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Der Papst in Rotchina

Die Straße zieht sich lang hin, ist verstopft und staubig, und unser Führer ist nicht gerade begeistert: Warum sollen wir uns so weit aufs Land begeben und einen Marktflecken besuchen, der so arm ist? Dabei gibt es doch das alte Chang'an, das heutige Xi'an, das mit seiner mehr als 3000jähri-gen Geschichte und unzähligen Sehenswürdigkeiten fasziniert. Bekannt ist dort das berühmte „achte Weltwunder“: 6.000 Soldaten aus gebranntem Ton sind dort nahe dem Berg Lishan vor mehr als 2.000 Jahren mit dem ersten Herrscher der Qin-Dynastie begraben worden.

Und dennoch ist es dieses Dorf Weiqi, das unsere Gruppe — ein Dutzend katholischer Journalisten aus elf verschiedenen Ländern, Mitglieder der FIAC (Föderation Internationale des Agences de Presse Catholique) - besuchen will. Ein Dorf, das 65 Kilometer südwestlich von Xi'an liegt (tausend Kilometer von Peking entfernt) und zur Nachbardiözese Zhouzhi gehört. Ein Flecken mit 2.000 Einwohnern, der vor mehr als 200 Jahren evangelisiert wurde und heute knapp 1.500 Katholiken zählt, die trotz der Kulturrevolution 1966 bis 1976 ihrem Glauben treu geblieben sind. Damals haben die Banden der Roten Garden die Trostlosigkeit an die Stelle des Kultes in allen religiösen Gemeinschaften des Landes gesetzt.

Wir sind gespannt und Li Bo Yi, der Generalsekretär der Vereinigung Patriotischer Katholiken Chinas (APCC) von Xi'an, erklärt uns, daß wir autorisiert sind, als erste Fremde seit der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 das Dorf zu besuchen. Die Vereinigung Patriotischer Katholiken ist eine politische Organisation, die von den Machthabenden kontrolliert wird und als eine Art Transmissionsriemen zwischen Regierung und Kirche gilt. Sie hat die regierungsoffizielle Aufgabe, „Klerus und Laien unter der Führung der Kommunistischen Partei und der Volksregierung Chinas zu vereinen .

Plötzlich, nach einer Wegbiegung, ein Ausruf: „Das ist nicht möglich, eine Kathedrale!“ Mitten auf einem Platz aus gelbem Lößgestein ragt eine Kirche empor, die mit sechs Stockwerken genauso breit wie hoch ist, eingerüstet mit Bambusgestellen, auf denen junge Frauen und Männer arbeiten.

Eine bunte Menge von Bauern umringt uns „Langnasen“ auf dem Kirchenvorplatz. Die Führer des Dorfes tauchen auf. Pater Zhao Duo, seit zwei Jahren in Weiqi, erzählt, daß allein in dieser Region während der Kulturrevolution ein Dutzend Kirchen zerstört worden seien. Sein Vorgänger starb in der Gefangenschaft. Die Gläubigen finanzieren den Wiederaufbau ihrer Kirche — auf der Frontseite ist „Una, sancta. catholica et apostolica“ zu lesen — selbst, „mit Unterstützung der Regierung und der örtlichen Abteilung der Kommunistischen Partei“, wie der Priester sagt. Eine Rechnung von 100.000 Yuan steht noch aus; eine schöne Stange Geld, wenn man bedenkt, daß ein Universitätsprofessor am Ende seiner Karriere 300 Yuan verdient.

Tatsächlich ist es die Landbevölkerung, die von der Liberalisierung in China am meisten profitiert. Aber hier in Weiqi wollen die Leute lieber eine neue Kathedrale bauen als neue Häuser. Eine nicht leichte Wahl, wenn man bedenkt, daß die politisch Verantwortlichen im ganzen Land den zunehmenden „Individualismus“, „Materialismus“ und die Ausbreitung der Korruption beklagen. Diese neuen Übel unterminieren die alten Werte der chinesischen Gesellschaft.

In diesem traditionell katholischen Dorf werden die Kinder in den ersten Tagen ihres Lebens getauft, wie es die Uberlieferung verlangt. Seit 1976 sind zehn Personen mit ihren Familien konvertiert, berichtet der Priester.

„Wenn der Papst nach China käme, wäre das gut“, sagt Li Bo Yi, „wir erkennen ihn als Kirchenoberhaupt an. Aber es bleiben noch politische Fragen zu lösen: Der Vatikan soll seine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abbrechen und aufhören, sich in die inneren Angelegenheiten Chinas zu mischen. Und er sollte aufhören, die Untergrundkirche zu unterstützen.“ Eine typische offizielle Einschätzung, die wir während unseres Besuches in christlichen Gemeinden Chinas immer wieder zu hören bekamen — sowohl von Bischöfen als auch von Verantwortlichen der APCC.

Religionsfreiheit

An der Basis steht diese politische Frage nicht an erster Stelle. Dies scheint sich auch bei unserem Besuch im Fischerdorf Wiang Xian zu bestätigen — unweit des Marienheiligtums von Sheshan bei Shanghai. In dem 300-Seelen-Dörfchen, das zu zwei Dritteln katholisch ist, erinnert man sich noch gut an die Kulturrevolution. Doch jetzt gibt es hier Religionsfreiheit. In den Häusern hängen Fotos von Johannes XXIII. und Paul VI. Porträts von Johannes Paul II. gibt es hier nicht. Sobald man solche Fotos habe, werde man sie auch aufhängen. Denn „der Papst ist der Vertreter Christi auf Erden. Wir stehen treu zu ihm. Er ist unser Oberhaupt, das lernen wir schon, wenn wir Kinder sind.“

Der Autor ist Chefredakteur der Schweizer Katholischen Nachrichtenagentur KIPA.

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