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Der Vatikan und Israel

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Warum bestehen keine di­plomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel? Die Beantwor­tung dieser oft gestellten Frage erfordert einen Blick in die Geschichte.

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Warum bestehen keine di­plomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel? Die Beantwor­tung dieser oft gestellten Frage erfordert einen Blick in die Geschichte.

Bis zum Zusammenbruch des einst riesigen Osmanischen Reiches, 1917, stand das Heilige Land unter türkischer - und das heißt, religiös gesehen .unter muslimischer - Herr-schaft. Die sogenannten „Entente­mächte", vor allem England, nütz­ten den voraussehbaren Zusam­menbruch in alles anderer als kor­rekter Vorgangsweise: Sie schlös­sen drei einander widersprechende Vereinbarungen.

Im McMahon-Hussein-Abkom-men stellten die Briten dem Scherif von Mekka die Errichtung eines großarabischen Staates bezie­hungsweise einer Föderation in Aussicht. In diese sollte Palästina einbezogen werden. Im Sykes-Picot-Abkommen teilten sich dann aber England und Frankreich die wichtigsten arabischen Gebiete des Osmanischen Reiches auf. Palästi­na hätte wegen der dort gelegenen heiligen Stätten ein Sonderregime erhalten sollen. Abermals zur glei­chen Zeit einigte sich der britische Außenminister Balfour mit dem Vertreter der zionistischen Juden, Lord Rotschild, auf einen Text, in welchem die britische Regierung den Zionisten versicherte, sie wür­den der Errichtung einer „Jüdischen Heimstätte in Palästina " mit Wohl­wollen entgegensehen.

Es ist leicht einzusehen, daß diese einanderwidersprecheriden Verträ­ge und Abmachungen mehr Kon­flikte schufen als Lösungsmöglich­keiten anboten. Die Araber fühlten sich gleich mehrmals hintergangen und betrogen.

Als die Engländer 1917 Palästina eroberten, feierten die Entente­mächte dieses Ereignis auch als Befreiung des Heiligen Landes aus vierhundertjähriger türkischer und muslimischer Herrschaft. Der Generalvikar von Rom ließ dieses säkulare Ereignis durch ein ein-stündiges Glockengeläute aller römischer Kirchen feiern. Nur in St. Peter schwiegen die Glocken: Papst Benedikt XV., der Diplomat auf dem Stuhl Petri, hatte dieses Schweigen angeordnet.

Das Schweigen der Glocken von St. Peter sollte die strikte Neutrali­tät des Heiligen Stuhles in dieser sich bereits abzeichnenden Krisen­region dokumentieren. Bald danach meldete der Papst zwei Anliegen an, die fortan die Politik des Heili­gen Stuhls in bezug auf Palästina prägen sollten: 1. die vertragliche Sicherung der freien Zugänge zu allen Stätten, die den Christen hei­lig sind und 2. die pastoralen Anlie­gen der arabischen Christen in Palästina. Damals lebten dort 71.000 Christen unter nicht ganz 600.000 Moslems und 83.000 Ju­den.

1922 übertrug der Völkerbund England das Mandat über Palästi­na mit dem Auftrag, diesem total zerrütteten Land auf den Weg zu einer echten und lebensfähigen Eigenständigkeit zu verhelfen. Der Auftrag gelang mit wechselndem Erfolg. Doch schließlich wurden die Briten Opfer ihrer eigenen, einan­der widersprechenden Verträge. Als sie 1948 das Mandat in die Hände der Vereinten Nationen zurückleg­ten, war ihre Politik gescheitert: Der arabisch-jüdische Krieg war ausgebrochen.

Seit 1921 hatte sich der Heilige Stuhl beim Völkerbund mit beein­druckender Zähigkeit um die Er­richtung einer Kommission bemüht, welche die Wahrung der Rechte in bezug auf die heiligen Stätten zur Aufgabe hätte haben sollen. Die Zusammenstellung dieser Kommis­sion erwies sich aber als derart schwierig, daß sie schließlich nie gebildet wurde.

Als mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch das Ende der Mandatsregierung vorauszusehen war und sich immer deutlicher herausstellte, daß die Zionisten einen eigenen jüdischen Staat in Palästina vorbereiteten, begann ein neuer Abschnitt in der Politik des Heiligen Stuhls. Zunächst errich­tete Papst Pius XII. 1948 in Jerusa­lem eine autonome Apostolische Delegatur für ganz Palästina. Er wollte damit die grundsätzliche Neutralität des Heiligen Stuhls in dieser Krisenregion - auch für die Zukunft - unterstreichen.

Dann begann der Heilige Stuhl seinen Wunsch anzumelden, Jeru­salem und seine Umgebung dadurch aus den Konflikten herauszuhal­ten, daß ein Sonderstatus geschaf­fen und das Gebiet unter interna­tionale Aufsicht gestellt werden sollte. Schließlich erklärte Pius XII., Araber, Juden und Christen hätten ihre - allerdings verschiedenen -Rechte auf und in Palästina, die zu koordinieren wären. Zugleich stell­te er klar, daß der Heilige Stuhl den Zionisten das Recht absprechen müsse, sich zur Begründung terri­torialer Ansprüche auf Palästina auf irgendwelche .historischen Rechte' Israels, die in der Bibel verankert sein sollten, zu berufen:

Am 14. Mai 1948 verkündeten die Zionisten einseitig den Israelischen Staat, nachdem ein halbes Jahr zuvor die UN-Vollversammlung die Teilung Palästinas in einen jüdi­schen und einen arabischen Staat beschlossen hatte. Am 11. Mai 1949 wurde Israel in die Vereinten Na­tionen als Mitglied aufgenommen. Die arabischen Nachbarländer verweigerten aber hartnäckig die Anerkennung Israels als Staat. Im sogenannten „Sechstagekrieg" eroberten dann die Truppen Israels 1967 ganz Palästina. In der Folge wollten starke politische Kräfte in Israel diese besetzten Gebiete in den Staat Israel einverleiben, was die Frage nach den Grenzen dieses Staates verkompliziert.

Warum hat nun der Heilige Stuhl den Vorschlag Israels, mit ihm for­melle diplomatische Beziehungen aufzunehmen, bisher abgelehnt? Es sind zwei Gründe:

Der erste Grund liegt in einem Prinzip der Diplomatie des Heili­gen Stuhles: Er nimmt nur mit Ländern formelle diplomatische Beziehungen auf, deren Grenzen international anerkannt sind. Mit diesem Grundsatz will sich der Heilige Stuhl aus staatspolitischen Streitigkeiten heraushalten, nicht zuletzt auch, um seine primäre, das heißt seelsorgliche Aufgabe nicht zu gefährden.

Auf unsere Frage bezogen: In Palästina leben nicht ganz 100.000 arabische Christen, weitere leben verstreut in der arabischen Welt. Als das Zweite Vatikanische Kon­zil über das Verhältnis der katholi­schen Kirche zu den Juden beriet, reagierte die arabische Welt ge­reizt. In einem im November 1964 vom syrischen Rundfunk ausge­strahlten Kommentar hieß es unter anderem:

„Falls das Konzil die Juden vom Verbrechen, Christus getötet zu haben, freisprechen will, so ist das seine Sache. Die arabische Welt aber ist entsetzt, daß das Konzil gerade diesen Zeitpunkt dazu ge­wählt hat. Die zeitliche Koordination beweist, daß hinter der Fassa­de der Religion politische Faktoren am Werk sind... Anstatt ein Doku­ment zu billigen, das die Juden vom Mord an Christus entlastet, hätte das Konzil eher die Dokumente gutheißen sollen, die die Juden des Massakers und der Austreibung von Tausenden von unschuldigen Ara­bern bezichtigen."

In Jordanien wurden die Katho­liken aufgefordert, mit dem Vati­kan zu brechen und der orthodoxen Kirche beizutreten. Es wurde auch mit der Übernahme der katholi­schen Schulen durch den Staat gedroht.

Der zweite Grund in der gegen­wärtigen Situation, keine formel­len diplomatischen Beziehungen aufzunehmen, liegt im ungeklärten Status der Stadt Jerusalem. Seit 1917 war ein beständiges Anliegen des Heiligen Stuhls, diese Stadt aus den politischen und militärischen Wirrnissen herauszuhalten. Pius XII. sprach von einem „corpus se-paratum", von einem aus den Kon­flikten ausgegrenzten Gebiet. Paul VI. sprach von einem „Sondersta­tus für Jerusalem", der internatio­nal garantiert werden solle. Johan­nes Paul II. hat diese Zielvorstel­lung übernommen.

Gewiß, es wird jeder, der die Verhältnisse im Heiligen Land während der ereignisreichen Jahr­zehnte seit der Jahrhundertwende kennt, zugeben, daß die gegenwär­tigen Bedingungen (wenn man von Schwierigkeiten in der Folge des Aufstandes der El Fatah seit De­zember 1987 absieht), für Pilger recht gut sind. Das leugnet auch niemand im Vatikan. Doch geht es um die rechtliche Verankerung, die diesen Zuständen Sicherheit und Dauer garantieren soll. Israel ist bisher auf alle Vorschläge, die in diese Richtung weisen, nicht einge­gangen.

Die Ablehnung des Heiligen Stuhls, mit dem Staat Israel for­melle diplomatische Beziehungen aufzunehmen, hat keine staatspoli­tischen oder gar antisemitischen Gründe. Auf dem Zweiten Vatika­nischen Konzil hat die katholische " Kirche ihr Verhältnis zu den Juden in einer eigenen Erklärung zum Ausdruck gebracht und in den fol­genden Jahren wiederholt doku­mentiert, daß sie diese Erklärung ernst nimmt.

Der Autor ist Letter des Exerzitienreferates der Erzdiözese Wien. Er leitete lange dendeutsch-sprachigen Dienst von Radio Vatikan

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