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Der Hunger nach Werten

1945 1960 1980 2000 2020

Nach krassem Materialismus der vergangenen Jahre sind „gültige Werte“ wieder gefragt. Der heutige Mensch sucht eine neue Orientierung im Zeitalter der Information.

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Nach krassem Materialismus der vergangenen Jahre sind „gültige Werte“ wieder gefragt. Der heutige Mensch sucht eine neue Orientierung im Zeitalter der Information.

Die Illusion ist verführerisch: das ausgerufene Ende der materiellen Wachstumsgesellschaft und die allerorts ausbrechende Suche nach neuen existentiellen Grundorientierungen zugleich auch schon als heraufdämmernde Epoche neuer Moralität oder gar neuer Religiosität auszumachen.

Und sie ist — wie jede Illusion -gefährlich. Denn mit ihr gehen nicht nur Denk- und Handlungsarmut einher, sondern auch Realitätsverlust. Davor ist auch - oder vielleicht gerade - die Kirche

nicht gefeit. Nur die Analyse der mannigfaltigen Phänomene, ihrer möglichen gemeinsamen Grundstrukturen, der Bedingungen ihres Zustandekommens und der Möglichkeiten ihrer Folgen schützt vor solcher Verführung.

Zunächst läßt sich die Diagnose der Lage so zusammenfassen: Die Maximierung des materiellen Wohlstands, die Maximierung sozialer Sicherheiten, die Fixierung auf das Prinzip „Nützlichkeit“ ist — allgemein gesagt — um den Preis der psychischen Entwicklung der Menschen und der westlichen Industriegesellschaften insgesamt erreicht worden.

Erst in der vergangenen Dekade ist die Notwendigkeit des Abwägens materieller Güter gegenüber den psychischen Kosten ihrer Produktion ins öffentliche Bewußtsein vorgerückt.

Allerdings: Die Entwicklung zum Postmaterialismus stützt sich zwar gelegentlich auf christliche Motive und Einsichten — vollzogen aber hat sie sich und tut dies auch heute noch großteils außerhalb der Kirche und ohne die Kraft eigentlich christlichen Begründungszusammenhangs. Obwohl gerade in dieser Hinsicht der Kirche der „postmaterialistische Primat“ zukäme — ganz im Sinne nämlich des Schriftworts „Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Matthäus 6,33).

Worauf sich die Kirche beschränkte, sind mehr oder minder dürre Ermahnungen zur Mäßigung, die sich routinemäßig im Zyklus des Kirchenjahres wiederholten und solcherart ohne eigentlichen Gebrauchswert blei- • ben.

Die Kirche hat es vielmehr den Humanwissenschaftlern überlassen, den Finger auf die Wunde zu legen: „Wir haben uns aus der physischen Armut herausgearbeitet, nur um in eine psychologische Armut zu fallen. In der Tat ist unser Zustand noch schlimmer als Armut, wir leben in einem psychologischen Slum ... Wie können wir unsere psychologischen Bedürfnisse in einer technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft befriedigen?“ Das ist die zentrale Frage.

Dennoch, oder gerade deswegen, bleibt die Herausforderung des „Postmaterialismus“ für die Kirche bestehen. Diese Herausforderung stellt sich zumindest auf zwei Ebenen mit jeweils unterschiedlichen Implikationen: Die mit dem Psycho-Boom einhergehende Kehrtwendung ins Innere signalisiert wachsende Bereitschaft der Bevölkerung, jenen Paradigmenwechsel vom Haben zum Sein zu vollziehen.

Aber was für den individuellen Bereich, die Intimität des Privaten, in unterschiedlichem Ausma-

ße gelten mag, dies trifft noch keineswegs für den politisch-öffentlichen Raum, das politische Selbstverständnis der Demokratie zu. Vielmehr deuten die Indizien darauf hin, daß gerade dieses öffentliche politische Handeln mehr denn je Maß am Materialismus nimmt.

Der Primat der Nützlichkeit, materieller Erfolg und Effizienz der Verfahren seiner Sicherung bestimmen heute mehr denn je das politische Handeln europäischer Demokratien. Die Fixierung auf den eigenen materiellen Wohlstand beziehungsweise Vorteil (Stichwort: Arbeitsplätze) läßt im Fall hereinbrechender Wertkonflikte zentrale demokratische Werte, wie gerade „Recht“ und „Gerechtigkeit“, zur quantite negliable verkommen (dies war in jüngster Zeit etwa bei der negativ entschiedenen Frage einer euro-

Tücke der Medien

(Karikatur Sattler)

päischen Solidarität in der demonstrativen Ächtung des Unrechts durch wirtschaftliche Boykottmaßnahmen gegen die nicht nur 01-, sondern auch Terrorquelle Libyen auffallend).

Die Unfähigkeit, Moral höher zu werten als materielle Vorteile, markiert heute den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung, welche die europäische Gesellschaft genommen hat, eine Gesellschaft, die in ihrem kollektiven Unterbewußtsein ohnehin durch die nach wie vor auf Hochtouren laufende Verdrängung eigener Schuld an der Menschheitskatastrophe des Nationalsozialismus politisch neurotisiert agiert, unfähig, zwischen politischer Wirklichkeit und den eigenen Wunschvorstellungen von Wirklichkeit zu unterscheiden.

Die Zeichen der Zeit konse-

quent gedeutet, heißt dies zugleich wohl auch: Die westlichen Demokratien sind nahe daran, ihren ererbten Vorsprung an Moralität gegenüber den Totalitaris-men marxistischer oder theisti-scher Prägung zu verlieren.

Als Gegenkonzept zu den Heilsideologien des Marxismus oder des islamischen Fundamentalismus hält der glaubenslose Materialismus westlicher Prägung nicht stand, hält die Demokratie ohne Fähigkeit, diesen Materialismus zu transzendieren, nicht stand.

Die Chance des künftigen Uberlebens der Demokratien wird geistig entschieden und hängt ab von der Sensibilität in der Beziehung zu den eigenen ideellen Voraussetzungen demokratischer Bereitschaft, für diese fundierenden moralischen Werte, vor allem jene der Gerechtigkeit, einzustehen.

Aber selbst wenn in der Entwicklung zum postmaterialistischen Zeitalter die Bedingungen religiöser Kommunikation Gestalt gewinnen - kann die Kirche auf diese neue religiöse Sensibilität, auf dieses Gesprächsangebot seitens der Suchenden adäquat antworten? Oder hat sie sich in der postkonziliaren Zeit nicht schon zu weit in Theorie und kirchlicher Praxis von den ihr einst geschenkten und von den Heiligen aller Jahrhunderte vermehrten transzendenten Gaben entfernt - stets eifrig bemüht, mit der modernen Lebenswelt und ihren wissenschaftlichen Erklärungskonzepten Schritt zu halten?

Ratlose Gesellschaft

Deutlicher als je zuvor brechen in der Informationsgesellschaft die psychischen Defizite des modernen Menschen inmitten einer entidealisierten Kultur auf. Mit diesen Defiziten werden zugleich auch die Versäumnisse der christlichen Kirchen während all der Jahre materieller Erfolgsorientierung offenkundig. Die Strategien der Anpassung haben Substanz gekostet, die den Ratsuchenden gegenüber zu Ratlosigkeit verurteilten. Ratlosigkeit angesichts der Frage, wie beispielsweise vermieden werden kann, von einer, nämlich der materialistischen Form des Egoismus, bloß zu einer anderen, auf das eigene psychische Wohlbefinden fixierten Spielart des Egoismus umzuschwenken.

Kurz: Gerade jetzt besteht für die Kirche die Chance, mit den gesellschaftlichen Veränderungen auch das Bezugssystem ihres Denkens und öffentlich-kommunikativen Handels zu verändern. Sie liegt darin, daß Theologie, daß die Kirche zu lernen hat, daß es eines neuen dialektischen Wechselverhältnisses zwischen dem sich rasch wandelnden modernen wissenschaftlichen Wissen und dem biblischen Offenbarungswissen bedarf.

Die Grundwerte und -Orientierungen des christlichen Glaubens sollten durch das moderne Wissen ihre Anregungen und Unterstützungen erhalten. Erst dieses Wechselverhältnis von Wissen und Glauben vermag zu verhindern, daß inmitten eines nie dagewesenen und explodierenden Informationsangebotes die psychische Armut vollends umkippt in ein Verhungern der Seele.

Der Beitrag entstammt auszugsweise der Zeitschrift „Communicatio Socialis“, 1986, 1. Der Autor ist Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

Fade Mixtur

Longdrinks gehören zur heißen Jahreszeit ebenso wie Mehrteiler im Fernsehen. Kurzserien, die die Dallas-und Dynasty-Freisommer-zeit überbrücken helfen, oder aber exotische Produkte, die schon vom Namen her in die Ferne entrücken — oder sogar ins Paradies.

,JDie Rückkehr nach Eden“, letztes Wochenende, Freitag, Samstag und Sonntag- im Hauptabendprogramm zu sehen, hatte nicht nur den klingenden Namen mit einem Longdrink gemeinsam, sondern eine tiefere Verwandtschaft.

Zunächst zum Ausgangspunkt: Die reichste Frau Australiens fällt auf einen Casanova herein, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat. Kaum ist die Hochzeit vorbei, dient die Ehefrau nur noch als Krokodilfutter. Doch welch ein Pech, wer viel Geld hat, muß wohl mehr Glück als Verstand haben. Der weibliche Krösus des fünften Kontinents überlebt und sinnt auf Rache. Soweit das Substrat der Geschichte, das bestenfalls Zweifingerhoch in einem Glas ausmacht.

Alles was noch in dem Film passiert, ist nur noch Beiwerk, Verdünnung. Weil reich alleine nicht genug ist und erst schön und reich Voraussetzung für wahrhaftige und dauernde Glückseligkeit ist, muß das Krokodil einmal kräftig zubeißen, damit das so verunstaltete Gesicht — für anderes hatte sich das Reptil laut Drehbuch nicht zu interessieren —, einer kosmetischen Operation unterzogen, dann endlich tiiel-blattfähig wird. Was da viereinhalb Stunden träge dahinplätscherte, war alles andere als erfrischend. Für diese Mixtur hätte jeder Gast sein Geld vom Barmixer zurückverlangt. Was aber bleibt dem Gebührenzahler, nicht einmal die verlorene Zeit kann er zurückverlangen. G. P.

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