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Der Schulkampf, direkt ins Getto

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Bis zum Staatsvertrag verfügte Kärnten über ein vorbildliches Minderheitenschulwesen. Seither stehen die Slowenen in einem ständigen Abwehrkampf gegen Anschläge auf den zweisprachigen Unterricht.

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Bis zum Staatsvertrag verfügte Kärnten über ein vorbildliches Minderheitenschulwesen. Seither stehen die Slowenen in einem ständigen Abwehrkampf gegen Anschläge auf den zweisprachigen Unterricht.

Die Nationalratswahlen am 23. November 1986 haben das Parteienbild des österreichischen Parlaments gehörig verändert. Aufsehen erregte auch der Kärtner Slowene Karel Smolle, der als Kandidat der Grün-Alternativen den Sprung ins Parlament schaffte.

Gerade Smolles sprachliche und ethnische Herkunft läßt er-

warten, daß die Bedürfnisse, Erwartungen, Ängste und Interessen der einzelnen Volksgruppen unmittelbar und unverfälscht vertreten werden.

Mit der veränderten parteipolitischen Szene muß besonders die Diskussion um das Minderheitenschulwesen eine andere Richtung nehmen als bisher. Eine Fortführung der politischen Salami-Taktik, die das zweisprachige Schulwesen in Kärnten auf Restbestände dezimiert hat, darf nicht länger akzeptiert werden.

Voraussetzung für eine andere Minderheitenpolitik ist allerdings, daß der neugewählte Volksgruppenvertreter seine Parlamentskollegen und die österreichische Öffentlichkeit über die in ihrer Existenz bedrohte slowenische Volksgruppe informiert und den Standpunkt der Erhaltung und Verbesserung des gemeinsamen zweisprachigen Unterrichts kompromißlos vertritt.

Diese neue Minderheitenpolitik muß auch deutlich machen, daß Volksgruppenfragen von staatspolitischer Tragweite sind und nicht einzelnen Bundesländern

und den dort regierenden „Lokalmatadoren“ überlassen werden dürfen.

Insofern ist bei der gegenwärtigen Schuldiskussion keine interne „Kärntner Lösung“ tragbar, sondern nur eine Konfliktbeilegung, die letztlich das gesamte demokratische Osterreich zu verantworten hat. In diesem Zusammenhang ist es aber unumgänglich, auf Versäumnisse der österreichischen Minderheitenpolitik hinzuweisen.

Aufgrund des slowenischen Widerstandes gegen das Nazi-Regime und aufgrund der Versprechungen und Garantien bestand gerade 1945 die historisch einmalige Chance, in allen Bereichen eine Versöhnung und Verständigung zwischen den beiden Volksgruppen in Kärnten zu forcieren und die slowenische Kultur und Sprache mit der deutschen gleichzustellen.

Dazu kam es nie. Vielmehr wurde verabsäumt, sich um ein politisches Bewußtsein zu kümmern, mit dem es möglich wäre, Unverständnis und Intoleranz abzubauen. Die gegenwärtigen Forderungen Deutschnationaler nach getrenntem Unterricht von deutschund slowenischsprachigen Kindern sind unter anderem auf diese Versäumnisse zurückzuführen. Die jüngste Attacke gegen den zweisprachigen Unterricht und gegen die einstmals vorbildliche Schulregelung in Südkärnten steht am vorläufigen Ende dieser Versäumnisse.

Bekanntlich wurde nach dem 2. Weltkrieg ein volksgruppenfreundliches Schulwesen eingerichtet, in dem alle Kinder ohne Bekenntnis beide Sprachen lernten. Solange es opportun war, die Staatsvertragsverhandlungen nicht zu belasten, wurde diese Schulverordnung auch gegen Angriffe aus deutschnationalen Kreisen verteidigt.

Kaum war der Staatsvertrag

unterzeichnet, verspürten die deutschnationalen Gruppen mehr Bewegungsfreiheit und begannen sich vereinsmäßig zu organisieren. Dazu zählen der Kärtner Heimatdienst (KHD) und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) als Nachfolgeorganisation des Verbands der Unabhängigen (VdU), die nach 1955 vehement auf die Beseitigung des obligatorischen zweisprachigen Schulwesens aus dem Jahre 1945 drängten.

Diesen Kreisen gelang es schließlich 1958/59, die zweisprachige Schule zu Fall zu bringen. Kinder, die von nun an Slowenisch lernen wollten, mußten von ihren Erziehungsberechtigten eigens dafür angemeldet werden: eine Regelung, die bis heute gilt, nach der aber sehr wohl angemeldete wie nichtangemeldete Schüler gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden.

Die Abschaffung des obligatorischen Zweisprachenunterrichts führte das nationale Bekenntnisprinzip im Schulwesen ein und hatte für das ethnische Bewußtsein der slowenischen Schüler verheeerende Folgen, was sich nicht zuletzt in der statistisch erfaßten Dezimierung der Slowenen in Kärnten ausdrückt. Zwischen 1951 und 1961 sank die Zahl der sich zum Slowenischen Bekennenden von 42.000 auf 24.000.

Das Anmeldeprinzip stellte für einen Teil der deutschnationalen Kreise schon damals nur eine Zwischenlösung in ihrem Kampf gegen jedwede „Slowenisierung“ dar. Nur war die Zeit für die totale Trennung von deutsch- und slowenischsprachigen Kindern noch nicht reif, zumal in den beiden großen Landtagsparteien SPÖ und ÖVP eine solche nationalistische Forderung nicht mehrheitsfähig gewesen wäre.

Für deutschnationale Gruppen war es daher umso wichtiger, ein politisches Klima vorzubereiten, in dem dann alle drei Landtagsparteien einem Trennungsprogramm zustimmen würden.

Aus diesem Grunde scheute der Kärntner Heimatdienst als selbsternannte „Bürgerinitiative der Kärntner gegen Slowenisierung, antiösterreichische kommunistische Unterwanderung und Ausverkauf der Heimat“ weder vor publizistischen Hetzen noch vor gewaltsamen Aktionen (Sturm auf die zweisprachigen Ortstafeln im Jahr 1972) zurück.

Als beliebtes Angriffsziel mußten auch slowenische Institutionen wie das Bundesgymnasium für Slowenen („Das große Gift“) in Klagenfurt sowie zweisprachige Lehrer und Pfarrer herhalten, denen immer wieder slowenischer Nationalismus vorgeworfen wurde.

Dies alles passierte unter den Augen der Kärntner Politiker, die sich nie schützend vor die slowenische Volksgruppe gestellt und somit die Deutschnationalen zu weiteren Herabwürdigungen alles Slowenischen ermuntert haben.

Als sich der KHD anfangs der achtziger Jahre der politischen Allianz mit der Kärntner FPÖ in den Trennungsforderungen sicher war, wurde gezielt gegen den gemeinsamen Unterricht im zweisprachigen Schulwesen gehetzt. Mit Kampfparolen wie „Deutschkärntner Lehrer für Deutschkärritner Kinder!“ wurde zum Volksbegehren zur Trennung

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