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Der stille K(r)ampf bei der Wohnungssuche

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Wohl dem, der bereits eine Wohnung hat. Er hat es gut. Denn wer jetzt noch nicht wohnt, hat den Schwarzen Peter. Das sind derzeit in Österreich besonders einkommensschwache Familien mit Kindern, junge Menschen, die sich eine Existenz aufbauen wollen, Alleinstehende, Studenten. Wenn diese Menschen überhaupt eine passende Bleibe finden, dann kämpfen sie meist noch mit horrenden Preisen, die bei weitem ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht.

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Wohl dem, der bereits eine Wohnung hat. Er hat es gut. Denn wer jetzt noch nicht wohnt, hat den Schwarzen Peter. Das sind derzeit in Österreich besonders einkommensschwache Familien mit Kindern, junge Menschen, die sich eine Existenz aufbauen wollen, Alleinstehende, Studenten. Wenn diese Menschen überhaupt eine passende Bleibe finden, dann kämpfen sie meist noch mit horrenden Preisen, die bei weitem ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht.

Die Mehrheit der Österreicher wohnt recht gut bis zufriedenstellend. Eine kleine Minderheit kann sich sogar jeden Luxus leisten. Eine große Minderheit allerdings treibt große Sorgen herum. Diese Gruppe findet derzeit kein Dach über dem Kopf, das sie sich auch leisten kann. 190.000 Wohnungssuchende sind laut Statistik gemeldet, davon 120.000 allein bei gemeinnützigen Bau Vereinigungen, 20.000 etwa beim Wiener Wohnungsamt und mindestens 50.000 bei anderen Gemeinden. Dazu kommen diejenigen, die auf dem privaten Wohnungsmarkt kein Glück haben sowie Tausende Pendler, die sich in der Nähe ihres Arbeitsplatzes keine Wohnung leisten können. Und das, obwohl der Bund seit Jahrzehnten Milliarden in die Förderung des Wohnungsbaus steckt. 1986 etwa waren es 16,7 Milliarden, in den darauffolgenden Jahren 17 Milliarden, 15,7, dann 16 und 1990 17,4 Milliarden Schilling.

Gegenwärtig fehlen in Österreich etwa 150.000 Wohnungen, errechnete ein Experte des Wiener Institutes für Stadtforschung. Dieser Fehlbestand wird bis zur Jahrtausend wende auf 250.000 bis 340.000 ansteigen. Die prognostizierten Fehlbestände ergeben sich aufgrund der Bevölkerungsprognose des Statistischen Zentralamtes, die für das Jahr 2000 ein Anwachsen der österreichischen Bevölkerung auf 7,84,7,94 oder 8,05 Millionen erwarten lassen.

In den letzten Jahren haben sich also gewaltige Wohnbau-Defizite angesammelt, die sich so ohne weiteres- nicht zuletzt durch die angespannte Budgetlage - kaum abbauen lassen. Wollte man mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt halten, müßten jährlich 12.800 bis 17.300 Wohnungen mehr gebaut werden; wollte man die in den achtziger Jahren entstandene

Bedarfslücke schließen, wäre eine gleich große zusätzliche Wohnbau-lei.stung erforderlich. Die Neubauleistung ist jedoch in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen und betrug 1990 laut Statistischem Zentralamt 36.500 (siehe Kasten Wohnungsbau).

Doch nicht nur die fehlenden Wohnungen sind das Problem. Die vorhandenen Unterkünfte sind durch drastische Teuerungen kaum mehr zu finanzieren. Besonders dramatisch ist derzeit die Wohnungssituation in den Ballungszentren wie Wien und Salzburg. Hier ist der Wohnungsmarkt durch die Preisexplosion für schwächere Einkommensgruppen überhaupt schon zusammengebrochen.

Warum ist die Wohnungsnot gerade jetzt so groß? Konnte sie nicht vorhergesehen und durch entsprechende Gegensteuerung abgefangen werden?

Franz Köppl, Wohnungsexperte in der kommunalpolitischen Abteilung der Arbeiterkammer in Wien, ortet die Irrtümer an drei Fronten: bei der Einschätzung der Wohlstands-, der Haushalts- sowie der Mietzinsfreigabe 1986:

- Der nunmehr zehnjährige Konjunkturaufschwung hat dazu geführt, daß die Österreicher im Durchschnitt immer mehr verdienen und einen größeren Bedarf nach besser ausgestatteten Wohnungen haben. Gleichzeitig hat sich auch die durchschnittliche Haushaltsgröße einschneidend geändert. Es gibt, nach Personen gerechnet, immer kleinere Haushalte. Die jungen Leute werden früher selbständig und genießen das Single-Dasein, andererseits haben die Scheidungen zugenommen, einer der Betroffenen muß sich dann meist auf die Suche nach einer anderen Bleibe machen. Weiters sind alleinstehende Mütter und Väter im Vormarsch, die ebenfalls Wohnraum benötigen. Das heißt also, durch die Haushaltsentwicklung brauchen immer mehr Menschen immer mehr Wohnraum.

Dazu kommt, daß die Bevölkerung in Österreich wieder zunimmt. „Wien überaltert und stirbt aus" hieß es noch warnend Mitte der achtziger Jahre. Diese Entwicklung ist aber nicht eingetreten. Im Gegenteil. Die Bevölkerung wächst. Nicht zulezt auch deshalb, weil die florierende Wirtschaft wieder mehr Arbeitskräfte aus den traditionellen Ländern wie Jugoslawien und der Türkei anzog.

Auf der Wohnungsangebotsseite gab es keine entsprechende Reaktion. Seit den fünfziger Jahren sind die Förderungen in den Neubau kontinuierlich zurückgegangen.

Der Bund verteilt Steuergelder nach einem bestimmten Schlüssel an die Länder. Dieser Schlüssel bestimmt sich nach der Bevölkerungszahl, der -zunähme und nach der Steuerkraft. Die Wohnbauförderung war immer schon Ländersache, aber 1987 wurde auch die entsprechende Gesetzgebung an die Länder übergeben. Im Zuge dieser Abtretung wurden die Förderungsmittel ohnehin bereits um zehn Prozent gekürzt. Dadurch wurde die Bauleistung verringert. Außerdem wurden damals die Länder verpflichtet, ein Sechstel der zugeteilten Förde-mngsmittel selbst noch aufzubringen. Dieses „Landessechstel" ist jedoch in fast allen Ländern stillschweigend verschwunden, kritisiert Herbert Kohler, zuständiger Experte für Wohnungs- und Siedlungswesen im Wirtschaftsministerium. Auch dadurch konnte weniger gebaut werden.

Durch die zehnprozentige Kürzung der Bundesmittel und dem Wegfalls des Landessechstels stehen also im Endeffekt 25 Prozent weniger Mittel für den Neubau zur Verfügung.

Die zweite Fehleinschätzung, analysiert Arbeiterkammermann Köppl, passierte 1986 bei der Regelung der Mieten für die Wohnungskategorie A, also der bestens ausgestatteten Wohnräume. Die Mietzinse für geförderte Mietwohnungen und für Altbauwohnungen, die vor 1945 errichtet wurden, blieben weiterhin reglementiert. Durch diese Freigabe sind die Preise für den Wohnraum „A" in die Höhe geschnellt.

Billiger Wohnraum fällt weg

Andererseits wurde massiv die Wohnraumsanierung gefördert. Das hatte zur Folge, daß billiger Wohnraum der Kategorien B, C und D zusammengelegt und saniert wurden, um sie als A-Wohnung zu weitaus höheren Preisen vermieten zu können. Damit schrumpften natürlich die Wohnmöglichkeiten füreinkommens-schwächere Schichten. Da aber die niedrigen Kategorien so nach und nach wegfallen, fällt letzlich auch die Mietzinsbegrenzung weg, weil es nur mehr Wohnungen der Kategorie A und B gibt. Im Zuge der Wohnungsreform rangeln derzeit die Koalitionspartner um eine Begrenzung dieses Mietzinses. Eine Einigung wird für den Herbst erwartet. (Gegenwäritg liegt der Zins für Kategorie A-Wohnungen in Altverträgen bei 27 Schilling, bei Neuvermietung erreicht er 120 Schilling.)

Die Wohnbauförderung ist längst nicht mehr sozial, weil sie inzwischen letztlich einer gutverdienenden Mittelklasse zugutekommt. Es muß also aus verschiedenen Richtungen etwas geschehen, um die Wohnungsnot zu mildem. Sie ist zwar derzeit in aller Munde, aber auch ideologischer Zankapfel. Soll auf dem Wohnungssektor mehr freier Markt oder eine strengere Reglementierung herrschen? Soll Wohnraum durch verstärkte Stadterneuerung oder Stadterweiterung geschaffen werden? Wie soll die Mietezinsbegrenzung für die Kategorie A gehandhabt werden, soll es „Mindestmieten" auch für diejenigen geben, die noch in den alten Friedenkronenzins-Wohnungen leben? Was hier die einzelnen Bundesländer unternehmen, ist ein weiteres Thema der FURCHE.

Eine rasche Entspannung der Lage erwartet jedenfalls keiner der Experten. Für alle Wohnungssuchenden heißt es: „bitte warten, bitte warten...."

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