6924513-1982_06_07.jpg
Digital In Arbeit

Der Kampf der Polen wird weitergehen

19451960198020002020

FURCHE-Gespräch mit dem Kommunismus-Kritiker Ludek Fachman

19451960198020002020

FURCHE-Gespräch mit dem Kommunismus-Kritiker Ludek Fachman

FURCHE-Gesprächspart-ner Ludek Pachman war in seiner Jugend selbst Kommunist, ehe er zu einem Kritiker des KP-Regimes in der CSSR wurde. 1968 organisierte er den Widerstand gegen die Invasionstruppen mit, seit 1972 lebt er in der BRD.

JpURCHE: Herr Pachman, Sie JL haben in den Augusttagen 1968 nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der CSSR wesentlich bei der Organisierung des sogenannten Sozialen Widerstandes in Prag mitgewirkt. Wie beurteilen Sie heute die gewaltlose Verteidigung?

PACHMAN: Natürlich hat unsere Erfahrung bewiesen, daß die sogenannte Soziale Verteidigung gegen gut organisierte Invasoren chancenlos ist, denn man müßte ein Volk von Helden zur Verfügung haben, um sie durchzustehen. Solche Helden, wie die beiden jungen Menschen, die sich am Wenzelsplatz in Prag öffentlich verbrannten, gibt es selten.

Wenn das unterdrückende Regime mit der berühmten Salamitaktik einen engagierten Menschen nach dem anderen kaltstellt, werden die Massen eingeschüchtert und beugen sich spätestens nach einigen Wochen den Invasoren.

FURCHE: Im kommunistischen Ostblock hat es schon etliche Freiheitsbewegungen gegeben: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und inPolen.l968 in der CSSR und die letzte 1980/81-wieder in Polen. Alle diese Bewegungen wurden mehr oder weniger grausam unterdrückt — der Schluß liegt nahe: Sie sind chancenlos. Sind sie es wirklich ?

PACHMAN: Die Chance liegt darin, daß auch jede besiegte Freiheits-Bewegung die dauerhafte Krise des kommunistischen Systems verschärft, das bereits nach der Niederringung des Prager Frühlings seine integrierende, geistige Kraft verlor und zu einer bloßen Unterdrückungsmaschi-nerie wurde. Überzeugte, begeisterte Marxisten gibt es — abgesehen von Einzelpersonen — nur mehr im Westen. In Osteuropa sind sie ausgestorben.

Die größte Hoffnung stellt in Osteuropa für mich die momentane christliche Erneuerung dar. Sie

ist meines Erachtens ein geistiger Wandel, der viel wichtiger ist als momentane machtpolitische Ver* hältnisse.

FURCHE: Marxisten nur noch im Westen? Sind Ihnen auch in Österreich solche aufgefallen?

PACHMAN: Mir scheint, daß Osterreich noch ein sehr heiles Land ist im Vergleich zu Deutschland, wo die marxistischen Kräfte in den letzten Jahren viel aktiver und auch gewalttätiger geworden sind. Sie versuchen neue organisatorische Formen auszunützen, zum Beispiel die äußersten Lin-

ken der SPD, die eigentlich keine Sozialdemokraten mehr sind, sondern Marxisten. Zur marxistischen Bewegung in der BRD gehören aber ebenso verschiedene Gruppen der Grünen und der alternativen Bewegung, zumindest Teile dieser Bewegung.

FURCHE: Was die Lage in Polen betrifft: Welche Chancen geben Sie der unabhängigen Gewerkschaft .Solidarität" nach der Verhängung des Kriegsrechtes durch General Jaruzelski?

PACHMAN: Ich habe die Befürchtung, daß in der nächsten Zeit in Polen keine unabhängige Gewerkschaft mehr existieren kann. Es ist durch die ungewöhnliche Maßnahme eines Militärputsches gelungen, die Struktur der „Solidarität" zu zerstören. Zu erwarten ist der Mißbrauch ihres Namens für eine neue Gewerkschaft, die allerdings unter staatlicher Kontrolle stehen wird. Der freiheitliche Kampf wird deswegen in Polen auch innerhalb der Arbeiterbewegung nicht aufhören.

FURCHE: Die Reaktionen der westlichen Länder auf die Ereignisse in Polen seit dem 13. Dezember 1981 waren recht unterschiedlich. Wer hat denn Ihrer Meinung nach am besten reagiert?

PACHMAN: Ganz konkret: Westeuropa sollte sich sofort den amerikanischen Wirtschafts-

Sanktionen anschließen. Wir sollten Moskau und Warschau unmißverständlich wissen lassen, daß die Forsetzung dieses Zu-standes in Polen eine ernstliche Bedrohung jeder wirtschaftlichen Kooperation und der Entspannungspolitik in der bisherigen Form bedeutet.

Sie sollten aber auch wissen, daß wir - wenn sie uns jetzt humanitäre und politische Gegenleistungen anbieten, wenn die Situation in Polen sich entspannt -zu weiterer Kooperation entschlossen sind. Im Alleingang wird Amerika wahrscheinlich, ähnlich wie im Fall des Getreideembargos als Reaktion auf die sowjetische Invasion in Afghanistan, fast nichts erreichen.

FURCHE: Moskau und Warschau konterten auf die amerikanischen Sanktionsmaßnahmen mit dem Vorwurf, Washington mische sich in die „inneren Angelegenheiten" Polens ein. Wo liegt Ihrer Meinung nach die Grenze, an der die westliche Reaktion als eine Einmischung in innere Angelegenheiten" angesehen werden kann?

PACHMAN: Die Grenze liegt mit voller Sicherheit dort, wo man seinen eigenen Willen wider die Interessen der Bevölkerung eines anderen Landes durchsetzen will und internationale Verpflichtungen verletzt. Harte wirtschaftliche Sanktionen des Westens wären keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens, weil die jetzige Lage eine Vergewaltigung einer ganzen Nation bedeutet, eine grobe Verletzung der Menschenrechte, für die der Begriff „innere Angelegenheiten" nicht gilt. Außerdem wurde durch die Verhängung des Militärrechtes ganz eindeutig die Schlußakte von Helsinki, also eine international übernommene Verpflichtung, verletzt.

Das Gespräch mit Ludek Pachman führte FURCHE-Mitarbeiter Walter Weiss

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau