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Der Reisepapst

Niemand hat wie er in diesem Jahrhundert des — meist gelenkten, von Demagogen beherrschten — „Aufstands der Massen” so viele Millionen Menschen in so vielen Erdteilen mobilisiert, inspiriert, ohne ihnen irgendwelche irdischen Paradiese zu versprechen. Johannes Paul II. hat aber nicht nur Begeisterungsstürme, die wieder abebben, ausgelöst; die Funken der Hoffnung, die er entzündet, entfachen nicht nur Strohfeuer, sie haben bei Menschen aller Kontinente irgend etwas, oft schwer Definierbares weiterglimmen lassen — selbst wenn die Institution der lokalen Kirche oft feststellen mußte, daß sie selbst davon wenig berührt blieb.

Diesem Papst ist diese weltweite Wirkung in einer Epoche des Glaubensschwundes nicht nur deshalb möglich, weil er selbst glaubwürdig auftritt, sondern weil er seit Beginn seines Pontifikats vor fünf Jahren wie keiner seiner Vorgänger ein einfaches, modernes Mittel benutzt, um überall präsent zu sein: er reist.

Der pilgernde Evangelist, der „hin zu allen Völkern” geht und in jedem Land, das er zum ersten Mal besucht, mit einer Art „Premiereneffekt” rechnen kann, der selbst Gleichgültige und Ungläubige beeindruckt, — er würde dennoch bei den Menschen nicht so „ankommen”, wenn er nur die „Rolle” des römischen Pontifex spielte, wenn er sich nur zum „Superstar” stilisieren ließe.

Der Wiener Kardinal Franz König hat darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Papst „im entscheidenden Augenblick ganz hinter seine Botschaft zurücktritt r- wie es dem Dienst des Petrus zukommt, der nicht um seiner selbst willen da ist, sondern auf einen Größeren hinweist”. Dies scheine, so Kardinal König, nur wenigen auf gef allen zu sein. Warum?

Weil der äußere Verlauf der

Papstreisen, der Zwang des staatlichen (aber auch kirchlichen) Protokolls, der organisatorische Aufwand, weil all das Spektakuläre, das einen Papstbesuch nun einmal umgibt, den Blick für das Wesentliche verstellt. Sogar seine

— immer schon in Rom vorbereiteten - Rede- und Predigttexte stehen ihm da manchmal im Wege.

Nicht von ungefähr sind jene Augenblicke, in denen er die Manuskript-Formulierungen beiseite läßt und sich unmittelbar, spontan an die Menschen wendet, auch die Momente, in denen er am stärksten zum Medium seiner Botschaft wird. Letzten Endes geht diese Wirkung nicht von dem „Amtsträger”,,sondern von dem Menschen Karol Wojtyla aus.

Als journalistischer Begleiter aller seiner Reisen hat sich mir dieser Eindruck immer wieder bestätigt — auch weil sich die Eigenart dieses Papstes, seine Größe und seine Grenzen, die zusammen seine Menschlichkeit bilden, bei den improvisierten Begegnungen mit den Journalisten, die im Papstflugzeug mitreisen, besonders unmittelbar kundtut.

„Ich weiß nicht… “, so beginnt er nicht selten einen Satz. Anfangs erschien er uns wie einer, „der sich nur als Papst verkleidet hat”— so wenig paßte das Erscheinungsbild des leutselig plaudernden Heiligen Vaters ins gewohnte Schema. Manchmal schien er sich

- zumal im ersten Jahr — selbst fast zu wundern, daß er, Karol Wojtyla, nun Papst war. Zuweilen spricht er noch jetzt von sich, „dem Papst”, als wäre es ein anderer.

Hoch über den Wolken kämpft seine Stimme mit dem Gedröhn des Düsenjets: „Was ich mitbringe? Hoffnung des Glaubens — das ist nicht so wenig, mehr als menschlicheBerechnung meint Wenn Sie kritisch schreiben, dann freut mich das … Wenn man Selbstkritik hat, dann kann man bei der Kritik der anderen auch unterscheiden, was richtig und falsch ist… Theologie der Befreiung? Ja, aber welche? Wenn man die Theologie politisiert, ist es eben keine Theologie mehr…”

So einfach meinte er, auf den ersten seiner Reisen das Komplizierte dem publizistischen Konsum überantworten zu können. Wir fanden das ebenso sympathisch wie seinen wehmütigen Blick durchs Kabinenfenster auf die Alpen: „Das wären Pisten zum Skifahren!” Daß er den riskanten „Slalom” zwischen dem Pastoralen und dem Politischen nicht scheuen würde, war von Anfang an zu spüren …

Freilich, das frohe Selbstbewußtsein der ersten zwei Jahre, der ersten großen Reisen, ist jetzt — zumal seit dem Attentat — von Skepsis, Müdigkeit, ja oft von Trauer überschattet. Das Mit- Leiden mit seinen Polen trägt dazu bei.

Was vermag der unermüdliche Friedenspilger überhaupt in einer verfeindeten Welt auszurichten? Kein Gespräch über den Wolken, bei dem er mit dieser Frage nicht konfrontiert wird. „Mich kümmert nicht so sehr das Politische — ich nehme das nicht in der technischen Weise” (so auf dem Rückflug von Afrika 1980). „Ich bin kein Ideologe … In einer Welt, wo man so viel mit den materiellen Kräften spielt, soll man auch die geistigen ins Spiel bringen” (so auf dem Rückflug von Asien 1981).

„Ich habe vieles gelernt”, hat er oft schon bekannt. Das mag innerkirchlich, in der/Ohren mancher Theologen, auch mancher Bischöfe, nur wie schwacher Trost klingen, denn sie müssen, wenn der Papst wieder abgereist ist, mit ihren Problemen allein fertig werden — ob sie nun der Papst besser verstanden hat oder nicht.

In der politischen Welt jedoch hat es seine Botschaft bei aller Lernfähigkeit dimmer schwerer mit der Wirklichkeit.

In Auschwitz, in Hiroshima, in Coventry war sein Ruf gegen den Krieg so radikal wie der aller Pazifisten. Aber wer ihn dann zwischen Himmel und Erde aufs Detail ansprach (in dem bekanntlich der Teufel steckt), hörte, daß auch der Papst — wie die meisten Menschen — in diesen Fragen nicht ganz der eigenen Meinung sein kann:

„Gerechter Krieg — das ist schwieriger als zur Zeit des heiligen Thomas! Krieg ist immer et- ‘was Schlechtes … Aber für die, die sich verteidigen — sagen wir so: für Polen 1939 war das eine Pflicht… Aber heute — da ist das nicht so’klar …” (auf den Rückflügen von Großbritannien und von Argentinien 1982).

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Was der deutsche Maler Ernst Günther Hansing, der ihn lange beobachten konnte, unlängst sagte, empfindet auch der journalistische Begleiter: Es ist manchmal, als sei es die Ahnung eines nahenden Endes, das diesen Papst sowohl in sich selbst versinken (und so ganz hinter seine Botschaft zurücktreten) wie auch ruhelos von Land zu Land eilen läßt.

Wien, Hauptstadt eines neutralen Landes zwischen Ost und West, könnte da ein Ruhepunkt sein? Schwerlich, denn dafür sind die Wege zwischen Kahlenberg und Mariazell gerade für einen „polnischen” Papst von zu viel erregender historisch-religiöser Symbolik markiert.

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