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Der Vorarlberger ist ein auch aufmüpfiger und fleißiger, aber kritischer Bürger

FURCHE: Welche „Geheimnisse“ stecken hinter den positiven Wirtschaftsdaten Vorarlbergs?

MARTIN PURTSCHER: Mehrere Faktoren spielen eine Rolle. Es wäre daher falsch, ein Element als besonders ausschlaggebend zu bezeichnen.

Dennoch nenne ich zunächst einmal unsere spezifische geopo-litische Situierung. Wir grenzen zu fast 80 Prozent an Länder, die mit dem System der Marktwirtschaft - und zwar in ihrer wohl noch reinsten Form - operieren. Das stellt für uns eine besondere Herausforderung dar.

Weiters sind der Fleiß der Vorarlberger zu nennen und ihre stark verankerte Industriegesinnung als Ergebnis eines frühen Industrialisierungsprozesses.

Was aber die Besonderheit der letzten Jahrzehnte ausmacht, das ist der enorme Strukturwandel, die Anpassungsfähigkeit der Vorarlberger Wirtschaft. Noch vor 20 Jahren lag der Anteil der Textilindustrie an der industriellen Gesamtproduktion bei etwa 70 Prozent, heute nur noch bei gut 40 Prozent. Trotzdem haben wir jetzt weit mehr Beschäftigte und eine höhere Exportquote.

45 Prozent der Wertschöpfung in unserem Land wird exportiert, das heißt, fast jeder zweite Schü-ling muß sich erst im Ausland behaupten. Die rasche Anpassung der Unternehmen an die Weltmarktbedingungen ist deshalb ein unbedingtes Muß.

Schließlich verfügen wir im Land zum Glück über keine verstaatlichte Industrie.

Alle diese Faktoren zusammen ergeben das für uns günstige Gesamtbild. Das heißt aber nicht, daß wir keine Zukunftssorgen hätten.

FURCHE: Die Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft der Vorarlberger Unternehmer ist wohl der größte Vorteil.

PURTSCHER: Ich muß gestehen, ich wundere mich immer wieder selbst, wie die Vorarlberger Wirtschaft trotz der Dollarschwäche — der Großteil der Exporte geht in den Dollarraum — und des Exportrückgangs in den arabischen Raum ihre Position auf den internationalen Märkten nicht nur halten, sondern ausbauen konnte.

FURCHE: In anderen traditionsreichen Industrieregionen Österreichs erfordert der Strukturwandel viele Milliarden Schilling an Steuergeldern. Wieviel haben die Vorarlberger die Umstrukturierung smaßnahmen gekostet?

PURTSCHER: Wir haben -vielleicht mit zwei Ausnahmen — niemals versucht, kranke Betriebe aus öffentlichen Mitteln zu sanieren. Und wenn die öffentliche Hand unterstützend eingegriffen hat, dann nur, wenn auch der Unternehmer selbst bereit war, ein Vielfaches der Landesmittel zu investieren und gute Gründe geltend machen konnte, daß der Betrieb in der Zukunft positive Ergebnisse erzielt.

FURCHE: Hat diese Politik eigentlich Zustimmung bei den Betroffenen gefunden?

PURTSCHER: Es war in allen Fällen nicht leicht. Aber als man gesehen hat, dieser oder jener Betrieb ist nicht mehr zu sanieren, wurde sofort versucht, die Beschäftigten in anderen Betrieben unterzubringen — was im großen und ganzen gelungen ist.

Unserer Erfahrung nach ist es also immer besser, die wenigen im Land selbst für die Wirtschaftspolitik zur Verfügung stehenden Mittel in neue unternehmerische Initiativen zu investieren als in die Sanierung von überholten Industriestrukturen.

FURCHE: Konnte man dabei auch auf spezielle „Vorarlberger Verhältnisse“ zwischen Arbeitnehmern und deren Vertretern auf der einen und den Unternehmern auf der anderen Seite zählen?

PURTSCHER: Ich war zuvor ja Jahrzehnte lang in der Wirtschaft tätig und hatte mit vielen Betriebsräten zu tun. Nach meiner Erfahrung darf ich das Verhältnis zwischen den betrieblichen Sozialpartnern als sehr gut bezeich-« nen.

Das liegt zum Teil daran, daß wir kaum Großbetriebe mit über 100 Beschäftigten haben. Dieses gute Sozialklima beruht aber wahrscheinlich auch auf der Tatsache, daß sich seit Beginn der Industrialisierung immer wieder-Landsleute durch harte Arbeit zum Unternehmer emporgearbeitet und deshalb auch immer die andere Seite besser verstanden haben.

FURCHE: Wie groß ist eigentlich der wirtschaftspolitische Spielraum eines kleinen Bundeslandes wie Vorarlberg?

PURTSCHER: Primär sind wir in die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung eingebunden. Wir wären durchaus bereit, auch die Verantwortung für Steuern zu übernehmen, wenn wir mehr wirtschaftspolitische Kompetenzen bekommen.

Aber jedes Land verfügt schon heute über bestimmte Möglichkeiten der Schwerpunktsetzung. Wir haben den Ehrgeiz, ein Land zu sein, in dem alle Arbeit haben. Deshalb werden wir in den nächsten Jahren eine dreifache Offensive einleiten:

Zunächst starten wir eine Technologieoffensive mit Hilfe des neugegründeten Technologietransferzentrums, um den Unternehmen mehr Informationen aus dem Forschungs- und Wissenschaftsbereich zu vermitteln. Wir setzen dabei auch auf die Zusammenarbeit mit Baden-Württemberg, dem wohl höchstentwickelten High-Tech-Land Europas.

Wir wollen zweitens die vorhandenen Lücken im Ausbildungsbereich durch das Angebot von Kursen und Hochschullehrgängen in Exportwirtschaft oder Informatik schließen. Wir schaffen zum Beispiel soeben auf Kosten des Landes modernste Computer für Bundesschulen an, die ansonst jahrelang betteln müssen und dann erst recht keine Geräte der allerletzten Generation bekommen.

Und nicht zuletzt wollen wir eine Unternehmeroffensive einleiten. Wir müssen wieder mehr junge. Menschen motivieren, sich selbständig zu machen. Im Schnitt beschäftigt derzeit jeder Selbständige in Vorarlberg fünf Personen. Wenn wir jährlich davon nur 60 bewegen können, selbständig zu werden, schaffen wir bereits 30 Prozent der bis zum Jahr 2015 notwendigen 1.000 zusätzlichen Arbeitsplätze pro Jahr.

FURCHE: Wie beurteilen die Vorarlberger die geplante Annä-

herung Österreichs an die Europäische Gemeinschaft?

PURTSCHER: Österreichs Wirtschaft braucht diese Herausforderung. Die Herausforderung ist noch leichter zu ertragen als die Konsequenzen, die sich aus einer Nichtannäherung ergeben.

Einen Vollbeitritt mit allen Konsequenzen, vor allem im Bereich der Landwirtschaft, halten wir für nicht zielführend. Die derzeitige EG-Agrarpolitik will die Zahl der Bauern auf zwei Prozent der Erwerbstätigen absenken. In Vorarlberg leben noch 3,3 Prozent von der Landwirtschaft, fast ausschließlich als Bergbauern. Von ihnen darf eigentlich keiner mehr weichen. Im EG-Agrarmarkt könnten sich die Bergbauern nicht behaupten. Deshalb braucht unsere Landwirtschaft eine Sonderstellung.

FURCHE: Wie reagiert die Vorarlberger Wirtschaft auf die schon heute relativ offene Grenze, vor allem im Handel, zur Schweiz, aber auch zur Bundesrepublik Deutschland?

PURTSCHER: Der Kaufkraftabfluß ist in der Tat enorm. Er liegt nach Berechnungen zwischen einer halben und einer Milliarde Schilling. Der Vorarlberger Handel hat darauf mit der Errichtung von Verbrauchergroßmärkten im Rheintal reagiert, die zum Beispiel den Vergleich mit jenen auf der andere'n Seite der Grenze nicht scheuen müssen. Erste Erfolge bestätigen die Richtigkeit dieser Strategie, weil ja bei manchen Produkten auch Preisvorteile auf Seiten Österreichs bestehen.

FURCHE: Wie beurteilt die Vorarlberger Wirtschaft die „innerösterreichische“ Konkurrenzsituation?

PURTSCHER: Viele Vorarlberger Firmen klagen darüber, daß sie oft in Wettbewerb mit österreichischen Unternehmen treten müssen, deren Defizite von der öffentlichen Hand abgedeckt werden. Die Stimmung in Vorarlberg richtet sich daher nicht nur gegen Subventionen für marode Betriebe im eigenen Land, sondern auch in anderen Bundesländern, weil dies den Wettbewerb verzerrt.

FURCHE: Was erwarten die Vorarlberger von der Großen Koalition?

PURTSCHER: Sparsamkeit, Senkung des Budgetdefizits, Re-privatisierung — eine Linie, die ja die Volkspartei immer vertreten hat, die sich auch durch das Arbeitsübereinkommen von ÖVP und SPÖ zieht und die von der Bundesregierung jetzt hoffentlich Schritt für Schritt realisiert wird.

Das Betrübliche dabei ist nur, daß wir einige Jahre zu spät dran sind mit diesen Maßnahmen. Vor ein paar Jahren noch wären die hotwendigen Schritte weniger schmerzhaft gewesen.

FURCHE: ,Jiestösterreich“ macht sich gelegentlich über Aufführung sverbote für Kinofilme in Vorarlberg lustig, die in anderen Bundesländern gezeigt werden dürfen. Wie korrespondiert diese oft zitierte ,Jiückständigkeit“ oder „geistige Enge“ der Vorarlberger mit ihrer weltoffenen Haltung im Wirtschaftsleben?

PURTSCHER: Die Weltoffenheit, die Vorarlberg im Wirtschaftsbereich immer wieder unter Beweis stellen muß, findet heute im kulturellen Bereich durchaus ihre Entsprechung. Die Umstellung vom Agrarland zum Industrieland hat sich vielleicht bei uns im kulturellen Bereich etwas später vollzogen. Aber gerade unter meinem Vorgänger, Herbert Keßler, fand eine ungeheure kulturelle Öffnung statt.

FURCHE: Die Mobilität der Vorarlberger in der Wirtschaft bleibt offensichtlich nicht ohne Auswirkungen auf die politische Mobilität. Die Grünen schafften den Einzug in einen Landtag zum Beispiel zuerst in Vorarlberg.

PURTSCHER: Vorarlberg ist das Land der Wechselwähler. In keinem anderen Bundesland gibt es zwischen den Wahlgängen Unterschiede im Wahlverhalten von bis zu 20 Prozent.

Das zwingt jeden Politiker, besonders vorsichtig zu agieren. Der Vorarlberger Bürger will eine sachliche, zielorientierte Politik. Der Vorarlberger war nie autoritätsgläubig. Er ist sehr aufmüpfig, wenn er sich in seinem ureigenen Bereich angegriffen fühlt.

Das erklärt auch, warum die Vorarlberger bei Grün-Themen besonders empfindlich sind. Dabei hat das Land unter allen Bundesländern als erstes und am konkretesten auf die Umweltproblematik reagiert — durch das erste Luftreinhaltegesetz von 1972 zum Beispiel oder durch gewaltige In-ve¥tuiönenfüfden“UmweTtscTiüVz in der Industrie.

FURCHE: Fühlen sich die Politiker deshalb eigentlich unverstanden?

PURTSCHER: Vielleicht hat es auch an Aufklärungsarbeit gefehlt. Dennoch: mir ist ein kritischer Bürger lieber als ein „lahmer“ Bürger. Aber wir dürfen vom Bürger auch erwarten, daß er sich nicht nur im Fall von subjektiver Betroffenheit zu Wort meldet.

Mit dem Landeshauptmann von Vorarlberg, Martin Purtscher, sprach Tino Teller.

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