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Der Krieg, den niemand wollte

1945 1960 1980 2000 2020

Juli 1914: Seit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni wächst die Spannung in Europa. Der Sarajewo-Schock löst eine Kettenreaktion aus, und plötzlich steht der Kontinent in Flammen. Könnte ähnliches auch heute passieren? Und wo steht die Forschung über den Ersten Weltkrieg?

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Juli 1914: Seit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni wächst die Spannung in Europa. Der Sarajewo-Schock löst eine Kettenreaktion aus, und plötzlich steht der Kontinent in Flammen. Könnte ähnliches auch heute passieren? Und wo steht die Forschung über den Ersten Weltkrieg?

Seit mehreren Jahrzehnten beschäftigen sich Historiker oder auch pensionierte Staatsmänner nun schon mit den Ursachen des Ersten Weltkrieges - in der Hoffnung, die entsprechenden Lehren für die Gegenwart ziehen zu können. Warum mit dem Ersten und nicht mit dem Zweiten Weltkrieg? Weil letzterer vorsätzlich war: Hitler wollte den Krieg, während sich heute kein politisch nüchtern denkender Mensch vorstellen kann, daß die beiden Supermächte die nukleare Konfrontation tatsächlich anstreben.

Konsequenterweise schließt man aus diesem Umstand, daß der Dritte Weltkrieg - wenn überhaupt — wie der Erste, gleichsam durch einen „Betriebsunfall" ausbrechen könnte; daß eine Episode, für sich von nebensächlicher Bedeutung, eine unwiderrufliche Kette von Ereignissen auslösen könnte und den Politikern (gefangen im starren Gefüge eines zu erhaltenden Machtgleichgewichtes) keine andere Wahl als die Kapitulation oder der Holokaust bliebe.

Es gibt tatsächlich beunruhigende Ähnlichkeiten zwischen 1914 und 1984. Niemand wollte im Juli 1914 den Krieg oder zumindest nicht den Weltkrieg, der sich aus den Frühsommerereignissen entwickelte. Die Serben konnten oder wollten ihre Terroristen nicht im Zaum halten; aber nicht einmal Belgrad dachte ernsthaft daran, daß Rußland der vereinigten Macht von Berlin und Wien etwas Ebenbürtiges entgegenzusetzen hatte.

Österreich-Ungarn wollte einen kleinen Krieg gegen Serbien und hoffte, Deutschland würde die Russen von einer Mobilisierung abschrecken. Rußland wollte überhaupt keinen Krieg, aber wagte es nicht noch einmal, Belgrad wie 1908 im Stich zu lassen. Denn sonst hätte es seinen einzigen Alliierten auf dem Balkan verloren.

Auch die Franzosen waren nicht begierig auf einen Krieg. Aber hätten sie es unterlassen, Rußland in der Krise zu unterstützen, wären sie den Deutschen vielleicht auf einmal alleine gegenübergestanden. Und während die Deutschen — klüger als 1941 — einen Zweifrontenkrieg vermeiden wollten, konnten es sich die Franzosen - klüger als 1939 — gar nicht anders vorstellen, als Deutschland von zwei Seiten her zu bekämpfen.

In Versailles zwangen die siegreichen Alliierten Deutschland dazu, eine Schuldklausel zu akzeptieren. Damit aber wiesen sie den „Unterlassungssünden" der Deutschen eine übermäßige Bedeutung zu.

Im Sommer 1914 hatten der deutsche Kaiser und seine Minister im Grunde gar keine Politik; die Deutschen reagierten viel eher auf die Ereignisse als daß sie diese initiierten. Damit aber ließ es die stärkste Macht auf dem Kontinent zu, daß seine Politik von einem schwachen und verwundbaren Verbündeten diktiert wurde, dessen einzige Handlungsgrundlage wiederum die Unterstützung durch die Deutschen war.

Aber wenn Deutschland auch keine Politik hatte, es hatte einen Plan, den Schlieffen-Plan. Und sicher war im Zusammenhang mit diesem Plan nur eines: in die Tat umgesetzt, würde er die schwankenden Briten auf Seite der Alliierten in den Krieg hineinziehen.

London wäre wohl kaum wegen der Ermordung eines österreichischen Thronfolgers oder einer Strafexpedition gegen Serbien in den Krieg eingetreten; die Besetzung belgischer Häfen durch die Deutschen war da schon ein viel schwerwiegenderer Grund.

Dennoch ist es nicht einfach zu sagen, was aus dem grotesken Spektakel einer Zivilisation gelernt werden kann, die sich unabsichtlich selbst zerstörte, weil sie nicht fähig war, einen relativ trivialen Schock zu überwinden.

Einige Lektionen wurden ja gezogen, besonders im Bereich des diplomatischen Krisenmanagements: Man denke an den „heißen Draht" zwischen Moskau und Washington, an die herumreisenden Diplomaten und die vielen „Krisenexperten" in den Außenministerien; oder man denke an die Leidenschaft für Gipfeltreffen und Verhandlungen, selbst wenn es dabei äußerst wenig gibt, worüber man sprechen könnte.

Die USA und Westeuropa können vielleicht diesen Schluß aus dem Versagen Deutschlands 1914 ziehen: Macht ohne eine Politik oder eine Politik, die so flexibel ist, daß sie überhaupt nicht mehr als solche erkennbar ist, ist eine Versuchung für Freund und Feind.

Ein grimmiger Trost schließlich, der sich in den letzten 70 Jahren ergeben hat: Während die Staatsmänner von 1914 die Konsequenzen ihrer Fehler schwer abschätzen konnten, haben die Politiker von heute keine Illusion darüber, was ihr Versagen auslösen könnte...

Der Autor unterrichtet Europäische Geschichte und Internationale Beziehungen am Webster College, Wien.

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