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„Der größte Humanist“

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In Oslo fand am 10. Dezember die Überreichung des Friedensnobelpreises 1975 statt, der dem sowjetischen Atomphysiker und Bürgerrechtskämpfer Andrej Sacharow verliehen worden war; Für Sacharow, dem die sowjetischen Behörden nicht die Ausreise nach Oslo gestattet hatten, nahm dessen Gattin Jelena den Preis entgegen. Sie verlas auch die Dankadresse ihres Mannes, in der Sacharow für eine weltweite generelle Amnestie aller politischen Häftlinge eintritt. Am 16. Juli 1975 hatte Anatolij Levitin-Krasnow Sacharow als Kandidaten für den Friedensnobelpreis 1975 vorgeschlagen. Levitin-Krasnow, der wegen seines Engagements für die Freiheit der Kirchen in der Sowjetunion und für die Respektierung der Bürgerrechte selbst mehrmals verurteilt worden ist und insgesamt zehn Jahre in Gefängnissen und Lagern verbracht hat, schildert zunächst die Lage de;r Bevölkerung und der Kirchen in der Sowjetunion und geht im. folgenden auf Person und öffentliche Tätigkeit Sächarows ein:

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In Oslo fand am 10. Dezember die Überreichung des Friedensnobelpreises 1975 statt, der dem sowjetischen Atomphysiker und Bürgerrechtskämpfer Andrej Sacharow verliehen worden war; Für Sacharow, dem die sowjetischen Behörden nicht die Ausreise nach Oslo gestattet hatten, nahm dessen Gattin Jelena den Preis entgegen. Sie verlas auch die Dankadresse ihres Mannes, in der Sacharow für eine weltweite generelle Amnestie aller politischen Häftlinge eintritt. Am 16. Juli 1975 hatte Anatolij Levitin-Krasnow Sacharow als Kandidaten für den Friedensnobelpreis 1975 vorgeschlagen. Levitin-Krasnow, der wegen seines Engagements für die Freiheit der Kirchen in der Sowjetunion und für die Respektierung der Bürgerrechte selbst mehrmals verurteilt worden ist und insgesamt zehn Jahre in Gefängnissen und Lagern verbracht hat, schildert zunächst die Lage de;r Bevölkerung und der Kirchen in der Sowjetunion und geht im. folgenden auf Person und öffentliche Tätigkeit Sächarows ein:

„Inmitten eines Meeres von Leid, ist der größte Humanist unserer Zeit.

Ungerechtigkeit, Willkür und allge- Weit davon entfernt, die große histomeiner Verängstigung erhebt sich rische Bedeutung A. I. Solschenyzins, wie ein Leuchtturm die Gestalt An- V. J. Tarsis', V. E. Maximows, drej Dimitrijewitsch Sächarows. Er P. G. Grigorenkos und anderer namhafter und edler Persönlichkeiten zu bestreiter, die sich als Verteidiger der Menschenrechte hervorgetan haben, muß doch gesagt Werden, daß sie sich alle von Sacharow unterscheiden, da jeder von ihnen seine politische Plattform und seinen Freundeskreis hat und so oder anders als Vertreter einer bestimmten Richtung auftritt. Sacharow ist, im Unterschied zu ihnen allen, alles umfassend. Man kann ihn weder als Konservativen noch als Liberalen, weder als Kommunisten noch als Antikommunisten bezeichnen. Er ist der Verteidiger aller Leidenden, aller Verfolgten, wer immer sie auch seien. Es gibt keinen einzigen Fall, in dem er jemandem seine Hilfe und Fürsprache verweigert hätte. Obwohl er ein großer Gelehrter ist, verließ er ohne das geringste Zögern seine Wissenschaf t, um die Verfolgten zu verteidigen. Obwohl er ein Mann im vorgerückten Alter ist und eine angeschlagene Gesundheit hat, schont er sich selber nicht im geringsten: seine Türe ist immer für jeden offen, der sich mit einem wie auch immer gearteten Hilfegesuch an ihn wendet.

Besonders viel hat er für uns, die in der UdSSR verfolgten Christen, getan. Er war der einzige, der zur Verteidigung der verfolgten Baptisten, Pfingstler und anderer auftrat. Seinetwegen hat die ganze Welt vom tragischen Geschick Georgij Vins' Kenntnis erhalten. Und d$r Verfasser dieser Zeilen hat an sich selbst seine Güte erfahren. Er war bei meiner Gerichtsverhandlung zugegen. Und anschließend wandte er sich mit einem Gesuch um Begnadigung an den Obersten Sowjet der UdSSR.

Andrej D. Sacharow ist. eine nicht nur für die Sowjetunion, sondern für die Weltgeschichte außergewöhnliche Erscheinung. Es gibt nur zwei Menschen, die in ihrer grenzenlosen Liebe zu den Menschen mit ihm verglichen werden können — L. N. Tolstoj und Mahatma Gandhi. Und es gibt.auf Erden keinen einzigen Menschen, der den Bestrebungen um Frieden in der ganzen Welt so hingegeben wäre wie Sacharow, den die einfachen Menschen und in erster Linie die Gläubigen aller Bekenntnisse so lieben, weil sie in ihm ihren Anwalt und Freund sehen.

Im Namen der gläubigen Menschen Rußlands wende ich mich an Sie, unsere Mitbrüder im Glauben, mit der Bitte, sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises an A. D. Sacharow zu verwenden.“

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