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Der Mensch — das freie Wesen

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„Lebensentscheidung“ war das Thema der diesjährigen Salzburger Hoch-schulwochen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Entscheidungsfreiheit des Menschen.

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„Lebensentscheidung“ war das Thema der diesjährigen Salzburger Hoch-schulwochen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Entscheidungsfreiheit des Menschen.

„Wenn der Ort unseres Lebens Geschichte ist mit den unermeßlichen Verpflichtungen dieses Namens, so bleibt nichts anderes übrig, als die Jugend auf das Tragische des geschichtlichen Lebens, seine Unheilbarkeit, vorzubereiten. Denn in der Geschichte erscheinen notwendige Ansprüche,die notwendig unerfüllt bleiben.“

An diese Passage in Reinhold Schneiders „Verhülltem Tag“ wird man unentwegt erinnert, läßt man die diesjährigen Salzburger Hochschul wochen (28. Juli bis 9. August) und ihr Generalthema „Lebensentscheidung“ nochmals vorbeiziehen.

Denn bei alledem, was zu den Themen Freiheit, Sinn, Entscheidung zu hören war — es geriet um i jene Spur zu optimistisch, was die Theorie anging. Es waren Variationen zu bekannter christlicher und katholischer Lehre, es gab Tröstliches zu Glaubenskrisen zu hören wie von Gotthard Fuchs aus der Weisheit der christlichen Mystik: „In Zeiten, da asiatische Mystik und esoterische Weltanschauung breit in das Sinnvakuum einströmen, das auch durch die Großkirchen entstanden zu sein scheint, ist eine Besinnung auf die Erfahrungen christlicher Mystik besonders wichtig.“

Entschieden schärfer stieß Karl Steinbuch, emeritierter Ordinarius der Universität Karlsruhe, nach dem sanften Direktor der Rabanus Maurus-Akademie Wiesbaden nach und geißelte den „gegenwärtig grassierenden neuen Mystizismus“, bei dem „aus unverdauter Naturwissenschaft und angelesenem Buddhismus etwas zusammengebraut“ werde, was den christlichen Glauben und die cartesianische Rationalität ersetzen solle.

Dieser neue Mystizismus werde die geistigen Grundlagen unserer Kultur auflösen und jeder Ver-rückheit gutes Gewissen verschaffen: „Auf der Höhe der Zeit ist nicht, wer die allerneuesten Torheiten weiterträgt, sondern wer ihnen, wohlbegründet, widerspricht.“

An diesen beiden Extremen zeigt sich, daß dazwischen theoretische Vorlesungen notwendigerweise verblassen mußten; außerdemwaren „Sinn“ wie „Freiheif'be-reits eigene Hochschulwochen gewidmet, so daß „Lebensentschei-sdung“ in Vorlesungen und Seminaren an den Nachmittagen Konturen gewann.

Nun ist ja nicht zu leugnen, daß Lebensentscheidungen mit der Entscheidungsfreiheit kausal verbunden sind. Aber dazu muß man wohl sehr genau unterscheiden, wenn man „Freiheit“ sagt: meint man Willensfreiheit oder jene unabdingbar mit der menschlichen Person verbundene und seine Würde konstituierende Eigenschaft, die ihm keine Folter rauben, keine unbemerkte Manipulation stehlen kann? Jene Eigenschaft, die er hat, weil er Menschenantlitz trägt, selbst wenn er sich gegen alles kehrt, was Menschen gemeinhin als Wert bezeichnen.

Da hat in dankenswerter Klarheit der Heidelberger Physiologe Hans Schaefer die naturwissenschaftlichen Möglichkeiten der Hirnphysiologie und damit der Determiniertheit des Menschen dargestellt und daneben ein Modell der Freiheit; nach Schaefer kommt man nicht daran vorbei, daß menschliches Handeln einerseits die subjektive Einsicht in die Freiheit der eigenen Willensentscheidung und andererseits die objektiv beobachtbare starke Abhängigkeit menschlichen Handelns von äußeren Bedingungen (Zwängen) kennt, „die solches Handeln als determiniert im Sinne naturwissenschaftlich begriffener Gesetzmäßigkeit erscheinen lassen.“ jj

Nichts spreche für die Annahme eines totalen Indeterminismus, die nicht nur dem Satz vom hinreichenden Grund widerspreche, sondern auch sozial gefährlich sei. Ein indeterminierter Mensch sei eine Gemeingefahr und sozial nicht zu integrieren. Damit sei aber nichts gesagt gegen die Freiheit, die irrtümlicherweise sehr oft mit der indeterministischen Grundannahme verknüpft werde.

„Der Mensch - das freie Wesen“ war zu dreistündiger Vorlesung der Baseler Professorin Annemarie Pieper anvertraut, deren drei Thesen lauteten:

• Menschliche Freiheit ist Freiheit der Entscheidung oder Wahlfreiheit auf der Basis einer sittlichen Grundentscheidung.

• Menschliche Freiheit ist wesentlich sittliche Freiheit.

• Der Mensch soll ganz er selbst sein in freier Gemeinschaft mit anderen.

Existentiell zu begründen suchte der Wiener Fundamentaltheologe Johann Reikersdorfer die Freiheit, die er in seinem Zyklus als „Freiheit aus Gnade“ darzustellen suchte, wobei er — im Hintergrund die „Lebensentschei-cTüng““- “die Formulierung fand.daß nur im Glauben alle Humanitätsverwirklichung des Menschen in Geschichte, Gesellschaft und individueller Existenz überschritten werde.

Dies deswegen, „weil er (der Glaube) die freie Aufgabe der menschlichen Sinnproblematik an den heilshandelnden Gott der Geschichte ist und darin eine neue Freiheit gewährt... Der Glaube kann das Dasein mit seinen Aufgaben und Erfüllungen auch dort noch annehmen und gutheißen, wo rein menschlich ein tragischer Heroismus das letzte Wort haben müßte.“

So gesehen braucht es die anthropologischen Ansätze einer Pädagogik, um die „Freiheit als Totalexperiment“ (Reikersdorfer) überhaupt erst möglich zu machen.

Marian Heitger, der Wiener Erziehungswissenschafter, sah die eigentliche und tiefe Wurzel der Gefährdung der Freiheit in einem Wissenschaftsverständnis, das sich ausschließlich dem Verwertungsinteresse verpflichtet weiß. Damit aber kann Freiheit in ihrer Unberechenbarkeit nicht mehr zugelassen werden.

Auch wenn man ihn als allzu polemisch angesehen hat — Steinbuch hatte auf seine Weise recht, wenn er, fast als Resümee, sagte: „Möglicherweise ist in unserer Zeit die Gefahr nicht größer, son-> dem nur der vertrauende Glaube geringer.“

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