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Der Leser dichtet um

Seit Jahrzehnten zitiere ich, mir wie auch anderen, Hölderlins Ode an Heidelberg also: „Lange liebt’ ich dich schon,

wollte dich, mir zur Lust, Mutter nennen, und dir

weihen ein kunstlos Lied, Du, der Vaterlandsstädte , Ringsum schönste, so weit

ich sah." : Also falsch, denn geschrieben steht: „lieb ich dich schon, möchte dich", und dann „schenken" statt „weihen", und endlich: „der Vaterlandsstädte/Ländlichschönste, so viel ich sah." Doch bei allen Göttern Griechenlands! ich behaupte nicht bloß, dem Gedicht nicht geschadet, sondern darüber hinaus, es verbessert zu haben: Das - obendrein dem quantitie-

renden Metrum nähere - ,4iebt " statt „lieb" kann Imperfektum und Konjunktiv sein und als dieser bedeuten, daß die Liebe sich erst in der Liebeserklärung verwirklicht, welche der Dichter — daher auch mein überhaupt stärkeres „wollte" - erst nach längerem Zagen und Zaudern ausspricht; und in der Tat: vom „Zauber" der schönen Erscheinung „gefesselt" ward er ja nicht erst jetzt, sondern „einst" schon, wie der Text ab der dritten Strophe bekundet.

Weiters: von „schenken" zu „weihen" bin ich vermutlich verführt worden von dem Pathos der Form schlechthin; und vielleicht auch erschien mir das „schenken" als unziemlich gönnerhaft. Höchstens die letzte Zeile in meiner Variante ließe ich mir, wenn sie nicht bereits allzu fest säße, abhandeln: hier ist das Original sowohl sinnlicher, besser zum Anschauen, als auch im Inhalt konkreter, indem es Heidelberg nicht aus sämtlichen schönen Städten, sondern bloß aus den ländlichschönen als schönste heraushebt; hier, und nur hier, verkehrt und verfälscht meine Korrektur das vom Autor Gemeinte.

Natürlich wäre mir, meinen geliebten Hölderlin wirklich zu korrigieren, nicht einmal einst, bei noch keckeren Jahren, in den verwegenen Sinn gekommen: die Umwandlung ging ganz bewußtlos vor sich, als ein Weiterdichten gegebenen Themas mit gegebenem Wortmaterial. Ich habe, sowie ich das ganze Gedicht einmal auswendig hersagen konnte, den Wortlaut meinem eigenen Denken und Fühlen, Schauen und Sprechen unbewußt anbequemt. Wie schon gesagt: nicht immer, aber doch manchmal zum Vorteil des Originals.

Im Grunde dasselbe, übrigens, ist mir schon öfter passiert. Allein gerade das nicht immer wortgetreue Zitieren, das „falsche" Zitieren aus dem Gedächtnis — im Gegensatz zu dem falschen Zitieren aus Schlamperei oder Indolenz, wie zum richtigen aus einer bloßen Merkfähigkeit -, erbringt den Nachweis des rechten Lesens: daß das Gelesene nämlich vom Leser verarbeitet, nicht bloß verbucht worden ist. Just jenes Zitieren bekundet die Aneignung des Gelesenen, Aneignung in dem sinnlichsten Sinn dieses Wortes: wir geben, was wir zitieren, als wesentlich Eigenes wieder: es könnte von uns sein; und so, wie wir’s sagen, ist es von uns. Deshalb setzen wir ja, was uns urtief geläufig, oft gar nicht mehr zwischen Anführungszeichen: Worte der Bibel zumal, wie auch Sein oder Nichtsein, des Pudels Kern. Kurzum: das rechte Lesen ist immer ein Ubersetzen von fremden Gedanken in eigene, ipso facto von fremder in eigene Sprache.

Die Fähigkeit unseres Geistes, sich ein Gedicht zurechtzu-dichten, begegnet wohl öfter, als wir vermuten. Von Friedrich Torberg erfahren wir jetzt (aus dem

Briefband ,Jn diesem Sinne …"), daß, wie er selber, auch Alexander Lernet-Holenia und Heinz Politzer dergestalt schöpferisch lasen, und daß Hermann Broch dem Verfahren zugestimmt hat. In diesem Zusammenhang geht aber nun auch die Rede davon, daß mitunter ein einziges Wort ein sonst gutes Gedicht entwerte, ein sonst meisterhaftes entwürdige. Mir selber trat wieder, mitsamt der Frage, ob, wenn ein bloßer verbaler Fauxpas das Gedicht aus dem Takt bringt, eine bewußte Veränderung dieses Details, um das Ganze zu retten, zulässig sei, ja vielleicht gar geboten; mir trat also wieder der unvergeßliche „Empfang" von dem vergessenen Richard Dehmel, vors innere Auge, darin die dritte Strophe:

Wie dein Ohr brennt! wie dein

Mieder drückt! rasch, reiß auf, du atmest mit

Beschwerde; o, wie hüpft dein Herz mir nun

beglückt! Komm, ich trage dich,

du wildes Wunder: wie dich Gott gemacht hat!

weg den Plunder! und dein Brautbett ist die

ganze Erde.

Ich lese das Gedicht, und ich lebe mit, wie das laszive, frivole Abenteuer zum panerotischen Elementarereignis sich weitet, dank der Sinnlichkeit, Bildlichkeit, Anschaulichkeit des Gedichtes — wenn wir’s lesen, wie ich es lese, indessen: es lautet ein klein wenig anders im Original: in der dritten Zeile, da die Geliebte atemlos uns in die Arme sich fallen läßt, hüpft ihr „Herzchen nun beglückt" in dem offenen Mieder, und ach! bloß ein Herzchen: ein Diminutiv, der das ganze Gedicht verkleinert auf netten Jargon d’amour, indem er die kosmische Szene herabmindert auf ein Genre-Bildchen, auf Butzenscheiben-Idyllik, ein Rascheln der Künstlichkeit von Papier - und die ganze große Natur voller „wilder Wunder" ist flugs entzaubert zur Gartenlaube.

Allein, mir war bitter leid um das schöne Ganze, so leid, daß ich willentlich, wissentlich ausprobierte, ob es, dies Ganze, denn nicht zu retten sei; und es gelang mir, die arge Zeile „o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt" mit dem minimalsten Aufwand in sich zurechtzurücken und sie in das Ganze zurückzustimmen, es fügte sich, mag’s auch an Goethes Diktion gemahnen, schier wie von selber: „o, wie hüpft dein Herz mir nun beglückt"; denn das Herz hüpft ja ihm aus gesprengtem Mieder entgegen, er ist’s, der es also hüpfen spürt, er bemerkt und vermerkt das: „mir".

Auch früher hatte ich angesichts „toter Stellen" in einem Gedicht, aber auch bei prosaischen Werken so für mich hin spekuliert, daß ich Zeitgenosse und Freund des von mir kritisierten Dichters gewesen und dieser sein Manuskript vor der Drucklegung mir zur Durchsicht gegeben, und daß ich dann da oder dorten ihn korrigiert haben würde; ein Meister erschien mir durchaus nicht geringer, wenn er auch gleichsam sich Rat bei mir holte. Uberhaupt rührt ja keineswegs jedes Wort, das ich lese, vom Autor alleine her: oft hat die Frau, ein Kollege, ein Lektor heraus- und hineinkorrigiert.

Offenbar fühlen gerade die Großen, daß kein Menschenwerk freibleibt von blinden Flecken, von tauben Stellen; und grade sie wohl genieren sich nicht, einen Rat zu erbitten und auch zu befolgen; am originellsten geben sich stets die Dümmsten: „Hab alles von mir selbst gelernt", läßt Goethe so einen sagen, und folgert: „Es ist auch darnach!" Dem Ek-kermann jedenfalls hat er bekannt und bekundet, daß er nur weniges ganz aus sich selber habe; wir alle, das größte Genie nicht ausgenommen, sind nämlich „kollektive Wesen" und müssen ständig „empfangen und lernen", um überhaupt tätig sein zu können.

Kollektive Wesen freilich sind wir allein dank der Sprache: sind es im Logos, welcher die sonst, in der Realität, zerstückten, zerstreuten, vereinsamten Dinge Zu der uns gemeinsamen Wirklichkeit macht. Auf Dinge mögen wir allenfalls Anspruch erheben, doch nie auf Worte; denn Worte sind nie von mir, sondern von der Sprache. Nicht Dehmel, nicht Hölderlin spricht; sie spricht. Wie wir sagen: es regnet (luppiter plu-vit), so sollten wir wissen: es spricht, nämlich luppiter loquitur, nämlich der Gott spricht durch uns hindurch. Bei Homer war es immerhin noch die Muse; erst wir aber wähnen, selber zu sprechen, als Individuen autonom zu verfügen über den allen gemeinsamen Sprachschatz: Schöpfer und nicht bloß Werkzeug zu sein.

Indessen, sowie wir den Werkzeugcharakter des einzelnen Wesens begreifen, erhellt sich uns, daß wir alle fortwährend dichten an einem einzigen unvoll-endbaren großen Gedicht, in dem selbst Hiob", ein ,1 Don Quixote" bloß eine Verszeile füllen. Aber, wie gut oder weniger gut ein beliebiges Instrument nun auch grad funktioniere, wie klar und exakt oder wie verstimmt: der Gott spricht durch jeden von uns hindurch: in den vielen freilich wird er bloß flüsternd und andeutungsweise hörbar, in Shakespeare dröhnend und artikuliert; in den vielen wird dünn, im Dichter wird dicht gesprochen. Und unter diesem Aspekt der Sprache als dem All-Einen erledigt die Frage nach Urheberschaft sich von selber — wie auch die frühere Frage, von Dehmels Gedicht mir gestellt: ob ein geistiges Weiterleben, das gleichsam am Faden bloß eines Buchstabens hängt, von dem Fortbestand dieses Buchstabens abhängig sein soll.

Drum lasset uns lesen, wie’s uns gefällt, und das, was wir unbewußt tun, das Weiterdichten, auch tun mit Bewußtsein und gutem Gewissen: mindestens für unsern eignen Gebrauch, und auf den kommt’s ja an.

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