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Der Boden, ein Patient

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Zwei Studien, etwa zur gleichen Zeit vorgelegt, konfrontieren uns mit den Schäden, die wir Boden und Grundwasser bereits zugefügt haben und Tag für Tag weiter zufügen.

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Zwei Studien, etwa zur gleichen Zeit vorgelegt, konfrontieren uns mit den Schäden, die wir Boden und Grundwasser bereits zugefügt haben und Tag für Tag weiter zufügen.

Skipisten und Liftanlagen zählen zu den größten Verursachern nicht wieder gutzumachender Bodenschäden - dies ist das Ergebnis einer Studie über Belastung und Schutz des Bodens in Österreich. „Mehr als 50 Prozent der Pisten liegen über der Waldgrenze und können kaum wieder begrünt werden; dadurch ist eine Bodenerosion zu erwarten, die zu schwerwiegenden Veränderungen des Wasserhaushaltes führt“, betont der Leiter des Institutes für Bodenforschung und Baugeologie an der Universität für Bodenkultur in Wien, Winfried E. H. Blum, der im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung die Studie erarbeitet hat.

Scharfe Skikanten und Pistenfahrzeuge rasierten Hügel kahl. Das Ergebnis stört nicht nur das Bergpanorama für den Sommertouristen empfindlich, sondern begünstigt auch das spätere Abrutschen von Berghängen, Lawinen und Muren. Sanierungsversuche, wie sie in einzelnen Regionen durch Wiederbegrünung unternommen wurden, gestalten sich schwierig — abgesehen von der Größe der geschädigten Flä- ' chen. Verfügen wir doch in Österreichs Skizentren über 5.800 Kilometer präparierte Pisten, mehr als in der Schweiz und in Italien zusammen.

In Tirol entspricht die Fläche der Skipisten etwa der gesamten Verkehrsfläche. Zusätzlich führt der in den letzten Jahren vorangetriebene Bau von Forst- und sonstigen Erschließungsstraßen und Parkplätzen zu einer „Landschaftsversiegelung“ und damit zur ernsten Bedrohung der Berg- und Waldregionen.

Waldböden sind durch die hohe Filterleistung der Nadelbäume schädlichen Einflüssen aus der Luft weit mehr ausgesetzt als Ak- kerböden. Aus der Blum-Studie geht hervor, daß die Säurebelastung heimischer Waldböden in den letzten 30 Jahren zum Teil dramatisch zugenommen hat. Dazu kommen hohe Schwermetallbelastungen, was auf mehr oder weniger lange Sicht zu Problemen bei der Trinkwasserversorgung führen dürfte.

Für landwirtschaftlich genutzte Flächen ist die Erosion durch Wasser ein Hauptproblem, so Blum in seinem Bericht. Die Auswaschung kann zunächst wohl durch Düngung kompensiert werden, „problematisch sind jedoch die Verluste wertvollen Humusmaterials und von Nährstoffre- serven sowie ein immer schneller werdender Kreislauf von physikalischer Bodenverschlechterung und Erosion“. Diese Schäden machen sich vor allem in den zunehmenden Mais-Monokulturen bemerkbar, die bereits 22 Prozent der österreichischen Anbaufläche ausmachen.

Strukturschädigungen des Bodens entstehen nicht nur durch Wasser und Wind, sondern auch durch den steigenden Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen, die den Boden verdichten — eine Schädigung, welche die Durchlüftung des Bodens verschlechtert und sehr schwer behebbar ist.

Weniger problematisch findet der Experte die Düngung mit Wirtschafts- oder Mineraldünger, „soweit sie in richtiger Dosierung angewandt wird“. Dies scheint in Österreich der Fall zu sein, da wir im europäischen Durchschnitt eher sparsame Düngerverbraucher sind. Abgeraten wird jedoch von der Klärschlamm- und Müllkompostverwertung in der Landwirtschaft, da die hohen Schwermetallkonzentrationen dieser Dünger schwerste Schäden verursachen und das Grundwasser gefährden. Für den Boden selbst unproblematisch, doch für die Pflanzen- und Tierwelt um so bedenklicher ist der Einsatz von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Niemand kann sagen, wie sich die eingesetzten Substanzen kombiniert langfristig auswirken werden. Bedurfte doch das Bodenleben zu seiner Entwicklung Tausender von Jahren.

Einem konsequenten Bodenschutz sind in Österreich eine Vielzahl von Gesetzen sowie ein Wirrwarr von Kompetenzen in Bund und Ländern dienlich, aber zum Teil stehen sie ihm auch im Weg. Er ist als Teilgebiet im Bundesgesetz über Umweltschutz erfaßt, doch wesentliche Gesetze, so die Natur- und Landschaftsschutzgesetze, fallen in die Kompetenz der Länder. Was die Bodennutzung betrifft, regelt der Bund ebenfalls die Grundsätze, Gesetzgebung und Vollziehung obliegen den Ländern. Eine umfassende Bodenschutzkonzeption sowie gesetzliche Regelungen für die Höchstwerte der Schadstoffbelastung oder Schwermetallan- reicherung fehlen bisher.

Maßnahmen zur Sanierung bestehender und Verbote neuer Pistenanlagen und Skizentren wären ebenfalls dringend notwendig.

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