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Der Einzelfall Curie

Daß die Entscheidungen der Nobelpreiskomitees in Stockholm und Oslo bei der Wahl der Preisträger mitunter hart kritisiert werden — nicht zuletzt auch in diesem Jahr — dürfte heute jedem Zeitungsleser bekannt sein. Bisher beschränkte sich diese- Kritik aber so gilt widaus- sęhjiefilich auf die. Träger des Literaturpreises und des Friedensnobelpreises, den bekanntlich vor drei Jahren Willy Brandt und im Vorjahr der amerikanische Außenminister Kissinger erhalten hat. Die Wahl der Träger der Preise für Medizin, für Physik und Chemie trat dagegen in das Halbdunkel der hohen und höchsten Wissenschaft zurück, wohl aus dem Grunde, weil es auch für Fachleute unerhört schwer ist, die Bedeutung einer Entdeckung in der Grundlagenforschung richtig zu werten. Meist kommt man erst in zehn bis zwanzig Jahren darauf, daß man wieder einmal daneben gegriffen hat.

Doch so ungeschoren sollen das Medico-Chirurgische Institut der Karolinska, und die Königliche Akademie der Wissenschaften, die für die Verteilung dieser Preise verantwortlich zeichnen, nicht immer davonkommen. Wurde früher meist nur in akademischen Zirkeln gemurrt, so trugen nun einige Publikationen diese Kritik auch an die Öffentlichkeit. Warum, so fragt man heute, erhalten so gut wie niemals Frauen einen der Preise für Medizin, Physik oder Chemie? Ist seit den Tagen der Madame Curie (1911) wirklich niemals eine Frau eines dieser Preise würdig gewesen? Und man führt ein aktuelles Beispiel an, wie wenig beachtet und geehrt der Einsatz der Frauen auf diesen Gebieten doch geblieben ist.

Den Nobelpreis in Physik erhielten dieses Jahr zwei englische Astronomen, Martin Ryle und Anthony Hewish. Die Begründung für Hewish lautet: „… für seine entscheidende Rolle bei der Entdeckung der Pulsare.“

Die Pulsare sind kleine, doch äußerst interessante Quellen radioaktiver Strahlung im Weltraum. Diese Strahlung kann nur mit Hilfe der Radioastronomie studiert werden, die im letzten Jahrzehnt unsere Vorstellungen von den Entfernungen im Weltraum und dessen Zustand vor Milliarden von Jahren grundlegend verändert hat. Erst mit Hilfe der Radioastronomie entdeckte man die sogenannten „Quasare“ — Qua-

si-stellar-radio-.sources — die unter der Entwicklung einer extrem starken Radiostrahlung sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit von unserer Welteninsel fortbewegen,

Anthony Hewish und einige seiner Kollegen in Cambridge konstruierten ihün 1964 #in Radioteleskop mit einer enormen Reichweite. Gegen Ende des Jahres 1967 entdeckte eine Mitarbeiterin Hewish’s mit Hüfe dieses Instrumentes Radiosignale, die in kurzen Abständen und sehr regelmäßig wiederkamen. Die junge Astronomin, Jocelyn Bell, informierte Professor Hewish von ihrer Entdeckung und sagte, daß es sich nach ihrer Meinung um bisher unbekannte Strahlungsquellen in den Tiefen des Weltraums handeln müsse. Professor Hewish wies diese Auffasung als einen Fehlschluß zurück und glaubte, daß es sich hier um irdische Störungen handeln müsse. Jocelyn Bell aber forschte weiter und konnte eine Regelmäßigkeit und Präzision in dieser Strahlung nachweisen, die in irdischen Zusammenhängen völlig undenkbar war.

Damals kam der Verdacht auf, daß es sich hier auch um Signale intelligenter Wesen aus dem Weltraum handeln könnte. Doch die Dauer der „Sendungen“ und ihre Regelmäßigkeit und Genauigkeit widersprachen einer solchen Theorie, würden doch — so meinten Zyniker — intelligente Wesen, so sie erst einmal Klarheit über den Zustand unserer Welt erhalten hätten, sich sicherlich bereits dem Studium von Welteninseln mit weniger verwirrenden Zuständen zugewandt haben. So kam man schließlich zur Entdeckung der Neu- tronensterne, vermutlich zusammengebrochener Welten mit der Masse etwa unserer Sonne, aber einem Durchmesser von nur zehn bis zwanzig Kilometern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit rotieren und von extrem starken Magnetfeldern umgeben sind; Welten dm Augenblick des Todes und — möglicherweise — vor einem Neubeginn stehend.

Professor Hewish erhielt für diese Entdeckung den Nobelpreis in Physik. Jocelyn Bell machte ihren Doktor und übersiedelte an die Universität in Southampton. Sie hat geheiratet und hat ein Kind. Die weiteren Forschungen kann sie nur in ihrer Freizeit durchführen, da sie halbtageweise eine Lohnarbeit verrichten muß, die sich mit den Verpflichtungen ihres Mannes in Einklang bringen läßt…

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