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Der Splitter im Auge des Bruders

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Friedrich Heer hat die österreichische Gesellschaft nach 1945 einmal als „Verdrängungsgemeinschaft“ charakterisiert. Die Reaktionen in Österreich auf die Attak-ken des Jüdischen Weltkongresses in Richtung Kurt Waldheim zeichnen das Bild einer unbewältig-ten Vergangenheit.

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Friedrich Heer hat die österreichische Gesellschaft nach 1945 einmal als „Verdrängungsgemeinschaft“ charakterisiert. Die Reaktionen in Österreich auf die Attak-ken des Jüdischen Weltkongresses in Richtung Kurt Waldheim zeichnen das Bild einer unbewältig-ten Vergangenheit.

Als die Zustände im Warschauer Ghetto während der Nazizeit unerträglich wurden und die Massenvernichtungen in Auschwitz und Treblinka begannen, haben viele Menschen davon nichts gewußt.

Die westliche Welt konnte nicht glauben, was sich da abspielte und hat die wenigen Berichte, die nach London und New York gelangten, für maßlos übertrieben gehalten.

Die Menschen, über deren Dächer der Rauch der Verbrennungsöfen hinwegzog, hatten Angst, waren froh, keine Juden zu sein, und ließen sich im Grunde ganz gern davon überzeugen, daß deren Leben eben nicht so lebenswert sei wie das ihre. Nicht, weil sie grundböse waren, sie hatten nur nicht genug Mut, sich gegen eine klare Ubermacht zu stellen, ihr Leben und das ihrer Familie aufs Spiel zu setzen.

Wer heute ganz so sicher ist, das in vergleichbaren Umständen besser zu machen, werfe den ersten Stein.

Das Personal der Vernichtungslager, die Chauffeure und Zugführer der Judentransporte haben vielleicht unter vorgehaltener Hand zu Hause von ihrem mörderischen Handwerk erzählt, sich einmal im Jahr im Ehebett ausgeweint, den tödlichen Weisungen nicht zu gehorchen, haben ganz wenige geschafft. Nur Narren und Weltverbesserer wie Franz Jäger-stätter. Christen seines Schlages aber sind Sonderlinge, heute genau so abgelehnt wie damals, weil sie in Frage stellen, was wir anderen für unabänderlich halten.

Nicht überall gibt es Sonderlinge. Wie in Sodoma und Gomorrha findet sich oft nicht ein einziger Gerechter, dessentwillen Gott die Stadt verschonen könnte.

Symptomatisch erscheint mir da die erschütternde Geschichte von Elie Wiesel, der mit Tausenden von Juden aus seiner sieben-bürgischen Heimat vier Wochen vor Kriegsende getrieben wurde. Die Russen standen schon 30 Kilometer vor der Stadt, in wenigen Stunden erwartete man ihren Einmarsch. Zwei deutsche Offiziere und eine Handvoll ungarischer Gendarmen schafften die unerwartete „Säuberungsaktion“.

Christen, die ihre Türe geöffnet und wenigstens ein paar Frauen und Kinder eingelassen hätten, hätten kaum mehr viel riskiert. Ihre Türen blieben dennoch zu. Hätte ich die meine geöffnet?

Als in Wien Juden aus ihren Wohnungen getrieben, die Synagogen angezündet und fromme sanfte Chassidim dazu gezwungen wurden, das Pflaster zu reinigen, auf dem wir Spazierengehen, wie gerne haben wir uns da einreden lassen, sie würden zur Arbeit angehalten, die Transporte seien harmlos.

Als sich dann nicht mehr totschweigen ließ, was wirklich passiert war, war's Gott sei Dank vorbei. Da sind uns die Morde so im Hals gesteckt, daß wir nicht mehr davon reden wollten.

Ein paar Filme und Aufklärungsvorträge haben wir nolens volens über uns ergehen lassen.

Wenn Kinder Fragen dazu stellten, wurden sie zur Schonung der armen Eltern und Lehrer angehalten, die endlich nichts mehr hören wollten von der schrecklichen Zeit.

Bis in die Familien haben sich Aufklärungsaktionen in Wien nicht durchgesetzt. Nicht mehr der Druck von außen, der von innen hat uns abgehalten, das Leben wirklich zu ändern.

Wer sich freilich nicht so leicht davonschleichen konnte, waren die überlebenden Opfer. Wessen Vater auf qualvolle Weise zu Tode geschunden, wessen Familienexistenz total zerstört worden war, der war gezwungen, sein Leben zu ändern, der bringt die Angst bis heute nicht aus den Knochen, wird seine „Uberempfindlichkeit“ nie mehr los.

Bevor wir unseres eigenen Heldentums nicht ganz sicher sind, steht uns daher das Recht nicht zu, den Schleier des Vergessens zu fordern.

Als Israel Singer, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, am 25. März den Präsidentschaftskandidaten so heftig anklagte, hat er übertrieben. Kurt Waldheim war wohl kein großer Chef, der folgenschwere Befehle erteilen konnte.

Das waren nur wenige. Selbst wenn sie alle verurteilt oder sie auch nur gestorben sein werden.

werden welche nachwachsen. Wieder nicht viele. Und sie wären auch halb so gefährlich, wenn wir mehr gelernt und geweint hätten üb,er das, was im „Tausendjährigen Reich“ durch unser Schweigen passierte.

Israel Singers Vater war einer jener frommen Männer, die 1938 einen Wiener Gehsteig unter Gelächter und Spott der Passanten mit der Zahnbürste bearbeiten mußten. Angetrieben von der SA. Seinen Sohn dürfte es denn auch einige Anstrengung gekostet haben, vergangenes Jahr zu einer Tagung des Jüdischen Weltkongresses (FURCHE 6/1985) just in seine Heimatstadt zu reisen.

Hier aber ist ihm die Geste der Versöhnung auch nicht gerade honoriert worden. Österreich reichte just zu diesem Zeitpunkt SS-General Walter Reder die Hand, und die gutgemeinte Begrüßungsrede von Bundeskanzler Fred Sinowatz war auch nicht dazu angetan, die Beklemmung zu lösen, die sich deshalb auf die Veranstaltung legte.

Sinowatz erzählte, wie er als kleiner Bub im Burgenland die reiche Judenfamilie seines bur-genländischen Heimatontes mit Koffern auf Nimmerwiedersehn zum Bahnhof gehen sah — zu einem Zeitpunkt, als das Burgenland längst „judenrein“ gewesen ist.

Lange vorher waren alle Juden nicht mit Koffern und nicht im Coupe der Bundesbahn abtransportiert worden. Bei uns freilich weiß das heute niemand mehr.

Es weiß auch kaum jemand, daß unter Waldheims Generalsekretariat die UNO 1975 auf Initiative der arabischen Staaten und im Interesse der Sowjetunion eine Resolution angenommen hat, in der festgestellt wird, daß Zionismus Rassismus ist.

Sicher hätte das der Generalsekretär gar nicht verhindern können. Tatsache ist aber, daß auch Staaten mitgestimmt haben, die kaum wußten, worum es in Wirklichkeit ging. Tatsache ist auch, daß diese Resolution einem neuen Antisemitismus Vorschub leistet, der eben als Antizionismus dadurch gleichsam salonfähig gemacht wurde.

Nichts davon berechtigt den Jüdischen Weltkongreß zu Anschuldigungen, die bis heute nicht belegt werden konnten, nichts zu

Drohungen. Auch die wenigen Juden, die heute noch in Österreich leben, sind erschrocken vor der Massivität der Angriffe. Sie haben sie nicht gutgeheißen, wohl aber verstanden.

Nicht gutgeheißen auch deshalb, weil sie wissen, wie schnell Österreicher Schlagworte wie „Weltjudentum“ bei der Hand haben und was daraus werden kann. Denn „alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, sind gute Menschen, die den Mund halten“ (Edmund Burke).

Bloßgelegt hat der „Fall Waldheim“ weniger den Präsidentschaftskandidaten denn wieder einmal uns Österreicher. So wie ein offenes Wort zur rechten Zeit Waldheim gut getan hätte, so-wichtig wäre für uns alle, aus der Vergangenheit zu lernen.

Abwehr gegen „kollektive Haftung“ oder „Einmischung in .österreichische Angelegenheiten“ sind Ablenkungsmanöver, die uns nicht anstehen.

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