktionen.

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