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Digital In Arbeit

Der Kreislauf

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Das lange vergriffene Buch„ Vita activa oder Vom tätigen Leben" der 1975 verstorbenen Hannah Arendt ist eben in einer Neuauflage erschienen. Darin hat sich die bekannte Philosophin mit den Problemen unserer modernen A rbeitsgesellschaft auseinandergesetzt. Ein A uszug aus dem Kapitel über die A rbeit gibt im Rahmen dieser FURCHE- Serie auch eine A ntwort auf die Sinnfrage.

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Das lange vergriffene Buch„ Vita activa oder Vom tätigen Leben" der 1975 verstorbenen Hannah Arendt ist eben in einer Neuauflage erschienen. Darin hat sich die bekannte Philosophin mit den Problemen unserer modernen A rbeitsgesellschaft auseinandergesetzt. Ein A uszug aus dem Kapitel über die A rbeit gibt im Rahmen dieser FURCHE- Serie auch eine A ntwort auf die Sinnfrage.

Karl Marx’ Stellung zur Arbeit, und das heißt zu dem Zentrum seines Denkens und seines Werkes ist von Beginn bis Ende immer zweideutig gewesen.

Obwohl die Arbeit eine „ewige Naturnotwendigkeit", „eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung“ und zudem noch die eigentlich menschliche und produktiv ste aller Tätigkeiten ist, hat die Revolution doch nach Marx nicht etwa die Aufgabe, die arbeitende Klasse zu emanzipieren, sondern die Menschen von der Arbeit zu befreien. Denn „das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört“; es beginnt jenseits des „Reichs der Notwendigkeit“.

Solche fundamentalen und flagranten Widersprüche unterlaufen zweitrangigen Autoren selten; in den Schriften großer Autoren führen sie in den Mittelpunkt ihres Werkes.

Im Falle von Marx, dessen intellektuelle Redlichkeit und Integrität im Beschreiben der Phänomene, wie sie sich seiner Sicht darboten, außer Zweifel steht, können die entscheidenden Widersprüche, die zwar nicht die Marxisten, wohl aber alle ernsthaften Marx- Interpreten beunruhigt haben, weder einer inneren Zwiespältigkeit „zwischen dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt des Historikers und dem moralischen Anliegen des Propheten“ noch der Dialektik in die Schuhe geschoben werden als einem Prozeß, dessen Wesen darin besteht, sich in Gegensätzen zu bewegen.

Das alles löst nicht den eklatanten Widerspruch, der darin besteht, daß Marx in allen Stadien seines Dejikens davon ausgeht, den Menschen als ein Animal laborans zu definieren, um dann dies arbeitende Lebewesen in eine ideale Gesellschaftsordnung zu führen, in der gerade sein größtes und menschlichstes Vermögen brachliegen würde. Ungeachtet seiner Größe endet das Marxsche Werk schließlich mit einer unerträglichen Alternative zwischen produktiver Knechtschaft und unproduktiver Freiheit...

Die Voraussetzung, von der Marx ausgeht und die er niemals aus den Augen verliert, ist, „daß die Menschen, die ihr eigenes Leben täglich neu machen, anfangen, andere Menschen zu machen“, daß sie also „die Produktion des Lebens, sowohl des eigenen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung" leisten.

In diesen Sätzen aus der „Deutschen Ideologie“ liegt sachlich der Ursprung seines Systems, den er dann im Verlauf seines Lebens und Denkens ausarbeitete, indem er an die Stelle der „abstrakten Arbeit“ die „Arbeitskraft“ eines lebendigen Organismus setzte ...

Dadurch, daß Marx die Arbeit und die Zeugung zusammensah - „durch Arbeit produziert der Mensch sich selbst, durch Zeugung produziert er andere“ -, gelangte er in eine Tiefenschicht, die keiner seiner Vorgänger, denen er im einzelnen nahezu alle seine Einsichten verdankte, und keiner seiner Nachfolger je erreicht hat.

So konnte er vor allem die moderne Arbeitstheorie in Übereinstimmung bringen mit den ältesten und bestbezeugten Erfahrungen der Menschheit, zu denen die neuzeitliche Verherrlichung der Arbeit in einen unüberbrückbaren Widerspruch geraten war. Denn daß die Mühsal der Arbeit und die Mühsal des Gebärens nur zwei verschiedene Formen eines Selbigen sind, darüber sind sich die sonst so disparaten Traditionen des hebräischen und des klassischen Altertums einig.

In Marx’ Werk wird daher deutlich, daß die neuentdeckte „Produktivität“ der Arbeit einfach darauf beruht, daß man Fruchtbarkeit und Produktivität gleichsetzte, so daß die berühmte Entwicklung der menschlichen Produktionskräfte zu einem gesellschaftlichen Überfluß in Wahrheit keinem anderen Gesetz untersteht und an keine andere Notwendigkeit gebunden ist als an das uralte Gebot: „Seid fruchtbar und mehret Euch“, aus welchem gleichsam die Stimme der Natur selbst zu uns spricht.

Die Fruchtbarkeit des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur, die aus dem natürlich gegebenen Überschuß an Arbeitskraft, über den ein jeder verfügt, herauswächst, gehört zu dem Überfluß und der Überfülle, die wir überall im Haushalt der Natur beobachten können. Der Segen der Arbeit, den man neuerdings „Arbeitsfreude“ nennt, ist die menschliche Art und Weise, der Seligkeit des schier Lebendigen teilhaftig zu werden, die wir mit allen Kreaturen teilen.

Und ein in der Arbeit sich verbrauchendes Leben ist der einzige Weg, auf dem auch der Mensch in dem vorgeschriebenen Kreislauf der Natur verbleiben kann, in ihm gleichsam mitschwingen kann zwischen Mühsal und Ruhe, zwischen Arbeit und Verzehr, zwischen Lust und Unlust mit derselben ungestörten und unstörbaren, grundlosen und zweckfreien Gleichmütigkeit, mit der Tag und Nacht, Leben und Tod aufeinanderfolgen.

Den Lohn für Mühe und Arbeit mahlt die Natur selbst, der Lohn ist Fruchtbarkeit; er liegt in dem stillen Vertrauen, daß, wer in Mühe und Arbeit sein Teil getan hat, ein Teil der Natur bleibt in Kindern und Kindeskindern.

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