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Der Wald stirbt, der Minister döst

1945 1960 1980 2000 2020

Die Forstgelehrten streiten, und die Forstbürokraten hüllen sich in Schweigen. Der Bürger findet den Zustand der Wälder längst beängstigend: Es ist bereits fünf nach zwölf.

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Die Forstgelehrten streiten, und die Forstbürokraten hüllen sich in Schweigen. Der Bürger findet den Zustand der Wälder längst beängstigend: Es ist bereits fünf nach zwölf.

Vor zwei Jahren sagte der Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Günter Haiden — selbst ein gelernter Forstwirt -, auf der österreichischen Forstkonferenz in Salzburg, mit dem Waldsterben sei alles nicht so arg, wie es Wiener Massenblätter darstellten.

Der anwesende Forstmeister der Castell'schen Besitzungen im mehrere tausend Hektar großen Weilhartsforst sagte darauf dem Minister, er lade ihn ein, sich davon zu überzeugen, daß die Zeitungen noch untertrieben; er habe im letzten Jahr jeden vierten Baum „beerdigt”. Er könne das nur viermal tun, dann hätte er keinen mehr...

Ein Jahr später, auf der Forstkonferenz in Klosterneuburg, servierte ein darob sichtlich selbst nicht beglückter Sektionschef den Plan seines Stellvertreters, die Waldzustandsinventur in ganz Österreich von bisher arbeitslosen Forstakademikern durchführen zu lassen. Träger dieser Aktion sollte die parteinahe „Stuges”, die „Studiengesellschaft für Bergbauernfragen” sein. Die Länder lehnten zum Großteil dankend ab. Sie machten die Erhebungen inzwischen zum Teil mit eigenem zusätzlichen Personal.

Ein paar Tage vor der heurigen Forstkonferenz in Wien veröffentlichte der Forstminister die hochgerechneten Ergebnisse des sogenannten Bioindikatornetzes. Das ist etwas ganz anderes als die Waldzustandsinventur. Diese liegt noch nicht für ganz Österreich vor.

Der Minister verkündete auf seiner Pressekonferenz, daß nach dem Bioindikatornetz über 500.000 Hektar Wald geschädigt seien, daß das alles aber auch seine ertreulichen Seiten habe, weil der Zuwachs in der Erkrankung abgenommen habe. , Um das zu erklären: Ein Patient hat an einem Tag 38,4 Grad Fieber, am nächsten 39,4, am dritten 40,2. Sein Zustand wird als nicht so ernst bezeichnet, weil sein Fieber am letzten Tag nur um 0,8 Grad zugenommen hat, während es am Tag zuvor noch um ein ganzes Grad gestiegen ist.

Der streitbare Professor für Waldbau an der Universität für Bodenkultur in Wien, Hannes Mayer, ist der Ansicht, daß in Wahrheit rund eine Million Hektar von insgesamt nicht ganz vieren geschädigt seien - zumal die Schäden ja schon auftreten, bevor sie sichtbar werden. Dem widersprach die forstliche Bundesversuchsanstalt, die in dieser Frage seit einigen Jahren leisetritt, und das aus mehreren, vor allem aber auch aus einem menschlich verständlichen Grund:

Die schöne forstliche Spezial-disziplin „Forstschutz” wird ihnen von Leuten, die bei jedem dürren Baum von „Waldsterben” reden und-als einzige Ursache dafür die Luftverunreinigungen gelten lassen, ruiniert. Seminare auf der Versuchsanstalt, auf denen die künftigen Sachverständigen für den Vollzug der Immissionsparagraphen des Forstgesetzes herangebildet werden sollten, standen bisher unter dem Motto: „Was es alles noch sein kann” -von Käfern, Pilzen, Trockenheit

„Die Industrie schaut dem Streit der Gelehrten mit Vergnügen zu.” und anderem —, als ob sie der Fachverband der Industrie organisiert hätte.

Die Industrie, bei uns wie anderswo, schaut diesem Streit der Gelehrten mit größtem Vergnügen zu. Solange die unter sich nicht einig sind, wer und was nun wirklich für diese augenscheinliche Vitalitätsminderung in Österreichs Wäldern zuständig ist, wird es nicht leichtfallen, Vorschreibungen sachverständig abzusichern, wenn sich für jede Aussage eine Gegenmeinung finden läßt.

Zumal die diesbezüglichen Paragraphen des Forstgesetzes von Verfassungsjuristen ebenfalls als bedenklich eingestuft wurden. Es hat daher in der Forstpartie, in jenem Personenkreis vor allem, der kürzlich zur Forstkonferenz geladen war, besondere Verärgerung hervorgerufen, daß ein siebzig Änderungen umfassender Entwurf einer Novelle zum Forstgesetz 1975 ausgerechnet zum Problem Immissionen gar nichts enthält, während die bürokratischen

Fesseln noch enger gezogen werden sollen und die Länderrechte weiter beschnitten werden.

Die Ablehnung dieses zweiten Anlaufes zur Novellierung des Forstgesetzes 1975 (das Reichsforstgesetz 1852 hielt an die hundert Jahre!) ist so allgemein, daß es mit Sicherheit zu keiner einstimmigen, vermutlich aber zu gar keiner Beschlußfassung über den Entwurf kommen wird.

Für den Bürger ist der Zustand der Umwelt, wie das „Institut für empirische Sozialforschung” (IFES) vor einem Jahr erhoben hat, Thema Nummer 1. Forstleute bei Ländern wie Kammern können sich derzeit der Einladungen zu Bildungsveranstaltungen aller Art kaum erwehren.

Nur bei den Bundesforsten, dem größten Waldbesitzer Österreichs, ist das Thema tabu. Wer

„Der Wald ist das Opfer eines anhaltenden ,Staatsversagens' geworden.” sich dort an den'Maulkorberlaß, der natürlich offiziell geleugnet •vird, nicht hält, hat mit dienstlichen Schwierigkeiten zu rechnen.

Geleugnet wird das „Waldsterben” nach wie vor auch in Frankreich. Man sagt dort dazu „le Waldsterben”, wie man „le Berufsverbot” sagt, weil man den Begriff nicht kennt. Die Schweiz hat spät, aber nun umso heftiger reagiert. In den Ostblockländern mit Staatswirtschaft weinen die Forstwirte, der Staat leugnet. In den an und für sich waldärmeren und industrieärmeren Mittelmeerländern ist die Situation besser.

Peter Glück, Professor für Forstpolitik an der Universität für Bodenkultur, hat im Vorjahr mit einer Direktheit, die hierzulande ganz ungewöhnlich ist, auf einer Veranstaltung der „Stuges” zu unserem Thema das „Staatsversagen” gebrandmarkt. Besonders kraß ist dieses Staatsversagen dort, wo der Staat selbst Unternehmer ist. Dazu aus der näheren Umgebung des Dienstortes des Verfassers drei Beispiele:

• Das private Montanunternehmen in Hochfilzen hat seine Abgase so musterhaft gereinigt, daß es heute Ziel von Exkursionen aus ganz Europa ist, und sein Schwefelwaschsystem weltweit verkauft.

• Das Montanwerk Brixlegg, Tochter des verstaatlichten Buntmetallkonzerns und Verursacher von Schäden tschechischen Ausmaßes, konnte erst nach jahrzehntelangem Streit heuer zum Einbau von Filtern gezwungen werden, und das trotz öffentlich zugegebener konzernbereinigter Reingewinne.

• Der Innsbrucker Ziegelstadel, das landesgerichtliche Gefangenenhaus, bekämpft derzeit jeden Bescheid, auch die bloße Einleitung eines Verfahrens, mit allen juristischen Mitteln, für die die Verantwortlichen des Hauses ja Spezialisten sind. Daß die Wälder um den Ziegelstadel eindeutig an den Folgen der Fluorimmissionen aus der Brennerei zugrunde gehen, ist da nicht so wichtig...

Wie groß der Anteil der geschädigten Wälder wirklich ist? Rund dreißig Prozent werden es sein, und die Luftverschmutzungen sind die Hauptursache. Daher wird als einziges die Verminderung aller Luftverschmutzungen zum Ziel führen.

Der Autor ist Forstreferent der Landwirtschaftskammer Tirol.

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