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Der schleichende Totalitarismus

1945 1960 1980 2000 2020

Ist „Grün” wirklich die Farbe der Zukunft? Eine Bewegung, die einen Stillstand der industriellen Entwicklung proklamiert, schießt zweifellos über das Ziel hinaus.

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Ist „Grün” wirklich die Farbe der Zukunft? Eine Bewegung, die einen Stillstand der industriellen Entwicklung proklamiert, schießt zweifellos über das Ziel hinaus.

Die Reaktionen auf den geplanten Kraftwerksbau in Hainburg sind nicht bloß als Stellungnahmen zu einem konkreten Projekt zu verstehen, sondern längst zu einer Infragestellung vieler bisher für unantastbar und selbstverständlich gehaltener Elemente und Vorgangsweisen unseres politischen Systems angewachsen.

Hainburg ist zum Anlaßfall für die Entzündung und Entladung von Konflikten geworden, die schon lange unter der Oberfläche schwelten und nun an die Oberfläche gekommen sind. Die Parteien und im besonderen die Regierung haben Warnungen und Signale, die sie bedenklich hätten stimmen müssen, lange genug mißachtet und sind nun mit unübersehbaren und unüberhörba-ren Tatsachen konfrontiert.

Es haben sich in und um Hainburg nicht nur viele Sünden und Unterlassungen gerächt, die Regierung ist zum Teil auch Opfer von überspannten Erwartungen geworden, die zum Beispiel die Devise nach „Demokratisierung aller Lebensbereiche” erweckt hatte, und hat die Folgen des Falles Zwentendorf, der in Hainburg Beispielswirkungen hatte, zu spüren bekommen.

Die an einem konkreten Fall manifest gewordene Sensibilität für Umweltprobleme ist eine Reaktion auf Unterschätzungen dieses Problems, das im Bewußtsein vieler Menschen an erster Stelle rangiert und dem mit den klassischen Kategorien, auch und gerade denen des Marxismus, nicht beizukommen ist: denn Kapital und Arbeit ziehen in diesem Falle an einemStrange, und die Loyalitäten gehen und wechseln in dieser Frage quer durch die Parteien.

Darum ist auch zu erwarten, daß Hainburg und seine Folgen den Prozeß der Auflösung oder wenigstens Lockerung der starren Parteigrenzen beschleunigen und auch unsere Parteienlandschaft verändern: So ist es sehr wahrscheinlich, daß eine vereinigte grüne Bewegung das dritte Lager der österreichischen Innenpolitik ersetzen oder es doch in folgenschwerer Weise distanzieren wird.

Alle diese Phänomene können auf Umwegen durchaus dazu beitragen, daß sich unser demokratisches System verbessert und aus manchen Erstarrungen und Verkrampfungen befreit wird. Doch an sich gesunde Reaktionen können zu Uberreaktionen und zu neuen Fehlentwicklungen werden, wenn denen, die diese Reaktionen ausgelöst haben, der unerwartet große Erfolg zu Kopf steigt und sie das Maß verlieren läßt.

Es läßt sich nicht übersehen, daß diese Gefahr nicht bloß eine theoretische, sondern eine bereits praktische geworden ist, die man nach dem Grundsatz, daß man den Anfängen wehren soll, bereits im Keim aufzeigen muß.

Was an den Äußerungen mancher Umweltschützer bedenklich stimmt, ist der quasi-totalitäre Charakter, den sie da und dort schon angenommen haben.

Uber diesen schleichenden Totalitarismus kann auch der Umstand, daß bei den Sympathisanten im Umfeld des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens viel guter Wille am Werk ist und lange vermißte echte Begeisterung mitschwingt, nicht hinwegtäuschen.

Indienstnahme

Denn es gibt leider genügend historische Beispiele dafür, daß sich guter Wille und Begeisterung überschlagen oder in den Dienst undurchschauter Ziele gestellt haben, als daß man das Vorliegen dieser sympathisch berührenden Gefühlsqualitäten ohne weiteres als Indikator für die Richtigkeit der unter diesen Vorzeichen betriebenen Politik gelten lassen dürfte.

Auch die Tatsache, daß viele Hochschullehrer und -angehörige führend in dieser Bewegung tätig sind und sich gegenseitig anstekken beziehungsweise anstecken lassen, ist nach den historischen Erfahrungen ebensowenig eine Garantie für Richtigkeit und Irrtumsfreiheit.

Der totalitäre Charakter, der in einigen Stellungnahmen der Exponenten der neuen Bewegung anklingt, liegt einerseits in der Reduzierung der komplexen Problematik der modernen Gesellschaft auf ein Problem, das zum einzigen, ja zum Schlüssel zur Lösung aller anderen Probleme hochstilisiert wird.

Doch nicht nur diese Vereinfachung erregt Widerspruch und Argwohn, auch der Fanatismus und Eifer, mit dem auf die Ein-mahnung dieses als zentral reklamierten Punktes gepocht wird, macht stutzig und betroffen.

Vollends inakzeptabel aber ist die in Ansätzen schon entwickelte Theorie der Natur und des Menschen, die eine Romantisierung der Natur darstellt und den Menschen als Mittelpunkt der Politik und als Gipfel der Entwicklung ansieht, zuerkennt und einräumt.

Indem die Natur nur als etwas Bergendes, den Menschen Einbettendes und ihm freundlich Gesinntes interpretiert wird, kommt ein anderer Aspekt der Natur zu kurz, ja wird weitgehend unterschlagen: der der Feindlichkeit und Unberechenbarkeit, die menschliche Planung und ständigen Widerstand, der der Natur das dem Menschen Zuträgliche erst abringen muß, erforderlich machen.

Ebenso wie die einseitige marxistische Heiligung und Absolutsetzung der Arbeit den Leidens-, ja Fluchcharakter ausklammert, der der Arbeit anhaftet, sieht die grüne Ideologie von der Seite der Natur ab, die den Menschen zum Einsatz seiner Kräfte mit dem Ziel ihrer Uberwindung und Gestaltung herausfordert.

Damit wird aber nicht nur eine gefährliche Romantik genährt, sondern auch der technische Fortschritt, der sich nicht aufhalten läßt und nun eben auch Eingriffe in die Natur erfordert, prinzipiell in Frage gestellt.

Durch solche Uberspannungen ihrer Programmatik und Argumentation aber läuft eine grüne Bewegung, die sich ja eben erst formiert, Gefahr, die berechtigten Anliegen, die sie artikuliert, bei all jenen unglaubwürdig zu machen und in Mißkredit zu bringen, die nach wie vor auf die Möglichkeiten der rationalen Durchdringung und Beherrschung der Welt setzen und vertrauen.

So wichtig diese Schonung als Prinzip und Regulativ auch ist: sie darf nicht so weit getrieben werden, daß sie zu dem Mythos der Unantastbarkeit der Natur wird und damit in Widerspruch zu den realen Lebensbedürfnissen der großen Masse der arbeitenden Menschen gerät.

Ähnlich wie eine Friedensbewegung, die verlangt, zum Schutz des Friedens verzweifelte Mittel anzuwenden und allzu riskante Wege einzuschlagen, wie die einseitige Abrüstung, schießt auch eine grüne Bewegung, die einen Stillstand der industriellen Entwicklung proklamiert oder in diese Richtung arbeitet, übers Ziel und könnte so nicht zu einer neuen Orientierung, sondern zu einer allgemeinen Desorientierung führen.

Wenn dann noch die Bereitschaft hinzukommt, sich im Namen eines höheren Rechtes über das geltende hinwegzusetzen, ist der Punkt erreicht, an dem man solchen Bestrebungen, wie berechtigt auch immer ihr Ausgangspunkt war und wie sympathisch immer ihre menschlichen Qualitäten berühren, die Gefolgschaft versagen muß.

Der Autor ist Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien.

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