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Digital In Arbeit

Der Intendant

Es war in Villach gewesen, jener fast beängstigend vitalen kärntnerischen Faschingsmetropole, deren Narrensitzungen alljährlich vom Fernsehen aufgezeichnet wurden. Und weil man dabei nicht nur das Treiben auf der Bühne, sondern auch das Publikum zeigte, fand sich zu diesen Fernsehsitzungen alles ein, was den oft unberechtigten Argwohn hegte, in Osterreich Rang und Namen zu haben. Selbstverständlich durfte auch der Fernseh-In-

tendant nicht fehlen, und ich war auch im Saal (neben meiner Ehegattin) und drückte die Daumen, daß die Nummern, die ich geschrieben hatte, keinem Bildoder Tonausfall zum Opfer fielen.

Es war alles. furchtbar aufregend, und wenn es vorbei war, ging es erst richtig los, weil der Bürgermeister der Stadt Villach Fernsehvolk und sonstige Prominenz zum traditionellen Mitternachtsempfang geladen hatte. Dieser Empfang fand jedesmal in einem altehrwürdigen Großgasthof statt, wobei es keine festgelegte Tischordnung gab.

Jedenfalls wollte es einmal der Zufall, daß der Fernseh-Inten-dant neben meiner Frau saß. Nach den üblichen Komplimenten fragte Gott-Fernsehvater: „Wissen Sie zufällig, wer diese köstliche Parodie über den Bundeskanzler geschrieben hat?"

Meine Frau errötete leicht und hauchte: „Mein Mann."

„Was Sie nicht sagen!" Der Intendant musterte mich wie ein Vater, der im Zeugnis seines mißratenen Sohnes eine gute Note entdeckt. „Sie sind also Schriftsteller?"

„O ja", meinte ich möglichst tendenzlos, „ich schreibe seit rund fünfzehn Jahren für Kabaretts, Hörfunk und Fernsehen..."

„Wie war schnell Ihr Name?"

Der mir gegenübersitzende Regisseur der Narrensitzung enthob mich der Antwort. „Aber Herr Intendant? Sie kennen den Dieter Gogg nicht?"

„Ach ja, natürlich!" heuchelte der. „Sie haben aber schon lange nichts mehr für das Fernsehen geschrieben!"

Damit hatte er zweifellos recht. Meine letzte diesbezügliche Arbeit war das Drehbuch für eine Kabarettsendung gewesen, die bei der Presse nicht so gut angekommen war, wie ich es befürchtet hatte. TV-Kritiker kann man jedoch nicht mit Theaterkritikern vergleichen. Im Theater sind letzten Endes alle Rezensenten derselben Atmosphäre unterworfen. Das fällt bei TV-Kritikern weg. Der eine sieht sich die Sendung im Kaffeehaus an, der andere allein zu Hause, ein dritter bei Freunden und ein vierter überhaupt nicht. Sie sind alle verschiedenartigsten Einflüssen ausgesetzt, und das war auch sicher der Grund dafür, daß die Ablehnung meiner Sendung einhellig war!

Auch der damalige Unterhai-

tungs-Chef war entsetzt gewesen. Nachdem er die Kritiken gelesen hatte. Zum Glück war er mir wenigstens vorher begeistert um den Hals gefallen! So hob das eine das andere auf. Trotzdem ließ er mir in der Folge keinen weiteren Auftrag mehr zukommen. Und so antwortete ich: „Meine letzte Arbeit für das Fernsehen liegt gut zwei Jahre zurück."

„Zwei Jahre?" Der Intendant schüttelte gespielt vorwurfsvoll den Kopf. „Ja, Menschenskind! Sie müssen unbedingt für uns schreiben! Haben Sie keine Lust?" Und er lauerte wie ein Ni-kolo, der eine Packung Datteln hochhält.

„Nein!" sagte ich und beobachtete, wie aus dem Nikolo ein ungläubiger Thomas wurde. Leider wurde ich aus dieser Vision gerissen, weil mich meine Frau unter dem Tisch anstieß.

„Haben Sie NEIN gesagt?" fragte der wieder zum Intendanten Gewordene.

„Wissen Sie", meinte ich, so locker es nur ging, „ich habe vom Fernsehen die Nase voll. Dort steigen Leute in verantwortlicher Position herum, die keine eigene Meinung haben..."

Meine Frau trat mir voll auf den Fuß, was mich nicht daran hindern konnte, fortzufahren: „... Leute, die der Presse hinten und vorne hineinkriechen..."

Diesmal war es mein Schienbein!

„ ...Leute, die so wenig vom Geschäft verstehen, daß sie ihre fehlenden Wertmaßstäbe durch vorhandene TV-Kritiken ersetzen müssen. Für diese Leute arbeite ich nicht!"

Und während ich mich zufrieden zurücklehnte, überlegte ich, ob ich in Villach oder erst in Graz mein Schienbein röntgen lassen sollte.

Der Intendant hatte andere Probleme, und die sprach er ganz offen aus. „Ich weiß, wir haben auch solche Mitarbeiter, obwohl es in der letzten Zeit schon wesentlich besser geworden ist!" — Damit meinte er offenbar die fünf Monate seines Wirkens. — .Andererseits kann ich Ihnen, lieber Herr Gogg, versprechen, daß Sie jederzeit zu mir kommen können, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben!"

„Herr Intendant, ich weiß ihre Großmut zu schätzen. Doch was nützt mir die, wenn bereits die Herrschaften, die mein Drehbuch beurteilen sollen, arrogante Parvenüs sind? Nein, nein! Ich habe vom Fernsehen genug!"

Jetzt mußte man selbst im letzten Winkel des Speisesaals bemerken, daß meine Frau unruhig wurde. Vermutlich hatte sich ihre Schuhspitze zwischen meinem Schien- und Wadenbein verklemmt.

„Sie urteilen aber ziemlich hart über uns arme Fernsehmenschen", bedauerte der Intendant, von dem ich in meinem Ubermut eine mindestens ebenso harte Antwort erwartet hatte. Aber seltsam! Er wurde jetzt fast servil! „Könnten wir beide nicht folgendes arrangieren? Sie liefern mir persönlich einen Durchschlag Ihres Drehbuchs ab!"

„Einen Durchschlag des Drehbuchs?" Ich dachte kurz nach. „Das ändert doch nichts an der Tatsache, daß alle über mich herfallen werden, wenn die Zeitungskritiken schlecht sein sollten."

„Und wenn ich hier an diesem Tisch hoch und heilig schwöre..."

Du liebe Güte! Erst jetzt kam mir das Groteske der Situation voll zu Bewußtsein. Da lag ein Fernseh-Intendant, jener Mann, dem unzählige Autoren die Türen einrannten, vor mir fast auf den Knien und bettelte um ein Manu-skript von mir. Und plötzlich wußte ich, was er wirklich von mir erwartete. Sicher, ich sollte ihm etwas geben. Allerdings nicht den Durchschlag eines Drehbuchs. Den hätte er mir wahrscheinlich bedauernd zurückschicken lassen. O nein! Was ich ihm geben, oder besser noch: zurückgeben sollte, war der Glaube an seine Macht! Ich behielt ihn, weil ihm dieser schon morgen von einem anderen Autor neu geschenkt werden würde. Deshalb hatte ich auch kein Mitleid mit ihm und sagte zum unwiderruflich letzten Mal: „Nein!"

Es hat ihm nicht geschadet. Sonst wäre er mir todsicher begegnet. In Villach auf der Ambulanz, wo ich mein Schienbein röntgen ließ.

Gekürzter Auszug aus dem Buch „Nur wer das Fernsehen kennt", das demnächst bei Styria erscheint.

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