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Der ganze Ring ist Bühne

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Ein halbes Jahrhundert lang hat man die Wiener Ringstraße überaus abfällig beurteilt...Verurteilt. Als Orgie eines Stilchaos, als Maskerade des untergehenden Großbürgertums, das sich, je nach Bedarf, zum historischen Kostüm auch das passende Am-, biente schuf und eine Art Identifikationszirkus mit den großen historischen Epochen trieb: Man gab sich griechisch-demokratisch, indem man einen antiken Parlamentstempel von Hansen errichten ließ, gab sich im kommunalen Verwaltungsbereich flämisch-gotisch, weil zji „Glanz des Bürgertums“ speziell die Zeit gotischer Rathäuser assoziiert'wurde; man gab sich auch in Wohnungen, Bädern, auf Bahnhöfen maurisch, romanisch, byzantinisch; und man wählte eine kühne Mischung aus spätrömischer Antike, italienischer Renaissance und römischem Hochbarock, um allen Glanz des tibernationalen Kaisertums in einem Kaiserforum zu symbolisieren.

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Ein halbes Jahrhundert lang hat man die Wiener Ringstraße überaus abfällig beurteilt...Verurteilt. Als Orgie eines Stilchaos, als Maskerade des untergehenden Großbürgertums, das sich, je nach Bedarf, zum historischen Kostüm auch das passende Am-, biente schuf und eine Art Identifikationszirkus mit den großen historischen Epochen trieb: Man gab sich griechisch-demokratisch, indem man einen antiken Parlamentstempel von Hansen errichten ließ, gab sich im kommunalen Verwaltungsbereich flämisch-gotisch, weil zji „Glanz des Bürgertums“ speziell die Zeit gotischer Rathäuser assoziiert'wurde; man gab sich auch in Wohnungen, Bädern, auf Bahnhöfen maurisch, romanisch, byzantinisch; und man wählte eine kühne Mischung aus spätrömischer Antike, italienischer Renaissance und römischem Hochbarock, um allen Glanz des tibernationalen Kaisertums in einem Kaiserforum zu symbolisieren.

Der Gegenschlag mußte kommen, ein Gegenschlag, wie ihn überhaupt jede profilierte Epoche nach sich zieht: Besessene Architektenpropheten wie Adolf Loos, Künstler, die Materialgerechtheit und Offenheit der Konstruktion um jeden Preis forderten, jede Illusionierung der Architektur verurteilten, ja gar nicht einmal zu verstehen bereit waren, qualifizierten dabei manches Bauwerk als „Mährisch-Ostrau in fünf Etagen“ ab. Darunter Bauleistungen, die uns, die wir heute mit einem Dreiviertel-Jahrhundert Distanz urteilen, oft schon unter vielen Aspekten interessant, reizvoll, ja sogar bedeutend erscheinen. Aber erscheint uns nicht bereits so vieles im Urteil eines Loos längst wieder als problematisch, weil in seinen Forderungen die Ansätze und Wurzeln für die Entwicklung der modernen Architektur,, vor allem für die Fehl-Entwicklungen zu suchen sind: für die Entmenschlichung der Bauten, letztlich für den Verfall des Geschmacks, speziell der Wohnkultur zum Dutzend-Industrieprodukt (was im Fall Loos' wie ein Paradoxon klingt, aber sich bei gründlicherer Untersuchung als Tatsache erweist): Denn am Ende dieser Entwicklung, die von Loos ausgeht, steht der Zweckparismus der fünfziger Jahre, die Entleerung von allen dekorativen Elementen, zu denen man geradezu ein gestörtes Verhältnis hochgezüchtet hat, zu jenen Bauten, die in ihrer allzu nüchternen Zweckbezogenheit letztlich zu den Hypertrophien geführt haben: zu den Wiener'Gemeindebau-Massiven der fünfziger Jahre, zu einer Großfeldsiedluhg.

Erst im letzten Jahrzehnt ist jener Umschwung passiert, der uns ein Denken in anderen Zusammenhängen ermöglicht: zum Beispiel mit der Wiederentdeckung Otto Wagners, in dessen Schaffen bei aller' Konstruktionssachlichkeit doch stets eine kühne Phantasie mitspielt, oder mit der Wiederentdeckung der belgischen und deutschen Jugendstilarchitekten ... Der Schritt von diesen zur Erschließung der Leistungen der Ringstraße, der Pariser Belle epoque, des Wilhelminischen Prunkzeitalters, der technischen Leistungen, etwa der Kristallpalastarchitekturen, war dann konsequent. Denn daß die sogenannte „Stilmaskerade“ des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts absolut nichts mit einem „Versagen“ des Einfalls zu tun hatte, daß es den großen Architekten des 19. Jahrhunderts niemals um bloß eklektisches Zusammenstellen von Stilelementen aus alten Musterkatalogen gegangen ist, bezeugen die Schriften dieser Architekten (etwa eines Gottfried Semper) wie ihre Werke. Das 19. Jahrhundert ist also ein aktuelles Thema geworden. Unser Thema. Für Kunsthistoriker, für Soziologen, für Wirtschaftshistoriker usw.

Die Thyssen-Stiftung finanziert zum Beispiel seit Jahren mit Millionenaufwand das auf 16 Bände geplante Riesenwerk über die Geschichte der Wiener Ringstraße. Einzeluntersuchungen über die bedeutendsten Architekten sind in Arbeit, Londoner und New Yorker Verlage bringen Reprints der Weltausstel-lungs- und Kunstkataloge des ausgehenden 19. Jahrhunderts heraus; Nostalgiewelle und Ringstraßenzeit machen einander gegenseitig populär. So populär, daß nun der ORF einen Stundenfilm über die Geschichte des Wiener Rings von Hans Magenschab und Karlheinz Roschitz drehen ließ (Sendetermin: 15. Oktober, 'mit einer anschließenden Diskussion über die Zukunft der Ringstraße).

Die genaue Untersuchung der künstlerischen Leistungen der Wiener Ringstraße beweist vor allem eines: wie provinziell die Haßtiraden der Kleingeister gegen den Ring waren; gewiß, abgebrochen, demoliert, verschandelt wurde auch in den anderen Metropolen eine Menge, in Paris, London, New York, Chikago ... Aber so verheerend wirkte sich die kleinliche Verwüstungsmaschinerie nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs fast nirgends aus wie in Wien und den deutschen Städten. An Fassaden, die abgeschlagen wurden, an Bauplastiken, die systematisch abgeräumt wurden, an prachtvollen Dachzonen, die aus Spekulationsgründen ausgebaut, und Kuppeln, die abgetragen wurden; was Versicherungsgesellschaften, Banken, Realitätenbüros, mittelmäßige Architekten und Kleinbaumeister zerstört haben, ist für immer verloren. Und noch katastrophaler ist es freilich den Interieurs der Ringstraßenpalais ergangen, wo kostbare originale Ausstattungen bedenkenlos „entrümpelt“ wurden.

Man braucht sich nur des „Falls“ der einst wohl märchenhaft schönen Wohnung der Dumbas am Parkring zu erinnern, wo die vom faszinierendsten Maler der Ringstraße, Hans Makart, entworfene Ausstattung einfach herausgerissen und verschleudert wurde (die kostbaren Wandbilder wurden in Paris bei einem Trödler gefunden), wo das berühmte Speisezimmer, das unter Klimts Teilnahme entstand, verkauft wurde... Die weißen Marmorhermen stehen heute in der Halle des Hotel Sacher.

Wer heute die Wiener Ringstraßenpalais auf ihre Innenausstattungen hin prüft, wird einerseits staunen, welch erlesene Schöpfungen noch vorhanden sind — um 1914 muß Wien an solchen Interieurs unvorstellbar reich gewesen sein — zugleich aber, wie vieles noch heute ohne jede Rücksichtnahme verschlampt. Anderseits, welche Meisterleistungen hier in den vergangenen Jahrzehnten teils aus mangelndem Verständnis und Interesse, teils aus Spekulationsgründen von Firmen demoliert oder rettungslos verschandelt wurden.

„Gesamtkunstwerk“: Das war das Zauberwort, das den Charakter all dieser Schöpfungen einst bestimmte. Ein Zusammenspiel von Materialien, von Marmor, Messing- und Bronzedekorationsteilen (die einst zum Beispiel alle Säulen der' großen Wandelhalle des Burgtheaters schmückten, bei der Renovierung 1955 aber als „überreicher“ Schmuck einfach abmontiert wurden!), von Deckengemälden, Ölbildern, die in Kassettenwänden eingelassen wurden, Täfelungen aus edlen Hölzern, hervorragenden Stuckarbeiten, die teils vollplastisch, teils ornamental reliefiert waren, aus Majolika-Kaminen, Brokatbespannungen und Brokatvorhängen in gedämpften Farben, aus Bronzekronleuchtern und Appliquen mit geschliffenen Glaskugeln und -schirmen, aus einem teils eingebauten, teils auf den Charakter des jeweiligen Raumes abgestimmten „Freimobilar“, aus Marmorplastiken und orientalischen Teppichen usw. Paradeleistungen sind dabei vor allem Makarts Schöpfungen gewesen, von denen fast alle zerstört wurden (obwohl sie heute touristische Sensationen wären): das farblich an Tizian und Tin-toretto orientierte Arbeitszimmer Dumbas und das große Makart-Ate-lier in der Gußhausstraße, das feindselige Zeitgenossen als „asiatische Trödelbude“ verhöhnten; der malende Chronist der Ringstraße, Rudolf von Alt, hat beide Schöpfungen in Aquarellen festgehalten, die uns zeigen, daß hier zwar ein zu Hypertrophie neigender Geschmack wirkte, aber daß. auch wir uns heute diesen Raumvorstellungen, diesem dunkel-tonigen Farbenzauber kaum entziehen können. Es sind Räume, die wie Bühnenausstattungen nnmuten ... Visionen einer Welt der Schönheit, des Luxus, der Illusion. Entrückungen aus der harten Welt der Realität.

Was besitzt die Ringstraße noch an bedeutenden Interieurleistungen? Natürlich die großen Ausstattungen der Staatspaläste, die fast durchwegs in kostbarsten Materialien, teuersten Steinsorten, prächtigsten Stuckarbeiten ausgeführt wurden. So die nie vollendete Neue Burg; Sempers und Hasenauers Hofmuseen, die zum Schönsten zählen, was die Raumkunst des 19. Jahrhunderts in Europa hervorgebracht hat; das Parlament (dessen Herrenhaustrakt nach der Zerstörung 1945 leider nicht mehr irä Original aufgebaut wurde); Schmidts Rathaus, Votivkirche und Universität; die innen durch einen Brand in den fünfziger Jahren zerstörte Hansen-Börse, deren vergoldete Kassettendecke nicht gerettet wurde: Fer-stels beispielhaft schönes Museum für angewandte Kunst; Meisterleistungen wie den Musikverein, das Hotel Imperial (früher Palais Württemberg), das Haus der Industrie, die „Kaufmannschaft“, die Postsparkasse; und „problematische Fälle“ wie die Staatsoper oder das Burgtheater, die durch die „Erneuerung“ nach Art der fünfziger Jahre nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs vieles von ihrer charakteristischen Atmosphäre verloren haben (München hat da klüger gehandelt und sein Nationaltheater originalgetreu wiederaufgebaut).

Daneben hat sich aber noch eine Reihe sehr bedeutender Ausstattungen privater Wohnungen und ganzer Palais, vor allem der großen jüdischen Bankiers und Wirtschaftsmag-naten von einst, erhalten: etwa die Wohnung des Architekten Friedrich Freiherrn von Schmidt in der Lagergasse, eine der elegantesten Ausstattungen der Makart-Zeit, die auch heute noch in allen Details mit beispielhafter Gründlichkeit gepflegt und erhalten wird; oder des Palais Erzherzog Wilhelms, das Palais Ludwig Viktor, das jetzt skandalöserweise durch Probebühnen des Burgtheaters verwüstet wird; die Theophil-von Hansen-Palais Epstein (heute Stadtschulrat) und Todesco (heute ÖVP-Haus); ferner eine Reihe prunkvoller Paläste am Schottenring, die teilweise sogar jetzt noch in abgeschlagenem Zustand dastehen wie auch so manches Bauwerk am Stubenring; am Lüeger-Platz des Palais Klein-Wiesenberg, das zwar noch über seine Deckengemälde und Wandstukkaturen verfügt, dem man aber nach dem Zweiten Weltkrieg Säulen der' Fassade und Statuen weggerissen hat?

Hier überall rettend, schützend einzugreifen, wäre höchste Zeit: im Rahmen eines künftigen Denkmal-und Ensembleschutzes müßten auch diese kunstgewerblichen Leistungen, wie die Denkmäler des Rings, vor Zerstörung bewahrt werden; als letzte Beispiele einer Epoche, in der in Wiens Wohnkultur noch kreativ, weltstädtisch, von Geschmack geprägt war.

Gerade die für die nächsten Jahre geplanten Bände des „Ringstraßen“-Werks werden da vielleicht helfen, das Verständnis auch für diese Leistungen zu vergrößern, die immerhin von so bedeutenden Künstlern wie Ferstel, Schmidt, Hasenauer, Tietz, Streit, von Malern wie dem älteren Eisenmenger, von Rahl, Führich, von hervorragenden Plastikern und einer einzigartigen Riege von Kunsthandwerkern geprägt wurden. Und mögen da auch heute noch unverbesserlich Kurzsichtige hundertmal von Stilpantsch und Kopierkunst reden, die Tatsache, daß diese Zeit Franz Josephs bei überaus originellen Leistungen der einzelnen Künstler künstlerisch ein einzigartiges Ganzes auf der Ringstraße hervorgebracht hat, läßt sich heute weniger denn je übersehen.

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