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Der Kampf um Kabul

Afghanistan ist seit Mitte August ein für westliche Ausländer und erst recht für Korrespondenten hermetisch abgeriegeltes Land. Die afghanische Fluglinie Ariana nimmt in London, Frankfurt oder Istanbul nicht einmal mehr Passagiere an, die nach Kabul selbst gebucht sind. Es gehört jetzt also wirklich mehr Glück als Verstand dazu, überhaupt noch in das sowjetisch besetzte Königreich von einst zu gelangen.

Sobald man doch glücklich am Flughafen von Kabul steht, begreift man den Zweck dieser Aussperrungsaktion aller nichtkommunistischen Beobachter sofort: Der Raum um die afghanische Hauptstadt ist zum Kampfgebiet mit den islamischen Widerstands-

kämpfern geworden; aber auch mit meuternden afghanischen Heeresverbänden, die nach wie vor dem von den Russen gestürzten Hafizullah Amin und seiner nationalkommunistischen „Volksfraktion" (Chalk) die Treue halten.

So herrscht gleich am Flugplatz neben den paar Zivilmaschinen von Ariana, Indian Airways und vor allem Aeroflot das regstemilitärische Treiben: Fast ununterbrochen wird von schweren Antonov-Transportern Nachschub aus dem sowjetischen Zentralasien eingeflogen. MIG-Bomber starten unaufhörlich zu Einsätzen gegen die Aufständischen.

Die Einschläge ihrer Bomben sind hier noch laut zu hören, so daß die Rebellen höchstens 25 Kilometer vor Kabul am letzten Hügelkamm stehen müssen. Dieser ist mit starken Infanteriestellungen und Artilleriepositionen besetzt.

Aus dem Norden taucht im Morgennebel unter dem Geleitschutz von Panzern und Hubschraubern ein Benzintransport von etwa 20 Tankwagen auf. Treibstoff ist in Kabul knapp und teuer geworden, dasselbe ist bei Grundnahrungsmitteln, Edelmetallen und Medikamenten der Fall.

Auch im berühmten Bazar herrscht seit dem antisowjetischen Proteststreik aller Händler vom Juni gähnende Leere. Nur zwei der vielen hundert Läden heißen die „noblen Genossen" mit russischen Aufschriften willkommen. Untertags lassen sich die Rotarmisten in den Straßen der Stadt aber ohnedies kaum blicken. Erst in der Nacht übernehmen sie mit dem Ausgehverbot eine Herrschaft der Angst und des Schrek-kens.

Der ganze Konflikt in Afghanistan wird bei uns meist in der Schwarz-Weiß-Malerei eines Zusammenstoßes zwischen bösen Sowjets und edlen islamischen Widerstandskämpfern gesehen: einer Auseinandersetzung von Weltkommunismus und Weltislam, wobei der freie Westen selbstverständlich auf der Seite des letzteren zu stehen hätte.

Daß dem nicht ganz so ist, geht einem schon nach wenigen Stunden in Kabul selbst auf. Und mit jedem weiteren Tag in Afghanistan begreift man die äußerst differenzierte Situation besser, schließt Land und Leute richtig ins Herz und bedauert sie erst recht in ihrer Katastrophe unter den Rädern der Weltpolitik.

Nach dem letzten Stand der Dinge muß in Afghanistan langsam von regelrechtem Volksaufstand in allen Teilen des Landes gesprochen werden, wovon nur die Stadtgebiete von Kabul, Kandahar, Kelat, Ghazni und Dschalalabad, aber nicht einmal mehr Herat ausgenommen sind.

Diese blutige, grausame und wohl noch recht langfristige Auseinandersetzung spielt sich auf zwei Ebenen ab: Zwischen organisierten Freiheitskämpfern und einer seit eh und je ungebundenen Landbevölkerung nomadisierender Hirten auf der einen und den Besatzungsrussen auf der anderen Seite. Afghanische Militärs spielen dabei nur die Rolle von Kundschaftern, Dolmetschern und sonstigen Handlangern.

Der zweite Kampf tobt in der afghanischen Armee unter Führung der beiden kommunistischen Offizierscliquen Chalk und Partschami. Der Chalk hatte im letzten Vierteljahr 1979 unter Führung Amins eine ausgesprochene Terrorherrschaft aufgezogen, die sich jedoch immer moskau-unahhängiger entwickelte. Unter der Fahne - denn das bedeutet Partscham im afghanischen Persisch - von Babrak Karmal geht es in Afghanistan scheinbar wieder menschlicher zu. Doch die Satellitenrolle des Landes ist jetzt eindeutig geworden.

Und gegen diese richtet sich jetzt der spontane Widerspruch und Widerstand so gut wie aller Afghanen, ohne daß das viel mit Islam oder prinzipiellem Anti-kommunismus zu tun hätte. Diese Freiheitsbewegung, die viel breiter als die jenseits der pakistanischen und iranischen Grenze etablierten Widerstandsorganisationen ist, geht durch alle ethnischen, religiösen und sozialen Gruppen.

Zunächst hatte die schon im Juli 1973 mit dem Königssturz eingeleitete Linksrevolution das ostafghanische Pathanen- oder Paschtunentum gegenüber den das Dari-Persisch sprechenden Afghanen klar begünstigt. Heute treten jedoch beide Volksgruppen - wenigstens auf afghanischem Boden - den Sowjets Hand in Hand entgegen.

„Die Sowjets scheinen über ihre Besatzerrolle in Afghanistan selbst nicht so recht glücklich zusein"

dem Iran gegenüber bei der ganzen Okkupationsaktion mitgespielt

Der immense Gesichtsverlust der „friedliebenden Sowjetunion" bei den zunächst rein antiwestlichen Islamrevolutionären von Teheran wiegt aber viel schwerer als die rein strategischen Vielleicht-Vorteile der paar im Partisanenkrieg gebundenen Divisionen an der Ostflanke Chomeinis.

Sehr viel spricht heute rückblickend dafür, daß zunächst nur an ein vorübergehendes Eingreifen gegen den allzu ambitionierten Amin gedacht war, nach dem sich Babrak Karmal und seine Partschamisten auf die eigenen Füße stellen sollten. Dazu hat sich aber der stämmige Genosse in Hemdsärmeln als völlig unfähig erwiesen. Daher halten Diplomaten in Kabul die Tage seiner Statthalterrolle für gezählt.

Die Russen hielten schon länger nach einem anderen, auch ohne ihre Truppenpräsenz zuverlässigen und allein behauptungsfähigen Staats- und KP-Chef für die Demokratische Republik Afghanistan Ausschau. Zugleich wollen sie endlich Eintracht zwischen Chalk und Partschami stiften. Für beide Aufgaben soll der Kreml den neuen Vizepremier vom gemäßigten Chalk-Flü-gel, Justizminister Abdur. Raschid Arian, ins Auge gefaßt haben.

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