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Der Auslagenarrangeur

Mit Francis Ford Coppolas Vietnam-Epos „Apocalypse Now” wird am 16. Oktober wieder die Viennale im Künstlerhauskino eröffnet. Wie sieht Edwin Zbonek, der Leiter der Wiener Füm- festspiele, durch seine getönte Brille die zwei kommenden Kinowochen?

Zu den - vorläufig - 41 Filmen kommen 12 Jugendfilme hinzu. Fünf von den 41 Streifen sind österreichische Produkte. Für Zbonek auf jeden Fall genügend. „Es sind eigentlich verblüffend viele österreichische Filme auf der diesjährigen Viennale. Wenn man rechnet, daß in Österreich immer noch eine sehr bescheidene Filmförderung stattfindet”, kratzt sich Zbonek am grauweißen Bart, „dann spielen wir sogar fast zuviel.” Neben Schells „Geschichten aus dem Wiener Wald” (Zbonek: „Ein Glücksfall. Schell ist ein sehr empfindsamer Künstler.”) gibt es „Die blinde Eule” des Austro-Persers Mansur Madavi, Alfred Ninaus „Lauf, Hase, lauf”, der sich mit dem Problem der Jugendkriminalität auseinandersetzt; „Toilette” von Friederike Pezold („ein andersgearteter Film”) sowie ein Schubert- Streifen des bei uns durch seine „Kindertotenlieder” bekanntgewordenen Titus Leber. „Es sind Interessen am österreichischen Film da”, beteuert Zbonek mit seiner ruhigen, ein weftig heiseren Stimme, „sie werden halt nur viel zu wenig gefördert.” Zbonek ist ein ruhiger Mensch. Seine emotionslose Stimme wird durch kontrollierte, aufflackemde Phasen von Vitalität unterbrochen. Häufig schaut er scheinbar geistesabwesend die schwarze Wand des Viennale-Büros an, auf der neben Filmplakaten auch Zettel mit Filmtiteln die Programmorganisation meistern helfen sollen.

Uber der ganzen Viennale steht ein Motto von Coppola, dessen „Pate” auch im ORF zu beaugapfeln war: ,’,Ich bin der festen Überzeugung, daß die Zukunft der menschlichen Zivilisation vom Film geprägt wird.”

„Das ist eine ganz wesentliche Aussage und kein Schlagwort”, klingt Zbonek überzeugend. Und dann, ins Grundsätzliche gehend: „Es gehört zu unseren Aufgaben, Leute auf Filme aufmerksam zu machen. Das ist keine kommerzielle Sache, son dern vielmehr eine künstlerische Aufgabe. Und wenn ein Verleiher bei der Viennale sagt: ,Den Film könnten wir eigentlich spielen”, dann sind wir sehr glücklich. Wenn natürlich sowas passiert wie bei der ,Zauberflöte’, dann samma überhaupt happy.” (Ingmar Bergmans „Zauberflöte” war 1976 im ausverkauften „Garten- bau”-Kino gelaufen, kam nach der Viennale in die Kinos und war ein Riesenerfolg.)

„Ich bin nämlich in der Situation eines Auslagenarrangeurs, der die Waren ausbreiten muß.” Während sich Zbonek wieder geistesabwesend die Hände reibt, kommt er auf seinen Lieblingsfilm zu sprechen: „Im Vorjahr war es Ermanno Olmis ,Holz- schuhbaum”. Der entsprach meinem Geschmack.” Welcher ist es heuer? Coppola? „Das wäre zu einfach gesagt. Er ist einer davon. Ich habe noch andere Lieblingsfilme.” Und, beinahe schelmisch: „Besonders einen. Den sage ich Ihnen nicht.”

Er deutet Andrej Vajda an, zu dem er - wie er sagt - ein „Anbetungsver hältnis” hat. Um Vermutungen zu zerstreuen, nennt er rasch weitere Werke: Francesco Rosis „Christus kam nur bis Eboli”, nach dem gleich namigen Bestseller von Carlo Levy, der sich mit dem Faschismus auseinandersetzt („Wer an Eboli vorbeigeht, ist ein bewundernswerter Idiot”). Und weiter: „Wer diese 70 Minuten, die der Fellini gedreht hat (,Prova d’Orchestra”) nicht sehen will - naja, der tut mir leid. Oder John Huston! Sein Film ist ein Streifen, den man sich nur auf den Knien ansehen kann. Können Sie mir sagen, was da der beste Film ist?” Ich kann nicht.

Ein paar Namen, die bei der Viennale noch auftrumpfen werden: Fassbinder mit einem Terroristenfilm (der Regisseur: „Ich werfe keine Bomben. Ich mache Filme”), Ivory, Eisenstein, Menzel.

Zbonek hat viele Lieblingsfilme, er gibt zu, den Film überhaupt sehr gern zu haben: „Ich bin ein manischer- Filmliebhaber.” Leise rieselt der Schmäh.

Der frühere Filmredakteur vom „Neuen Österreich” ist Jahrgang 1928. Verschmitzt lächelnd gesteht er, seit 1933 ein Kinogeher zu sein. Neben Film vergnügt er sich mit der Rolle des künstlerischen Leiters im Theater der Jugend. Die Viennale ist für ihn dennoch kein Erfolgserlebnis. „Wirklich nicht”, gibt er mit einem halb angedeuteten Seufzer bekannt, „die Viennale ist für mich etwas, das gemacht werden muß. Sie bringt einem nur Arbeitsaufwand, den man niemals ermessen kann. Außerdem: Die Vorbereitungen für 1979 laufen noch, mit dem Kopf sind wir schon bei 1980.” ‘

Mit den 150.000 Schilling, die vom Unterrichtsministerium auf den Viennaletisch geblättert werden, sowie mit den zwei Millionen, die sich die schon splendablere Gemeinde Wien das Kinofest kosten läßt, wird auch Zbonek bezahlt. 10.000 Schilling bekommt er monatlich aufs Konto. „Das ist ein Betrag, den eigentlich im Theater nicht einmal eine Häuslfrau kriegt.”

Doch das Kinopublikum interessiert sich weniger für sein Gehalt, sondern vielmehr für das Filmfest.

„Es ist für die Viennale dankbar. „Das merkt man an der Kassa. Die Auslandspresse ist auch sehr zufrieden.” Die Betonung liegt bei ihm auf „Ausland”. Die Inlandspresse nicht?

„Wenig. Das ist vielleicht auf journalistische Faulheit zurückzuführen.” Der einzige Schlag mit dem Fliegenpracker des Exjoumalisten während des Interviews.

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