6892717-1979_51_06.jpg
Digital In Arbeit

Der „entmenschte Schöpfer“

Er ist ohne Zweifel der wichtigste Staatsmann unseres Jahrhunderts. In der Bedeutung seines historischen Wirkens übertrifft er sie alle: Lenin, Hitler, Churchill, Roosevelt, Mao. 30 bittere Jahre hindurch verwandelte er unbarmherzig die sowjetische Gesellschaft, erzwang eine gigantische politische und soziale Revolution, kollektivierte die Landwirtschaft, industrialisierte die Wirtschaft, führte seine Leute durch einen brutalen und katastrophalen Krieg.

Als Stalin an die Macht kam, war Rußland noch eine AusgeStoßene unter den Nationen - Statist im europäischen Mächtekonzert. Als die Nachricht von seinem Tode um die Welt ging, war Rußland die einzig noch übrig gebliebene europäische Weltmacht, reichte der Einflußbereich des Kremls bis in das Herz Europas, konnte die Sowjetunion die Vereinigten Staaten zum Kampf um die Vorherrschaft auf dem Globus herausfordern.

Freilich wurde in den letzten 25 Jahren auch klar, d$ß er dies alles nur erreichen konnte, weil mit solchen „Leistungen“ die blutigste Tyrannei einherging, die jemals auf der Erde existiert hat

Seit den frühen dreißiger Jahren, als erst so richtig klar wurde, daß Stalin - und nur er allein - zum absoluten Herrscher der Sowjetunion aufgerückt war, hat sich ein Meer von Tinte über seinen Namen ergossen. Erst in jüngster Zeit sind jedoch auch einzelne Aspekte seines Charakters erkennbar geworden, brillant analysiert von Autoren wie Djilas, Sol- schenyzin oder dem amerikanischen Historiker Adam Ulam.

Heute wissen wir über Stalin also viel mehr als früher. Trotzdem bleibt er noch in vieler Hinsicht ein großes Rätsel.

Die Ungewißheit über seine Person kommt nicht von ungefähr, sie hat gewissermaßen „technische“ Gründe: Einmal versteht es der moderne Despotismus meisterhaft, die Massen durch Medien zu manipulieren. Zum anderen ist Stalins Tyrannei ja - im Gegensatz zu Hitlers - nie gestürzt worden. Außerdem fehlt uns der Zugang zu den Dokumenten, wir müssen uns auf die gelehrten Mutmaßungen und auf die Zeugenschaft der Dissidenten verlassen.

Aber selbst wenn sich die sowjetischen Archive eines Tages durch ein Wunder öffnen sollten, ist zu bezweifeln, ob wir aus ihnen viel mehr erfahren könnten, als wir ohnedies schon wissen. Jedenfalls müßte man überrascht sein, ließen sich etwa Memoranden entdecken, aus denen hervorgeht, daß der Generalsekretär und sein Sicherheitschef Komplizen bei den vielen grausamen Spielen waren. Denn Stalin war ein Meister auf dem Gebiet des Verschleierns und Vertuschens.

Eine Konsequenz dieser Situation ist: Während Hitler nur einen David Irving gefunden hat, kann Stalin auf eine Vielzahl verweisen, unter ihnen seine eigene Tochter Swetlana Allilujewa, deren erstes Buch Vatis Verbrechen seinen Polizeichefs - Jagoda, Jeschow und Beija - zuschrieb. Und Solschenyzin hat mit einer Spur Sarkasmus die bolschewistischen Opfer und ihr wehleidiges Klagen in den stalinistischen Gefängnissen beschrieben: „Wenn das nur Stalin wüßte“

Tatsächlich wußte es niemand besser als er: Sooft das Staatsschiff seinen Kurs wechselte - und das war in den dreißig Jahren seiner Herrschaft öfters der Fall - schickte er die vormalige Mannschaft in den Kesselraum.

Wenn Stalin die Historiker auch dazu gebracht hat, aus Verlegenheit manchmal an ihren Fingernägeln herumzukauen - die Literatur hat er besser bedient, wenn sie sich auch nur aus Abscheu seiner annahm. Zuerst schien Pasternak wie ein einzigartiges Fossil aus der vorsowjetischen Ära. Aber dann erhob sich plötzlich eine Schar von Literaten -

einige von ihnen, etwa Mandelstam, sicherlich Gespęnster um eine Epoche anzuklagen. '

Und es ist keineswegs nur paradox in Zusammenhang mit Stalin, daß seine Herrschaft eine Literatur ausbrütete, die im Kem christlicher als alles Vergleichbare im Westen war. Vielleicht ist dies nicht zufällig.

Trotz des „Zivilisationslitera- ten“-Geplappers über den „asiatischen Despotismus“: Stalin war kein Orientale, sondern der Sohn eines armen Schusters in Georgien, einem Außenposten der christlichen Zivilisation. /

Stalins Mutter, eine gottesfürchtige Frau, bestimmte für ihren Joseph den Beruf des orthodoxen Priesters, und er blieb auch bis 1899 im Tifliser

Seminar. Obwohl in den offiziellen sowjetischen Biographien diese Jahre im Leben Stalins in Dunkelheit gehüllt sind, ist doch klar, daß er eine gute Ausbildung genoß und ein aufgeweckter Student war.

Sein jugendliches Rebellentum in dieser Zeit war sicher nichts einzigartiges, ebensowenig sein Engagement in der turbulenten georgischen Politik dieser Tage. 1896 unternahm Stalin seine ersten schriftstellerischen Gehversuche: Ein Gedicht von ihm druckte die georgische marxistische Wochenzeitung „Kvali“ - zu Deutsch: „Die Furche“.

Ungefähr gleichzeitig kam er mit den Schriften Ludwig Feuerbachs in Berührung und bekehrte sich in der Folge zum Atheismus. Es sei hinzugefügt, daß nichts „Asiatisches“ oder „Exotisches“ äh einem Priesterschüler zu entdecken ist, der zum Revolutionär wird: Seit 1789 ist das schon ein mehr oder weniger allgemeines Phänomen.

Von diesem Zeitpunkt an gleicht Stalins frühe Karriere der von vielen seiner späteren Genossen. Er wurde „revolutionärer“ Organisator und dann Bolschewik. Stalin zeigte ein ausgesprochenes Talent für Intrigen und brachte es fertig, Aufruhr anzustiften, sich selber aber immer aus der gefährlichen Feuerlinie herauszuhalten. Es folgten seine Festnahme, Inhaftierung und Verbannung nach Sibirien, von wo er aber fliehen konnte.

Dann traf er Lenin, der als einziger unter den frühen Bolschewiken Stalin nicht unterschätzte. Seine Hauptaufgabe in dieser Zeit war es, Banküberfälle zu organisieren. Es gibt auch Gerüchte, daß er ein Doppelagent war. Viel wichtiger ist jedoch, daß diese Jahre der Gewalt, Verschwörung, Doppelzüngigkeit und der Katz-und-Maus-Spiele gewissermaßen zur Lehrzeit Stalins für die

Zeit der Machtausübung wurden. Stalin konnte bis in Lenins letzte Tage auf dessen Respekt zählen. Schließlich kamen Lenin aber doch Zweifel Uber dessen Skrupel hin- siahtlich seines Nachfolgers wurde ja viel geschrieben, nur die wirklichen Gründe für seine Bedenken interessierten kaum jemanden: Anscheinend hatte sich nämlich Stalin mit Lenins Ehefrau lediglich in einer etwas zu vulgären Sprache unterhalten. In Lenins Testament war Stalin hinsichtlich der Nachfolge aber dennoch die Nummer eins!

Verachtet wurde Stalin vor allem von den Partei-Intellektuellen wie Trotzki, Sinowjew oder Bucharin. Dafür bezahlten sie nicht nur mit ihrem Leben, sie waren auch im Irrtum,

als sie ihn unterbewerteten. Und insbesondere Trotzki unterschätzte ihn.

Heute ist es geradezu modern, von einem Duell zwischen Stalin und Trotzki zu sprechen. Aber Trotzki wurde von Stalin in jeder Hinsicht - also auch intellektuell - ausgetrumpft. Während Trotzki noch her- umtheoretisierte, besetzte Stalin die Schlüsselstellen in den Parteibüros mit seinen Gefolgsleuten.

Und es war Stalin, der die Kollektivierung der Landwirtschaft durchpeitschte. Theoretisch wurde sie auch von Lenin und Trotzki ins Auge gefaßt, nur schreckte ersterer angesichts der drohenden Opposition der Bauern davor zurück. Was den „Sozialismus in einem Land“ betrifft, war es Stalin, dem die Geschichte recht gab: Daß der Kommunismus sich ausbreiten konnte, ist auf die Macht der Sowjetunion zurückzuführen, nicht auf die „permanente Revolution“.

Stalin verfestigte entgegen allen Erwartungen ein politisches und soziales System, dem man nach Lenins Tod so gut wie keine Chance gegeben hatte. So gesehen war er ein effizienter, wenngleich ein bestialischer, ein entmenschter „Schöpfer“.

Was glaubte Stalin eigentlich wirklich? Vor nicht allzu langer Zeit schien diese Frage absurd. Natürlich war er ein Marxist-Leninist. Ein radikaler zumal. Ein echter Erbe der jakobinischen Tradition. Ein harter und unberechenbarer Kämpfer für die sogenannte „Partei der Menschlichkeit“.

Sein Charakter war komplex. Für seine alten Genossen war Stalin farblos, schwerfällig, ja sogar versöhnlich. Später, als er die „Opposition“ liquidiert hatte, kamen einige seiner anderen Charakterzüge zum Vorschein. In seinen letzten Jahren war er robust und humorvoll, schätzte gutes Essen, Wodka und derbe Witze. Dennoch blieb er zurückhaltend.

Zwei Dinge sind außerdem bemerkenswert. Zuerst: Im Gegensatz zu anderen Tyrannen war er schüchtern und geduldig. Hasardspiele oder kühne Streiche waren nicht sein Metier. Sein Genie lag darin, mit den Karten zu spielen, die ihm in die Hand gegeben wurden. Kein noch so großer Erfolg verleitete ihn zu politischer Hybris.

Dennoch: der tragische Widerspruch bleibt! Als junger Marxist verschrieb sich Stalin dem Ziel, für die angeblich „perfekte Menschlichkeit“ zu wirken. Die Tyrannei aber, die er errichtete, ließ ihn automatisch zu einem der grausamsten Men- schenverachter der Geschichte werden. Letztlich ist da ein echter Zynismus unverkennbar.

Ein wenig Aufschluß über die einander entgegengesetzten Motive seines Charakters gibt eine kleine Anekdote, die sich in den kürzlich erschienenen Memoiren des sowjetischen Komponisten Dimitri Scho- stakowitsch findet: Danach hörte Stalin im Radio die Pianistin Marija Judina Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 vortragen. Nachdem Stalin eine eiligst produzierte Schallplatte dieses Stückes erhalten hatte, schickte er der Interpretin ein Kuvert mit 20.000 Rubel.

Fräulein Judina dankte ihm in einem Antwortbrief und fügte hinzu, sie werde Tag und Nacht für ihn beten und Gott bitten, ihm die schweren Sünden vor Volk und Land zu verzeihen: „Das Geld stifte ich für die Renovierung der Kirche in die ich gehe.“

Und Joseph Dschugaschwili, genannt Stalin, der mit geduldiger Rachsucht jeden Gegner in seiner Reichweite und darüber hinaus vernichtet, die meisten seiner Genossen in schändliche Gräber geschickt, wissentlich erlogene Anklagen gegen Millionen von Unschuldigen erhoben, um die sieben Millionen Bauern dem Hungertod ausgeliefert und alles zusammen den Tod von wahrscheinlich mehr als 30 Millionen seiner Mitbürger verschuldet hatte: Joseph Dschugaschwili tat überhaupt nichts.

Dieser Zwischenfall mag vielleicht für einen kurzen Augenblick den Schleier lüften und den Priesterseminaristen, Bolschewiken und Zyniker in einem Zusammenhang erkennen lassen.

Der Autor war Professor für europäische Geschichte am West-Chester- State-College (Pennsylvania/USA) und arbeitet derzeit in Wien an einem Buch zum katholisch-jüdischen Verhältnis in Österreichs Geschichte.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau