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Der nie erloschene Glaube

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Abfallen von der Religion wollten Chinas Kommunisten die Tibeter bringen. Sie sind gescheitert. Tibet knüpfte wieder an seine alte mönchische Tradition an.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Abfallen von der Religion wollten Chinas Kommunisten die Tibeter bringen. Sie sind gescheitert. Tibet knüpfte wieder an seine alte mönchische Tradition an.

Immer aufmerksamer verfolgt die Weltöffentlichkeit die Vorkommnisse in Tibet, dem Dach der Welt. Vorträge des Dalai Lama treffen bei vielen Menschen in Europa auf großes Interesse. Auch der kürzlich verstorbene Pantschen Lama, der zweite Religionsführer Tibets, hat zu weiteren Kommentaren geführt Gerade seine Äußerungen in jüngster Zeit hatten die chinesische Zentralre-

gierung in Peking in Verlegenheit gebracht, galt doch der Pantschen Lama als China-freundlich. Nun wollte auch er eine größere Autonomie Tibets.

Etwas irritiert ist der moderne Europäer davon, daß gerade Mönche Träger des Befreiungsgedankens sind. Ein Blick in die jüngste Geschichte Tibets vermag aber zu zeigen, welche Bedeutung Kultur und Religion für das Leben, Denken und Handeln der Menschen haben. Nicht mehr an vielen Orten der Welt kann die allumfassende Wirkung von Religiosität so deutlich dargestellt werden.

Seit über 1200 Jahren ist der Lamaismus, hervorgegangen aus dem Buddhismus, die vorherrschende Religion Tibets. Durch die abgeschlossene geographische Lage blieben Außeneinflüsse eher selten. Bis 1951 das Land in einer „friedlichen Befreiung“ (offizielle Sprachdiktion Chinas) von den Chinesen erobert, besetzt und schließlich der Volksrepublik China ein verleibt wurde. Die Unterdrückungsmaschinerie einer marxistisch-leninistischen Diktatur machte zunächst die Tibeter fassungslos. Sie gerieten in Abhängigkeit von Machthabern, die voller Aggressionen gegenüber Religion allgemein waren.

So kam es im Frühjahr 1959 zu einem Aufstand der ganzen Bevölkerung Tibets gegen diese chinesische Besatzungsmacht, der aber grausam niedergeschlagen wurde. Nicht nur der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt,

flüchtete damals aus Tibet, sondern ein unübersehbares Heer von Flüchtlingen ergoß sich über die südlichen Grenzen nach Nepal und Indien. Und von dort in die ganze freie Welt. Einheitliche Zahlen nennt die Geschichtsforschung noch keine, sie reichen von 150.000 (chinesische Angaben) bis 1,000.000 (tibetische Angaben).

Es gibt wenige seriöse Berichte, wie das religiöse Leben Tibets nach 1959 aussah. Fest steht, daß der Leidensdruck dieses Volkes 1966, mit dem Beginn der Kulturrevolution, noch verstärkt wurde. Jetzt wurden auch die wenigen verbliebenen Klöster gewaltsam geschlossen und alle Mönche zur Zwangsarbeit auf Feldern und Fabriken eingeteilt. Alle religiösen und geistlichen Handlungen wurden verboten. Es kam zu unzähligen Verhaftungen, Verschleppungen und außergerichtlichen Todesurteilen. Klosteranlagen wurden geschleift, niedergebrannt oder zweckentfremdet als Kasernen, Fabriken oder Lagerhallen verwendet.

Das Ausmaß dieses grausamen Geschehens wird erahnbar, wenn man weiß, daß Tibet bis in die Mitte unserąp Jahrhunderts rund

3000 Klosteranlagen aufwies mit etwa 300.000 Mönchen, nahezu einem Drittel der männlichen Bevölkerung. Ein unvorstellbares Leid und Elend brach über ein Volk herein, bei dem gerade Religion Mitte, Quelle und Sinn jedes menschlichen Lebens war.

Die Machthaber in Peking aber fühlten sich auf dem rechten Weg. Für die Volksrepublik China ist Religion auch heute noch nur „ein geschichtliches Phänomen einer bestimmten Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft“.

Um diese „Befreiung aus religiöser Knechtschaft“ haben sich bis vor kurzem praktisch und theoretisch alle kommunistischen Regime der Welt bemüht. Praktisch haben sie die Sinnlosigkeit ihres Vorhabens eingesehen, sie halten diese Maxime aber theoretisch noch aufrecht.

Tibet ist ein auffallend gutes Beispiel für den praktischen Zerfall marxistischer Religionskritik. Mit dem Ende der Kulturrevolution 1976 änderte sich auch die Politik der Chinesen gegenüber der Religiosität der Tibeter. Aber längst nicht aus innerer Einsicht, sondern als Geschehenlassen eines Prozesses, der nicht mehr zu stoppen scheint. Nach mehr als 25 Jahren umfangreichster Bemühungen, jede Form von Religion auszurotten, stehen heute chinesische Atheisten vor dem Phänomen, daß fast nahtlos an der Glaubensstärke und Glaubenstiefe der fünfziger Jahre angeknüpft wird.

Und noch ein weiterer Effekt ist bemerkbar, der niemals beabsichtigt war, daß nämlich die Person des Dalai Lama religionsphänomenologisch noch weiter aufgewertet wurde. Er ist Symbol der Freiheit geworden. Von Tag zu Tag wird die Sehnsucht der Menschen nach seiner Rückkehr stärker. Dieses überall spürbare Verlangen hat auch die Chinesen veranlaßt, ihre Bedingung aufzugeben, daß der Dalai Lama, wenn er zurückkehrt, nur in Peking wohnen darf.

Die religiöse Entwicklung in Tibet nach der Kulturrevolution war einzigartig. So sind immer öfter Mönche, die bis dahin in artfremden Berufen zwangsverpflichtet waren, in ihre früheren, jetzt aber zerstörten Klöster zurückgekehrt. Sie haben angefangen, ihre Schlafzellen wieder aufzubauen und die Gebetshallen für den Gebrauch notdürftig herzustellen. Aber nicht nur alte Mönche haben sich entschieden, wieder ins Kloster zu gehen, sondern junge Menschen sind als Novizen gekommen.

Diese Mönchsrenaissance hat zu einem verstärkten Wiederaufbau der großen alten Klöster Tibets geführt. Keines erstrahlt wieder in neuem, alten Glanz, dazu ist zuviel unwiederbringbar zerstört worden. Aber die Gebetshallen sind wieder erfüllt vom Rauch verbrannten Wacholders, unzähliger Butterlampen und Reiskörner.

Je Einen unvergeßlichen und einzigartigen Eindruck hinterläßt ein Besuch in der Kathedrale des Lamaismus, dem Jokhang-Klo- ster in Lhasa. Noch vor wenigen Jahren Kino und Gästehaus, ist es heute wieder das zentrale Heiligtum Tibets und wird täglich von Hunderten von Pilgern besucht.

Mönche aus dem Kloster Sera waren es, mit denen die Unruhen im Herbst 1987 begonnen und dann auf Kreise der übrigen Bevölkerung übergegriffen haben. Und dann kam es in den ersten Augusttagen 1988 zu Demonstrationen von Mönchen für die Unabhängigkeit Tibets, die letzten blutigen Unruhen waren Jänner 1989. Die chinesischen Machthaber vermuten auch eine Unterstützung vom Ausland her, vor allem durch „Touristen“. Seit dieser Zeit sind Einzelreisen nach Tibet noch schwieriger geworden, auch die Kontingente für Gruppenreisen wurden stark eingeschränkt. 1987 haben rund 30.000 Ausländer Tibet besucht, diese Zahl dürfte 1988 nicht mehr erreicht worden sein.

Das Interesse und die mitfühlende Sorge am künftigen Schicksal Tibets sind weltweit geworden. Aber niemand wagt eine Antwort auf die Frage: Wie geht es weiter?

Unter Berücksichtigung, daß am Ende der Kulturrevolution 1976 kein Kloster in Betrieb und kein Mönch wirklich im Amt war, muten die jetzt 250 existierenden Klöster mit ihren etwa 15.000 Mönchen wie das „Wunder von Tibet“ an. Jedes größere religiöse Fest in Lhasa, Xigaze oder Gyan- tse, den drei großen Städten Tibets, bringt 50.000 bis 100.000 Gläubige und Pilger auf Tage zusammen.

Der Zustrom junger Menschen als Novizen in Klöster ist sehr groß, größer oft als das Platzangebot.

Es ist die alte und immer wieder neue Geschichte von David, der einem Goliath gegenübersteht.

Der Autor ist Abteilungsleiter am Religionspädagogischen Institut der Erzdiözese Wien und bereiste im Vorjahr Tibet

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