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Der neue Exodus

1945 1960 1980 2000 2020

Amerika schloß seine Tore für Sowjetjuden. Antisemiti­sche Sentiments vertreiben Zehntausende Juden aus der UdSSR. Israel muß mit einer riesigen Immigrations­welle rechnen.

1945 1960 1980 2000 2020

Amerika schloß seine Tore für Sowjetjuden. Antisemiti­sche Sentiments vertreiben Zehntausende Juden aus der UdSSR. Israel muß mit einer riesigen Immigrations­welle rechnen.

Es war Mitternacht im Ben-Gu­rion-Flughafen bei Tel-Aviv. Rund 150 Neueinwanderer aus Rußland waren soeben eingetroffen. Die meisten sprachen Russisch. Einige gingen an die öffentlichen Telefo­ne, um ihre Verwandten anzurufen und ihnen mitzuteilen, daß sie ein­getroffen sind. Alles ging so schnell, daß die meisten vorher ihre An­kunft bei ihren Nächsten nicht anmelden konnten. Einige Kanz­leiräume im Terminal wurden vom Eingliederungsministerium zwecks Registrierung belegt. Vor jeder Türe warteten Dutzende. Erst nach sechs Stunden wurden die Neueinwan­derer in ihre Wohnungen oder Hotels geschickt. Viele hatten sich durch Freunde oder Verwandte Wohnungen mieten lassen, andere gingen erst für einige Tage ins Hotel, um sich anschließend eine Woh­nung zu suchen.

Der 39jährige Lev Kaufmann, seine Frau Jelna (35) und der Sohn Burja (10) aus Leningrad wurden von niemandem am Flughafen erwartet. Sie haben Freunde in Raanana, einer Provinzstädt in der Nähe Tel-Avivs, die bereits neun Monate hier sind und für sie eine Zwei-Zimmer-Wohnung mieteten. Die Regierung gibt ihnen einen Wohnungszuschuß von 575 Nis (Schekel) im Monat, dabei kostet ihre Wohnung 720 Nis und Lev verdient noch nichts. Der Wirt will seine Miete ein Jahr im voraus. Die Kaufmanns haben kein Geld und wandten sich an das Eingliede­rungsministerium. Dieses versprach zu helfen, doch bis jetzt droht der Hauswirt und das Ministerium läßt noch nichts von sich hören.

Die Kaufmanns fühlen sich ir­gendwie verlassen. Die Freunde sind zum größten Teil in Leningrad geblieben. Bis vor wenigen Mona­ten fühlten sie sich als Russen. Doch eines Tages kam Burja weinend aus der Leningrader Schule nach Hau­se und erzählte, daß Kinder aus seiner Klasse ihm „Saujud" nach­gerufen hätten. Lev wollte sofort auswandern, seine Frau hingegen wollte nur schwer auf ihr geliebtes Leningrad verzichten. Doch als sie bei einem Disput mit einer Nach­barin eine antisemitische Anspie­lung heraushörte, ließ auch sie sich von ihrem Mann überreden.

Bis zum Sechstagekrieg 1967 versuchten sich die zwei bis drei Millionen Juden - ihre genaue Zahl kennt keiner - in der Sowjetunion zu integrieren. Doch dieser Krieg und der drauffolgende Jom Kip-pur-Krieg (1973) erweckten erneut das nach den diversen Verfolgun­gen eingeschlafene jüdische Be­wußtsein. Dieselben Juden, die bis dahin Angst hatten, Briefe an ihre Verwandten im Ausland zu schrei­ben, baten diese um ihre Mithilfe, damit sie im Rahmen der Familien­vereinigung nach Israel auswan­dern könnten. Obwohl die Sowjet­union keine diplomatischen Bezie­hungen mit Israel unterhielt, er­laubte sie eine beschränkte Aus­wanderung, die etwa 220.000 Per­sonen im Laufe der siebziger Jahre nach Israel brachte.

Mit dieser Einwanderungswelle nach Israel versiegte jedoch der große Strom der nationalbewußten Juden. Die Mehrheit der Sowjetju­den, die schon in der dritten und vierten Generation nach der Revo­lution geboren wurden, hatte nur wenig für das Judentum übrig. Sie sind weder nationalbewußt noch

haben sie irgend eine religiöse Ver­bindung zum Judentum. Doch wenn es zum Auswandern irgendeine Möglichkeit gibt, so lassen sie diese nicht ungenutzt.

Die Sowjetjuden entdeckten, daß sie eigentlich politische Flüchtlin­ge sind, die das Sowjetregime ver­lassen wollen und deswegen als solche von den USA aufgenommen werden. Amerika, das Paradies des Kapitalismus, war schon immer der Traum der Sowjetbürger, wenn sie sich stundenlang in Reihen anstel­len mußten, um ein Kilo Fleisch zu erwerben, Zucker, Brot und ande­res. 180.000 Sowjetjuden gelangten auf diese Weise in die USA. Aller­dings mußten sie feststellen, daß das Leben in Amerika auch nicht so rosig ist, wie sie es sich erträumt hatten. Viele Ärzte wurden dort zu Taxichauffeuren und viele Inge­nieure zu Hilfsarbeitern, im besten Fall zu Technikern.

Dann kam Glasnost. Von den letzten Aus wanderungswellen gin­gen 90 Prozent in die USA (eine Minderheit davon in westeuropäi­sche Länder) und nur zehn Prozent wählten Israel.

Glasnost gestattete Meinungs­freiheit - die alten antisemitischen Sentiments wurden in der UdSSR nun wieder salonfähig. Zu diesem Zeitpunkt konstatierten die ameri­kanischen Behörden, daß die So­wjetjuden frei auswandern dürfen und es sich daher nicht mehr um politische Flüchtlinge handle. Im Klartext: Die Tore Amerikas wür­den geschlossen.

In Israel nimmt man an, daß in­nerhalb der nächsten fünf Jahre 750.000, vielleicht noch mehr So­wjetjuden einwandern werden. Dabei kommt diese riesige Einwan­derungswelle sehr ungelegen, da zur Zeit die Inflation hier im Ansteigen ist, die Zahl der Arbeitslosen - zwölf Prozent der Arbeitnehmer - sich vergrößert hatund mehr als 160.000 Personen umfaßt. Trotzdem will Israel nichts unversucht lassen, diese Einwanderer aufzunehmen, denn es geht hier um mehr als nur um Neueinwanderer. In den ver­gangenen Jahren haben die großen Einwanderungswellen immer eine Prosperität mit sich gebracht und ' die brach liegende Wirtschaft neu angekurbelt. Außerdem ist Israel der Zufluchtsort aller Juden und das Rückkehrergesetz besagt dies ausdrücklich.

Zur Zeit versucht die israelische Regierung, ihr Jahresbudget um­zufunktionieren, damit sie von 27 Milliarden US-Dollars des gesam­ten Etats, zwei Milliarden für Ein wanderungseingliederung abzwei­gen kann. Fürs erste sollen 50.000 Neubauwohnungen entstehen. Is­rael hat sich nun an die Juden in Amerika und Europa gewandt, damit auch diese ihren Teil zur Ermöglichung der Aufnahme der Neueinwanderer beitragen.

Es fehlen Wohnungen und insbe­sondere Arbeitsplätze, um'die Tau­senden aufzunehmen; denn zur Zeit kommen bereits zirka 5.000 Neu­einwanderer pro Monat und man nimmt an, daß deren Zahl noch steigen wird.

Die israelische Bevölkerung, ins­besondere die orientalische, war nicht immer von der Idee begei­stert, daß Tausende Neueinwande­rer kommen und ihre eigenen Pro­bleme deswegen links liegen blei­ben. Momentan gibt es viele Ar­beitslose, die kaum ihr Dasein fri­sten können - Landwirte, die sich nicht ernähren können etwa. Das führte soweit, daß einer der Führer der orientalischen Juden, Jamin Swissa, ein Telegramm an Michail Gorbatschow schickte und ihn bat, die Sowjetjuden in ihrer Heimat zu belassen. Ein solcher Massenexo­dus kann auch das gesamte Stra­ßenbild Israels verändern, in dem heute die orientalischen Juden über 60 Prozent der jüdischen Bevölke­rung bilden und Israel einen levan-tinischen Anstrich geben.

Inzwischen wird mit Hilfe der hiesigen Presse eine Freiwilligen-Bewegung gezimmert, um den Neueinwanderern bei ihren ersten Schritten beizustehen.

Valerie Motin (37), Beruf Maschi­nenbauingenieur, Frau Marina Mo­tin (32), Beruf Gynäkologin, Toch­ter Katja (sieben Jahre alt): Aufre­gender Moment der Familie: Der Flug mit der El-Al-Maschine, die nette Betreuung und die Hilfe frem­der Leute. Angst: Keine Arbeit zu finden. Enttäuschung: Die schreck­liche, zeitraubende Bürokratie.

„Wenn es hier wenigstens Anlei­tungsbücher auf Russisch gäbe, wie man im Supermarkt einkauft, sich bei der Krankenkasse einschreibt, im Autobus eine Fahrkarte kauft und vieles andere mehr, wäre uns schon geholfen", sagte Marina Motin. „Aber trotz allem sind wir glücklich, hier zu sein."

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