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Der Mensch in der Megamaschine

1945 1960 1980 2000 2020

Umweltprobleme, wohin man schaut. Viele nehmen sie abgestumpft zur Kenntnis, andere rechnen mit technischen Verbesserungen. Gibt es Auswege aus dem Dilemma? Welche?

1945 1960 1980 2000 2020

Umweltprobleme, wohin man schaut. Viele nehmen sie abgestumpft zur Kenntnis, andere rechnen mit technischen Verbesserungen. Gibt es Auswege aus dem Dilemma? Welche?

Das Faktum, daß mindestens ein Drittel des österreichischen Waldes nachweislich krank ist (im Wienerwald sind es nach jüngsten Untersuchungen sogar, bereits zwei Drittel), ebenso wie die Verschmutzung der Gewässer (einschließlich Grundwasser) oder die Zerstörung der Böden, lösen Bestürzung aus, zumindest Betroffenheit. Weitere Stichworte in dieser Reihe sind Vergiftung der Luft, der um sich greifende Artentod bei Tieren und Pflanzen, die Schwierigkeiten, den Zivilisationsmüll zu vermindern, die Verkehrsproblematik...

Die Isolierung der Phänomene voneinander fördert die Illusion, wir könnten des Waldsterbens oder der Gewässerverschmutzung je primär mit technischen, ökonomischen und politischen Mitteln herkömmlichen Stils Herr werden.

Die Verknüpfung der Phänomene miteinander dagegen führt dazu, sie als das zu sehen, was sie tatsächlich sind: verschiedene Zeichen einer umfassenden Krise. In ihrer gegenwärtigen Gestalt eröffnet sie sich uns nach drei Richtungen hin, nämlich als Wahrnehmungs-, Orientierungs-und Beziehungskrise.

In dieser Situation eröffnet sich uns der Sinn dieser Krise als Aufforderung, zur Besinnung zu kommen, unser Leben neu zu orientieren und verantwortliche Verbundenheit zu stiften. Dann ergibt sich für den Weg durch die Krise dreierlei:

• wo Wahrnehmung beeinträchtigt wird, ist Öffnung vonnöten, um Wirklichkeit umfassender zu erkennen;

• wo Menschen fragwürdige Ziele anstreben, muß es um Neu-Orientierung gehen;

• wo unsägliches Leid durch Beziehungsverlust entsteht, muß neue Verbundenheit wachsen.

Diese drei großen Schritte — mit einer Vielzahl kleinerer — liegen vor uns, wenn wir die Krise nicht hinausschieben wollen. • Wahrnehmen lernen ist gleichsam die erste Aufgabe, der wir uns in der Situation der Krise einzeln wie gesellschaftlich zu stellen haben. Sie schließt die Bereitschaft zur Sorge und Furcht angesichts der realen Bedrohung unserer Zeit ein.

Hatten wir bisher einen großen Teil unserer Kraft darauf verwendet, die Zeichen der Krise zu verdrängen oder ihre Bedeutung für uns herabzusetzen, so wird es nunmehr vonnöten sein, die Wirklichkeit, in der wir leben, so umfassend wie möglich zu erkennen.

Im Grunde genommen bedürfen wir einer eingehenden Besinnungsarbeit, die uns Aufschluß darüber gibt, was ist und was sein sollte, das heißt, unter welchen Bedingungen sinnerfülltes Leben in unserer Zeit wieder lebbar werden könnte.

Wahrnehmungs- und Besinnungsarbeit brauchen Zeit, Stille, Muße und Freiräume jenseits der angeblichen Sachzwänge. Sie bedürfen eines gewissen Maßes an Befreiung von den Erfordernissen der Mega-Maschine des technisch-industriellen Fortschritts.Ist es doch eben dieser sich immer rascher weitertreibende Fortschrittsmechanismus, der uns die Luft zum Atmen nimmt.

Besinnung ist ohne das persönliche Sich-Losmachen aus der Verstrickung in diesen Mechanismus nicht möglich. Sie erfordert Mut zum Widerstand gegen das eigene vermeintliche Eingebundensein und zugleich Mut zur Auseinandersetzung mit jenen, die krampfhaft am Bisherigen festzuhalten versichern.

Letztendlich verweist der erste große Schritt, den wir tun können, auf Ansätze zu neuer Hoffnungsund Vertrauensarbeit, denn nur mit diesen beiden - Hoffnung und Vertrauen — werden wir dem erschreckenden Anblick der von uns gestalteten Welt standzuhalten vermögen.

• Wenn die Besinnung wirklich in die Tiefe geht, wird sie uns enthüllen, daß unser bisheriges Leben mit seiner falschen (oder auch nur unklaren) Orientierung verfehlt war. Solcher Erkenntnisprozeß wird uns erschüttern und verunsichern. Er wird uns mit unserer Schuld konfrontieren, zum Unheil-Sein der Welt beigetragen zu haben.

Ja, er mag uns bis in tiefste Verzweiflung führen, dorthin, woraus kein Weg mehr hervorzugehen scheint. Aber nur da, wo das Alte und Uberlebte in uns an sein Ende kommt, wird Raum für Neues frei. Und: Der Erkenntnisprozeß muß tief genug reichen, damit aus ihm jene Entschiedenheit erwachsen kann, die fest genug ist, den Anfechtungen und Widerständen auf dem neuen Weg zu widerstehen.

Auf diese Entschiedenheit nämlich kommt es an. Sie ist einer der beiden wesentlichen Aspekte der Rede von der Neu-Orientierung.

Wenn Jesus sagt: „Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den andern lieben; oder er wird sich dem einen zuneigen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus 6,24) So kommt in diesen Worten die Bedeutung klarer Entscheidungen — für Gott und gegen den Mammon — zum Ausdruck.

Der zweite wesentliche Aspekt ist der der Richtung der Neu-Orientierung selbst. Auf Gott hin sollen wir unser Leben ausrichten — für Christen, die sich recht gut mit der Welt des Fortschritts und Konsums arrangiert haben, heißt das: Sie wollen wieder entschiedener unser Leben an seinem Wort und Willen nach Jesu Vorbild orientieren:

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere dazugegeben werden.“ (Matthäus 6,33)

• Dies also ist die Orientierung, die Jesus uns vorschlägt. Es ist die eine Richtung weg vom Mammon, weg von Macht und Machbarkeit, weg von Sicherheit, Bequemlichkeit und Genuß durch Konsum, hin zu einem anderen und neuen Leben.

• Die Rede vom Reich Gottes, an dem wir uns orientieren sollen, ist schon immer eine problematische, verfängliche und mißverständliche gewesen. Ich möchte es trotzdem wagen, diese Rede anhand einiger Stichworte verständlich zu machen: Ein erstes Stichwort, das in diesem Zusammenhang bedeutsam ist, ist das Wort „Person“ oder Personalität.

Gerade in einer Zeit, in der das Menschliche davon bedroht ist, in der Megamaschine der technischindustriellen Zivilisation unterzugehen, bedarf es einer Rückbesinnung darauf, was uns von Gott her aufgetragen ist. Eben dieser Auftrag, diese Bestimmung kulminiert in der Rede von der Personalität des Menschen. Hierbei sind zwei Aspekte besonders wichtig:

Der erste heißt „Freiheit“: Die Rede von der Personalität des Menschen geht davon aus, daß wir Menschen entgegen allen anderen Theorien kraft Gottes und mit Gott frei sind. Das heißt: Wir sind, wenn wir bereit sind, genauer hinzusehen, keineswegs den Trends unserer Zeit ausgeliefert.

Wir können uns, indem wir nach Gottes Hand greifen, aus innerweltlichen Sachzwängen befreien lassen, können uns Stück für Stück aus unserer Verstricktheit in ein falsch orientiertes Leben lösen. Daß das mit Entschlossenheit geschehen muß und wird, ist offensichtlich. Aber in der Möglichkeit zur Umkehr liegt eine der Haupthoffnungen unserer Weltstunde.

Der zweite Aspekt heißt „Orientierung am Dialog“. Die Rede von der Personalität des Menschen geht davon aus, daß das besondere Vermögen des Menschen mit der Gabe des Wortes in Verbindung steht. Das Wort, das ich an andere richte oder das an mich ergeht, vermag Dialog zu stiften.

Das Zentrum solchen Dialogs ist die Annahme des jeweils anderen in seiner Andersartigkeit und die Bereitschaft, sich mit ihm offen auseinanderzusetzen. In der Dialogfähigkeit des Menschen liegt eine weitere große Hoffnung in der Krise unserer Zeit.

Als zweites Stichwort ist das Wort Verbundenheit zu nennen. Verbundenheit ist gleichsam das Ergebnis gelingenden Dialogs.

Menschen, die sich ihren Mitmenschen verbunden fühlen können, werden deren Rechte respektieren.

Verbundenheit ruft Verantwortung wach, Verantwortung für die nichtmenschlichen Mitgeschöpfe, Verantwortung für die, die um unseres Wohlstands willen Hunger leiden müssen, Verantwortung für künftige Generationen, denen die Möglichkeit zu einem lebenswerten Leben erhalten bleiben soll.

Das dritte Stichwort heißt Gemeinschaft. Dort, wo Menschen mit anderen Menschen und ihrer kreatürlichen Mitwelt Gemeinschaft erstreben, können sie dem Unheil der Zeit wirksam und gestärkt, sich gegenseitig stützend, entgegentreten. In gemeinsamer Auseinandersetzung um ein an Gottes Willen orientiertes Zusammenleben wird Zug um Zug sichtbar, was wir (sinn-)erfülltes Leben nennen können (das umfaßt Freude — und Lebensfähigkeit).

Die Orientierung am dialogischen und deshalb erfüllten Leben wird — mit Gottes Hilfe — ihre eigene Dynamik entfalten und sich, Kreis um Kreis, wachsend, neue Bereiche der Verantwortung suchen — solange, bis sie gerade in unserer Zeit der weltumspannenden Vernetzung allen Lebens die Dimension der realen Verantwortung der Menschen für den Frieden auf der Erde entdeckt.

Das Stichwort „Friede“ ist das letzte in diesem Zusammenhang. Es illustriert die Größe der — in der Krise unserer Zeit — vor uns stehenden Aufgabe: aktiv am Frieden Gottes für seine Schöpfung mitzuwirken.

Auszug aus: FÜR EIN LEBENSRECHT DER SCHÖPFUNG. Von Dolores M. Bauer und Günter Virt (Hrsg.). Otto Müller Verlag, Salzburg 1988. 189 Seiten.

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