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Der Mann mit der Posaune

„Eigentlich wollte ich Zahnarzt werden.” - Fast unglaublich klingt dieses erste Statement eines Mannes in den besten Jahren, dessen Werdegang man als Slalom durch verschiedene Berufssparten bezeichnen kann. Sein Ziel hat er erreicht - wenn auch nicht mit der Bestzeit: Er ist heute wohl eine der ganz wenigen Jäzzgrößen und hauptverantwortlicher Kulturträger des Jazz in Österreich - Erich Kleinschuster.

Daß er nicht Zahnarzt wurde, lag an seinem Vater, der dem Sohn unmißverständlich nahelegte, Jus zu studieren. So begann er mit diesem Studium eigentlich ohne die Uberzeugung, daß aus ihm einmal ein guter Jurist werden könnte. Als kurz darauf sein Vater starb, mußte Erich sich um einen Beruf umschauen, um die Familie erhalten zu können. Die Simmering-Graz-Pauker AG bot dem 22jährigen Grazer einen Job als Schweißer an; und hätte sie dies nicht getan, würde e,r wahrscheinlich nie eine Posaune in die Hand bekommen haben. Denn dort gab es eine Werkskapelle, von der er sein erstes „tönendes Heizrohr” erstand.

Ganz begeistert von diesem Instrument, begann er mit dem Posaunenstudium und kam in der Folge in diverse Combos hinein. Sein Faible für Musik und sein Talent Tür dieses Blasinstrument ermöglichten ihm kurze Zeit darauf, seinen Beruf als Schweißer aufgeben und nach Wien übersiedeln zu können. Das erste Jazz-Erlebnis für Erich Kleinschuster war 1958 eine Einladung zum Newport Jazz Festival nach Amerika, wo er die damaligen Jazzgiganten kennenlernte, insbesondere eine Nacht im Hause von Louis Armstrong verbringen durfte, was noch heute für ihn eine unauslöschliche Erinnerung bedeutet.

Damit war der Weg frei als Studiomusiker und Jazzsolist. Aber - und das war ihm wichtig - er wollte nicht davon leben, nie ausschließlich in Clubs spielen und damit ein unregelmäßiges Bo-hemienleben führen. So vollendete er auch sein Tür längere Zeit unterbrochenes Studium und wurde zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert.

Diese Einstellung zum Beruf legt er auch den jungen Menschen nahe, die vielleicht Musiker werden wollen: Weil man gerade in Österreich vom Jazz nicht leben kann, muß man sogenannte „G'schäftln” annehmen, die einerseits für die musikalische Fortbildung und anderseits für die Heranbildung eines Charakters alles andere denn förderlich sind.

Durch das Spielen in Bars wird die Nacht zum Tag und der Tag zur Nacht: „Für mich ist die Natur das wichtigste Element des Lebens, ohne aufgehende Sonne kann kein Tag beginnen.” Daher sei es so wichtig, meint Erich Kleinschuster, daß man den Tag nicht erst mit dem Aufstehen zu Mittag erlebt, wie dies für „Nur-Musiker” täglicher Brauch ist. Mit Sport hat er sich überdies fitgehalten: Als Handballer beim GAK hat er es bis zur Berufung in die Nationalmannschaft gebracht. Heute geht er in der Freizeit Segeln und Tennisspielen.

Seine Liebe zu dem Land Österreich ließ ihn immer wieder von diversen Ausflügen zu internationalen Big Bands wie dem Kenny-Clark-Francis-Boland-Orchestra oder dem Friedrich-Gulda-Eurojazzorchester in die Heimat zurückkehren, die jedoch kein Abnehmerland für den Jazz war. So war der „Keks” - wie ihn seine Freunde nennen - fest gewillt, eigene Wege zu gehen und in Österreich etwas Diesbezügliches aufzubauen.

Was er geschafft hat, kann sich sehen lassen: 1969 Gründung der Jazzabteilung am Konservatorium der Stadt Wien, 1971 Gründung der ORF-Big-Band, Mithilfe bei der Gründung der Jazzabteilung an der Hochschule für Musik in Graz. Jetzt ist er bemüht, den Jazz im österreichischen Rundfunk zu etablieren: Als Unterhaltungsmusikproduktionschef des Hörfunks gehen sämtliche Jazzsendungen auf sein Konto.

Was er allerdings als einen ausgesprochenen Skandal bezeichnet, ist die Abschaffung der Jazzproduktionen im Fernsehen: „Dies widerspricht den tatsächlichen Verhältnissen: Erwiesenermaßen gibt es in der Bevölkerung mehr Jazz- als Opernfans!” So wehrt er sich gegen jazzfeindliche Tendenzen in den österreichischen Medien, um dem Jazz jenen Stellenwert in der Gesellschaft zu verschaffen, den er aufgrund des Gebotenen verdiente.

Ob ihm bei dieser beruflichen Uber-belastu'ng noch Zeit für die Familie bleibt? „Nein, leider nicht. Es war mein eigener Fehler, den Beruf zu sehr betont zu haben, denn das wird in keiner Weise honoriert”, betont Erich Kleinschuster. Für ihn bedeutet Familie die absolut einzige Möglichkeit eines sinnvollen menschlichen Zusammenlebens. Die „moderne Ehe” ist für den Vater zweier Kinder ein Greuel, er befürwortet die Rollenverteilung Mann-Beruf bzw. Frau-Haushalt in der Ehe. Als das Wort „Gott” einmal fällt, wird er nachdenklich: „Also ich bin evangelisch erzogen worden, in einem Waisenhaus aufgewachsen, und heute glaube ich schon an eine Instanz, die dem Menschen Richtung gibt. Ob das ein Gott ist? . . . Auf jeden Fall beneide ich die Menschen, die an Gott glauben.”

Das höchste Gebot für ihn schlechthin ist „Liebe deinen Nächsten”. Danach versucht er, sein Leben auszurichten: Toleranz, Verständnis, Anerkennen einer anderen Meinung. „Die jungen Leut' heute sind oft so einseitig, z. B. beginnen sie, die sogenannte ernste Musik zu ignorieren, weil sie eine gewisse Tradition und steifes Gehaben mit sich herumschleppt.” Er selber hat große Hochachtung vor den Meistern der E-Musik verweist auf zahlreiche Schlüsselerlebnisse und ergreifende Augenblicke, die er bei Konzerten gehabt hat. Darum, so meint er, sei für jeden guten Jazzmusiker eine solide klassische Ausbildung notwendige Voraussetzung. Das verlangt er. auch von seinen Schülern, wenn sie einmal etwas erreichen wollen.

Kann man den Jazz eigentlich definieren? „Jazz wird oft als oberflächlich angesehen, weil er relativ leicht durchschaubar ist. Diese Musik wird getragen von der Persönlichkeit des Musikers, seiner Vitalität, der Emotion, die beim Improvisieren entsteht.” Hat er zwar heute seine Tätigkeit als Komponist fast aufgegeben (von Erich Kleinschuster stammen die „Oberwarter” und „St. Gerolder-Jazzmesse” sowie zahlreiche kleinere Kompositionen für Big Band, z. B. die „Maurischen Anekdoten”), so macht ihm das Spielen die meiste Freude. Die Zusammenarbeit mit Menschen, Konzerte, Sessions, Publikum, Stimmung,... und natürlich die mitswingende Posaune.

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