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Der Freiheit ein Zuhause

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Der Plan reifte vor dem Sommer 1945. Am 1. Dezember vor vierzig Jahren ist dann die erste FURCHE erschienen, heute ein Stück „Österreich zum Herzeigen“.

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Der Plan reifte vor dem Sommer 1945. Am 1. Dezember vor vierzig Jahren ist dann die erste FURCHE erschienen, heute ein Stück „Österreich zum Herzeigen“.

Fast scheint es mir, auch meine Freundschaft mit der FURCHE wäre vierzigjährig. Das ist natürlich eine kalendarische Täuschung; doch als solche hat der Anschein Wert für mich und ist mir lieb. Ein halbes Leben lang, ja, das kann ich unübertrieben sagen. Und das ist eine gewaltig lange Zeit.

Wann es angefangen hat, das weiß man später nie ganz genau, wenn man innerlich „immer“ denkt.

Und immer waren die FURCHE und ich befreundet. Es war so, wie es sein soll — und was sonst ist denn heute und seit den Anfängen dieser unserer gesegneten Zweiten Republik und ihrer kaum je gesegneten Medienlandschaft, ich nenne das viel lieber Presse, was sonst ist denn so, wie es sein soll?

Mit dem Fritz Heer war ich nicht immer glücklich, aber mit dem Kurt Skalnik durchaus. Da war dann auch noch mein lieber Freund Jörg Mauthe, da war dann auch noch mein guter Kollege Helmut Fiechtner, „da hat sich was abg'spielt“, sagt der Herr Karl.

Ich will nicht chronologisch berichten, könnte es auch kaum. Ich will nur gleich — auf daß ich's ja nicht vergesse! — sagen, daß Mauthe und Fiechtner als evangelische Christen wichtige Gestalter in einer katholischen Wochenzeitung waren, und mehr als dies brauchte man zur Charakterisierung und Lobpreisung dieser Redaktion und ihrer Haltung nicht zu sagen.

Was ich hier erinnernd berichte, darf, bitte, nicht als egozentrisch aufgefaßt werden. Wenn ich, auch sonst, „ich“ sage, meine ich meist nicht mich, wenn ich die erste Person Singularis verwende, auch sonst meine ich meist dritte Personen.

Einmal hatte ich auch die Ehre, das Erlebnis, in das Zimmer des großen alten Mannes Friedrich Fnnder gebeten zu werden. Seine „Reichspost“ damals, in der für mich so problematischen Ersten Republik, war durchaus auf der Gegenseite meiner politischen Uberzeugung. Und dann kam ich zu ihm. Ich wußte nicht nur von seiner Wandlung, er sprach von ihr auch zu mir, voll Reue (wie sehr ist der Terminus „tätige Reue“ im Hinblick auf ihn angebracht!), und ich glaube, er verwendete sogar das Wort „Sünde“. Ecce homo Christianus!

Wir haben oft miteinander konspiriert, der Mauthe, der Fiechtner und ich. Ich erinnere mich an einen (es war aber gewiß nicht der einzige) Fall: Die Wiener Volksoper befand sich, wieder einmal, in einer kritischen Situation. Daß wir sie und daß wir das Theater an der Wien heute noch unser Eigen nennen, gehört, wie der Staatsvertrag, zu jenen glückhaften Unglaublichkeiten, an denen unsere Vergangenheit so reich ist.

Es war also eine arge Volksopernkrise. Was tun wir, fragten sich Fiechtner und ich. Es wurde der Einfall geboren, daß ich ausführlich schreiben sollte, was uns beiden richtig schien. Und dieser Artikel hatte keinen Autor, als er erschien, sondern die Formel „Von besonderer Seite“, eine altmodische, kaum mehr gebräuchliche Wendung.

Das Redaktionsgeheimnis wurde gewahrt, die Maßgebenden rätselten, welche einflußreiche offizielle Stelle wohl dahinterstehe — und das, was wir uns für die Volksoper ausgedacht haben, wurde Wirklichkeit.

Habe ich schon das Wort liberal gesagt? Wenn nicht, dann hab' ich's doch ununterbrochen gesagt, denn es ist ja von der FURCHE die Rede. Die konservative FURCHE war für das Neue in der büdenden Kunst, in der Musik, in der Literatur.

Das Wort „Liebet Eure Feinde“ war und ist für sie gegenstandslos; denn sie kannte und kennt keine Feinde, äußerstenfalls Gegner, wahrscheinlich aber nur Partner. Bei ihr sind alle zu Gast, die dem scheinbar anderen Lager angehören. Fritz Muliar, ein klassischer Sozialist, hat in seiner gegenwärtigen, dem Dissidenten ähnlichen Situation in der FURCHE ein Asyl, nein, falsch, eine beiderseits ehrende Unterkunft gefunden. Zum Beispiel.

Als ich die mir faschistoid scheinende Haltung des Staates Israel sehr schmerzlich empfand und, gerade weil ich das bin, was man „Jude“ zu nennen pflegt, mein' Gewissen erleichtern und das Nein zu dem tabuisierten Staat Israel los werden wollte, bot mir die FURCHE dazu Gelegenheit. Und als ich in der Hitze meines Zorns einen etwas zu weitgehenden Satz in meinen Text hineingenommen hatte, wollte der damalige Chefredakteur, Freund Hubert Feichtlbauer, sich von diesem Satz distanzieren, fragte mich aber vorher, wie ich dazu stehe. Wo sonst ist eine Redaktion so fair?

Seit die FURCHE nach einer Mini-Odyssee in der Wiener Singerstraße vor Anker gegangen ist, gleichsam zu Füßen der Stephanskirche, wird allsommerlich im großen, schönen Hof des Hauses der FURCHE-Heurige veranstaltet. So oft ich kann, bin ich dabei. Und letztesmal fand ich dort unseren Bundesminister Karl Blecha — und staunte gar nicht. Die FURCHE ist nicht schwarz, sie ist (eh!) nicht rot, sie ist ein weißer Rabe — sie ist rotweißrot.

Sie hat noch das, was man einen Kulturteil nennt, wie er sonst da und dort und weithin im Land unterdrückt und stiefmütterlich behandelt wird. Sie nimmt Bücher zur Kenntnis, sie referiert über Theater- und Musikereignisse, nicht nur in Wien, ja: immer wieder druckt sie Lyrik. Sie sei gesegnet.

Unser Hyde Park Corner

Gelegentlich habe ich mit den sogenannten Medien auch sonst gute Erfahrungen gemacht, nicht nur als Konsument, auch als Mitarbeiter. Aber so stetig positiv und so, gleichsam, lebenslänglich, hat sich mir die Mitarbeit nur mit der Redaktion der FURCHE vollzogen.

Ich weiß nicht, wie es heutzutage um den Hyde Park Corner in London bestellt ist. Berichte von dort wecken meine Furcht, daß auch dort nicht mehr die berühmte und gerühmte Freiheit zuhause sei; vielleicht ist die Region nur noch ein Tummelplatz von Sektierern und Halbspinnern.

Was ich vom Hyde Park träume, ist in dieser österreichischen Wochenzeitung verwirklicht, seit vierzig Jahren, und das ist im österreichischen Nachkriegsjournalismus, um Johann Nestroy zu zitieren, ein „so ungeheurer Zeitraum, daß drei Ewigkeiten samt Familie kommod Platz haben drin“.

Immer wieder finde ich vielerlei, das ich „Österreich zum Herzeigen“ nenne, und es sind nicht nur Berge, Täler und Gewässer, nicht nur Künstlerinnen und Künstler vieler Bereiche, nicht nur unser Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, es ist auch die FURCHE, die sich längst so intensiv in unser Bewußtsein eingegraben hat, daß wir uns ihres Besonderen, ihrer Einzigartigkeit, nicht gebührend bewußt zu sein pflegen. Das Jubüäum in diesem Spätherbst sei Anlaß, die Unterlassung gutzumachen.

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