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Der Sieg von 1683 war ein Mirakel

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Der Entsatz Wiens war eine abendländische Gemeinschaftsleistung, stellt der Historiker Georg Wagner in einer letzten Bilanz der Ereignisse von 1683 fest.

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Der Entsatz Wiens war eine abendländische Gemeinschaftsleistung, stellt der Historiker Georg Wagner in einer letzten Bilanz der Ereignisse von 1683 fest.

Zwei Monate — genau 61 Tage — hatte die Belagerung gedauert (14. Juli - 12. September), da entrang sich den verzagten Bewohnern Wiens, die in den Kirchen auf den Knien lagen, ein unbeschreiblicher Jubel: der Entsatz, schon für Mitte August angesagt und immer wieder vertagt, war da. Die Retter traten in langer und dichter Front von der St. Leopoldskapelle bis zum Kamaldulenserkloster St. Joseph aus dem Unterholz und brannten ihre Stücke auf die unerbittlichen Belagerer am Fuße des „Kahlengebirges" ab.

Sie kamen buchstäblich in „letzter Stunde". Länger als ein bis zwei Tage hätte Starhemberg die Stadt mit seinem zusammengeschmolzenen Häuflein von 4.500 Mann nicht mehr halten können. Neun Minen waren bereits in den letzten Verteidigungswall, die Kurtine, zwischen Burgbastei (Burgtor) und Löbelbastei (Burgtheater), vorgetrieben worden. Man sieht sie auf den zeitgenössischen Karten Daniel Suttingers und Leandro Anguissolas.

Das schon längst erwartete und dann doch überraschend eintreffende Entsatzheer und sein Angriff verhinderte die Zündung der Minenkammern. Dazu blieb dem Großwesir keine Zeit mehr, da er eine Frontverkehrung seiner Armee gegen die Angreifer in seinem Rücken organisieren mußte, ansonsten hätte eine Riesenexplosion eine gewaltige Bresche gesprengt und ein Generalsturm hätte die wenigen Verteidiger überrollt.

Darüber hinaus steht fest: Hätte der Großwesir — abgesehen von den neun ungezündeten Minen — die Stadt auch nur an einer einzigen anderen Stelle berennen lassen, wäre sie ebenfalls verloren gewesen. Die Besatzung war schon so schwach, daß eine Truppenzerteilung tödlich gewesen wäre. Man konnte die Fortifika-tionen nicht mehr voll besetzen.

Folgende Zahlen lassen die Dramatik der Belagerung erkennen. Etwa 100.000 feindliche Bomben und Geschützkugeln waren gegen die Stadt geschleudert worden, ca. 1000 Kugeln hatten St. Stephan getroffen. 41 Minen hatten das angegriffene Festungssegment von der Burgbastei zur Löbelbastei teilweise in Schutt verwandelt. Etwa 50 größere Stürme waren abgeschlagen und 30 Ausfälle zumeist erfolgreich durchgeführt worden.

Der beim Entsatz mitkämpfende Generalfeldwachtmeister Graf Franz Taaffe bezeugt in seinem Brief vom 22. September an seinen Bruder, den Earl of Carling-ford in London: „Es war — bei Gott — die höchste Zeit, Wien zu Hilfe zu kommen. In den Basteien waren schon bedeutende Breschen, fast der halbe Wall war unterminiert und die ursprünglich aus 12.000 Mann (mit Bürger- und Freikompanien 16.000. Anm. d. Verf.) bestehende Besatzung auf vielleicht nur 4000 zusammengeschmolzen. Noch nie hat sich eine Besatzung tapferer und besser gehalten als diesmal die Wiener."

Unsäglich litten auch die Bewohner des offenen Landes, vor allem die Bauern. Vom 7. bis 14. Juli hatten die Tataren das Viertel unter dem Wienerwald in Schutt und Asche gelegt; sie stießen bis an die Ybbs vor. Die Bauern fühlten sich von der Grundherrschaft preisgegeben und rotteten sich zusammen, es kam zu Ubergriffen und zur Flucht in die Wälder.

Aber die Tataren kämmten die Gehölze und Klüfte mit Spürhunden durch, wie der Hofkriegsrat Johann Peter von Vaelckeren in seinem wichtigen Tagebuch: „Wienn/ Von Türcken belagert, von Christen entsezt" (Linz 1684) berichtet. Die Zahl der von den Tataren kaltblütig Niedergemetzelten wird auf 30.000 geschätzt. Etwa 70.000 wurden gefangen weggeführt. Ein Dokument von 1689 nimmt einen Gesamtverlust von 500.000 Menschen an. 5000 Ortschaften gingen bei dieser Invasion in Flammen auf. Man hatte ähnliches schon 1529,1532 und 1663 erlebt.

Auch die Gegend um den Neusiedlersee wurde völlig verheert. Es gibt zahlreiche gut beglaubigte Berichte osmanischer Barbarei.

So über die grausigen Trophäen Kara Mustafas von Hainbruch, oder die Behandlung der Bewohner Perchtoldsdorfs (16./17. Juli). Nach Zusage eines freien Abzugs aus der Kirche und Ablieferung der Waffen wurden die sich ergebenden drei- bis vierhundert Menschen — offenbar wollten einige flüchten — niedergemetzelt und viele Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt.

In der an sich großartigen Türken-Ausstellung im Wiener Künstlerhaus (413.000 Besucher) — nicht weniger interessant die. Ausstellung „Osterreich und die Osmanen" in der Nationalbibliothek — wurde wie u. a. schon Hans Rauscher im „Kurier" (8. Mai 1983) feststellte, „die Tatsache, daß damals mit höchster Erbitterung auf Leben und Tod gekämpft wurde, diskret unterspielt." Man wollte „antitürkischen Ressentiments keinen Vorschub leisten."

Rauscher fährt fort: „Das ist nobel, aber ungeschichtlich gedacht. Die Türken werden es uns nicht übelnehmen, wenn wir festhalten: Die Aggression ging damals allein von ihnen aus, sie wollten Mitteleuropa mit Feuer und Schwert dem Islam unterwerfen, und wir sind heute froh, daß sich unsere Vorfahren erfolgreich gewehrt haben. Deswegen wird aber niemand heute zu seinem türkischen Mitmenschen .Tschusch' sagen dürfen."

Im gleichen Blatt erschien freilich auch eine Serie über ein neues Buch „Die Belagerung", wonach man hätte meinen können, die Belagerung sei teilweise eine „Gaudi" gewesen. Dazu als Derivat die unrichtige „Erkenntnis": die Christen seien ebenso grausam wie die Osmanen gewesen. In diesem Sinne auch Jan Tabor: „Die christlichen Sieger waren nicht weniger grausam als die osmanischen Eroberer." (7. Mai 83)

Der Verfasser des erwähnten Buches, vom Thema überfordert und quellenunkritisch, untermauerte dies mit einem Pseudo-fund. Demnach hatte der „Silih-dar" (übersetzt von Richard F. Kreutel) in seiner Geschichte der Belagerung (um 1695) behauptet (und dies wurde zitiert), die grausamen Christen hätten am Abend der Entsatzschlacht in den Gräben vor Wien von den dort ursprünglich stationierten Truppen — es war der fatale Fehler Kara Mustafas, daß er ca. 25.000 Mann der Truppen gegen die Stadt einsetzte, die ihm gegen das Entsatzheer abgingen - „etwa zehntausend Mann, arme Teufel", verwundet, verstümmelt und kampfunfähig, „unverzüglich erschla-gen.

Aber der beste Kenner der Materie, Thomas M. Barker, hat in seinem Werk „Doppeladler und Halbmond" (Styria 1982) ausdrücklich betont: „Diese Feststellung des Silihdars der Niedermet-zelung von 10.000 seiner verwundeten und kranken Landesleute... kann wie viele andere seiner Zahlenangaben keinen Anspruch auf Genauigkeit erheben." (S. 410) In dieser Aktion seien höchstens 600 Moslems getötet worden. Aber selbst diese Zahl kann kaum stimmen, denn der zuverlässige schon zitierte Vaelckeren bezeugt: „In-deme aber Ihre Excellenz (Starhemberg) hierzu Anstalt machten (Säuberung der Laufgräben), vnd deß Abents mit dem Marggraven (von Baden) auf die Lauff-Grä-ben loß giengen, hatten sich die Türcken schon völlig darauß sal-virt, dergestalt, daß man niemanden mehr drinnen fände." (S. 90) Vaelckeren aber mußte es wissen.

Wenn man die Sache grundsätzlich betrachtet, so ergibt sich der Unterschied in der Auffassung von Wert und Würde des Menschenlebens (trotz aller Sünden der Christen) schon daraus, daß der Koran durchweht ist von religionskriegerischer Expansion, von der Verpflichtung zum grausamen „Heiligen (Dauer-)Krieg" (Cihäd) gegen die Giauren, das Neue Testament aber nicht! Auch mußte jeder Sultan bei Thronantritt den Janitscharen geloben, sie nach Kizil Elma. dem „Goldenen (Roten) Apfel" zu führen, eine Hauptstadt der Christenheit. Dieses Symbol ist dem goldenen Reichsapfel der Justinian-Reiter-statue in Konstantinopel entlehnt: Reichsapfel: Zeichen der Weltherrschaft.

War damit um 1480 Rom mit seinen goldenen Kuppeln gemeint, so bezog es sich seit Sultan Süley-man I. und seinen vergeblichen Wienzügen (1529, 1532, 1566) zunehmend auf Wien. Aber den Goldenen Apfel Wiens, Sitz des Kaisers und ein Hauptort der Christenheit, mit seinen (vermuteten) unermeßlichen Schätzen vermochten sie nicht zu pflücken. Der von ihnen beanspruchten

Weltherrschaft wurde vor Wien endgültig eine Grenze gesetzt.

Damit war auch der Weg zur Befreiung ganz Ungarns frei. Noch am 9. Oktober fiel durch die Kaiserlichen und die Polen Par-kan, am 26. Oktober Gran (Eszter-gom), und schließlich am 2. September 1686 Ofen (Buda). In Kürze waren ganz Ungarn und Siebenbürgen befreit.

All das — und daß Wien endlich keine gefährdete Grenzstadt mehr war und daß nun die barok-ke Prunkbauwut ausbrach, über die wir heute froh sind — wurde vom Mirakel von Wien (12. September 1683) ausgelöst. Es war eine abendländische Gemeinschaftsleistung, bei der kein einziges Korps hätte ausfallen dürfen: weder die Kaiserlichen unter dem überragenden Lothringer (21.000 Mann), noch die Polen unter Sobieski (21.000) und seinem eher nominellen Oberbefehl, noch die Sachsen (11.000), die Baiern (11.000), die Reichskreistruppen (9.500). Hätte nur eines dieser Korps gefehlt und hätte Kara Mustafa (den am 25. Dezember 1683 in Belgrad die „seidene Schnur" des Großherrn ereilte) nicht so viele strategische und taktische Fehler gemacht, wäre die Schlacht verloren und Wien mit Österreich zugrundegegangen. Der. Sieg und Wiens Errettung war ein Mirakel, und das wußten und wissen nicht nur die Wiener.

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