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Der Weg in die Verbannung

Sie zogen die Konsequenz aus der Ablehnung ihres künstlerischen Schaffens, sie folgten einer Einladung oder verließen fluchtartig das Land - weil sie mußten oder gerade noch konnten: österreichische Maler und Bildhauer der Emigration und Verfolgung, Künstler, die auswanderten oder sich in ihrer Heimat zurückzogen, weil sie sich den neuen Umständen nicht anpassen wollten, weil sie, wie ihnen immer drängender klargemacht wurde, hier nichts zu suchen hatten, weil für sie einfach kein Platz mehr war.

Geboren in Österreich, gestorben in Belfast, in London, in Paris, Johannesburg, New York oder frühzeitig in Auschwitz. Die nicht verschleppt wurden, sondern emigrieren konnten, sie gingen in den meisten Fällen einem bitteren Schicksal entgegen. Dazu heißt es in den Künstlerviten etwa so: „Im Jähre

1939 war Carry Hauser im Begriff, freiwillig nach Australien auszuwandern, gelangte aber infolge des Kriegsausbruchs nur bis in die Schweiz, wo er, wie fast alle Emigranten, keine Arbeitsbewilligung erhielt.” Oder: „1938 mußte Gerhart Frankl emigrieren und kam nach England. Erschütterung und Mühsal der ersten Jahre führten dazu, daß der Künstler längere Zeit fast gar nicht malte, nur zeichnete. Erst nach Kriegsende entstand eine Reihe von Bildern nach Motiven an der Peripherie Londons. 1947 kam Frankl nach Wien - in der Hoffnung, hier wieder Fuß fassen zu können.”

So nachzulesen in den biographischen Angaben zu den Künstlern, „Die uns verließen” - so auch der Titel einer Ausstellung, die in der vergangenen Woche in der österreichischen Galerie im Oberen Belvedere eröffnet wurde. Es soll, wie Direktor Hans Aurenhammer einleitend schreibt, au die große Zahl der Künstler hingewiesen werden, die Österreich zwischen 1918 und 1938 verlassen haben und verlassen mußten, wobei ”von der Tatsache des Verlustes her gesehen, den künstlerisches Schaffen und Bewußtsein erlitten haben, es dabei gleichwertig ist, ob ein Künstler fliehen mußte, um sein oder der Seinen Leben zu retten, ob er freiwillig die Diktatur verließ, oder ob ihm diese eine künstlerische Existenz verwehrte.”

Manche blieben und erlebten dann, -wie Albert Paris Gütersloh, - den Anschluß mit allen Konsequenzen, die das Tausendjährige Reich mit sich brachte: Entlassung aus dem Lehramt, Berufsund Ausstellungsverbot, Einreihung in die Avantgarde der „Entarteten Kunst” und Dienstverpflichtung. Ein Gesetz, das 1938 erlassen wurde, regelte den schon lange vorher angekündigten und teilweise bereits vollzogenen „unerbittlichen Säuberungskrieg” durch die nationalsozialistische Kunstpolitik: Werke der „entarteten” Künstler wurden eingezogen und dem Ausland zum Kauf angeboten. Was nicht verschachert und in Deviseneinnahmen zum Wohle der deutschen Kriegswirtschaft umgesetzt werden konnte, das wurde ganz einfach verbrannt.

Vieles ist also zerstört worden oder auch nur in den Wirren verloren gegangen: Werke österreichischer Künstler, glänzender und bekannter Namen, aber auch von Künstlern, die kaum bekannt sind, die in dieser Ausstellung mit einem Werk vorgestellt oder auch nur mit einer Kurzbiographie im Katalogteil angeführt werden. Das Vorhaben, von jedem einzelnen Werke zu zeigen, die vor, während und nach der Emigration entstanden sind, konnte nicht realisiert werden. So ist diese Schau ein Beginn, ein Ansatzpunkt, ein wichtiges Aufarbeiten. Es soll die Fülle aufgezeigt, es soll dokumentiert werden.

Allerdings ist die nach den Geburtsdaten der Künstler vorgenommene chronologische Reihung für den Betrachter kaum durchschaubar. Er wandelt eher verwirrt zwischen Dokumentationsmaterial zur österreichischen Kunst der Zwischenkriegszeit. Dabei wird er nur von Hans Bisanz, der zu diesem Thema im Katalog einen Essay geschrieben hat, an der Hand genommen. Almut Krapf-Weiler ergänzt mit einer Auswahl zeitgenössischer Kommentare das Bild vom kulturellen und geistigen Leben dieser Zeit in Österreich. Elfriede Baum hat den Katalog der ausgestellten Werke und die Künstlerviten erarbeitet. Die österreichische Galerie im Oberen Belvedere hat mit dieser Ausstellung das Motto der Wiener Festwochen - „Großstadt im Kleinstaat, Wien 1918 - 1938” -aufgegriffen und einen sehr konkreten Beitrag dazu geliefert.

Eine stärkere Wanderbewegung, die über die gewöhnliche Dauer von Studienreisen und Auslandsaufenthalten hinausging, setzte schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ein. „Zum allgemeinen Mißtrauensvorschuß, den die Erste Republik, der .Staat, den keiner wollte' aus politischen und wirtschaftlichen Gründen erfuhr, kam bei vielen Künstlern ein nicht unbegründeter Kulturpessimismus hinzu, der zum Verlassen des Landes führte.” Das große Ziel war nun Berlin. München und Wien zählten nicht mehr zu den Kunstmetropolen Europas. In Berlin, „wo das Neue und Interessante auch das Berühmte war” (Elias Canetti), war eine Dynamik des-Kulturlebens zu verspüren, die Egon Friedell schon 1907 in einem Artikel der Schaubühne als „Flegeljahre einer kommenden Kultur” feierte. An die Adresse Wiens stellte er in Form einer Frage die Forderung: „Haben wir heute schon eine Kultur, die unserer Zeit entspricht, eine Kultur, die nicht im Widerspruch steht mit Automobil, Torpedoboot, Bogenlampe, Untergrundbahn? Ja oder nein.? Jede andere Fragestellung wäre feig oder unehrlich.”

Nach dem ErSten Weltkrieg allerdings versiegte sein Optimismus und er sieht den Menschen erschüttert „vielleicht zum erstenmal in seiner Geschichte vor der Frage, ob die Kunst überhaupt einen Sinn hat.” Die Antwort des Künstlers auf die Geschehnisse der Zeit findet im österreichischen Nachkriegsexpressionismus einen kaum wahrnehmbaren Niederschlag und im Gegensatz zur Berliner Kunstszene ist das Thema „Stadt” bei uns kaum mehr als eine Randbemerkung, eine schwache Silhouette in der Welt-und Ideallandschaft österreichischer Prägung; da gab es Anknüpfungspunkte, da fand man einen großen Bogen.

Was hierzulande fortschrittlich war, das gab es im Hagenbund zu sehen, eine, wie Robert Musil bemerkte, ringsum „tüchtige Malerei”, der aber der mangelnde Kontakt zur europäischen

Moderne anzusehen war, die, wie Hans Tietze schreibt, „die Absperrung von allem frischen Luftzug schwerer denn je” drückte. Und geht man durch die Ausstellung im Oberen Belvedere, so kann man das lebhaft nachempfinden: Uberstrahlt von den wenigen Größen der österreichischen Kunst unseres Jahrhunderts, Kokoschka, Thöny und Wotruba sind hier an erster Stelle zu nennen, sieht man vor allem Anklänge an den Kubismus und die Malerei der Fauvisten. Nur eben etwas zurückhaltender in der Farbgebung und in den Formen weniger spitz, allerdings durchsetzt mit überraschenden Glanzpunkten; zum Beispiel Carry Hauser oder Max Oppenheimer, oder Jungnikkei, den man einmal wohltuend aggressiv erleben kann, oder Erika Giovanna Klien, die wie Herbert Bayer allein dadurch auffällt, daß sie sich dem Konstruktivismus verschrieben hat. Die künstlerische Kraft von Otto Rudolf Schatz hervorzuheben, hat man allerdings versäumt.

„österreichische Kunst der Zwischenkriegszeit - Hoffnung und Enttäuschung”, dieser Titel des einleitenden Essays von Hans Bisanz ist, so scheint mir, bestens gewählt und gesetzt. Die Hoffnung, so gibt er zu erkennen, lag im rationalen Ansatz, der von Otto Wagner, Adolf Loos und Josef Hoffmann vorbereitet wurde und der mit der Anwesenheit von Moholy-Nagy, Johannes Itten und Franz Cizek in Wien zu einem für die österreichische Kunst entscheidenden Weg hätte werden können. Es war nicht möglich. Was als Experiment in der Kunst der Jahrhundertwende vorhanden war, mußte wieder verkümmern. „Verständnislo-sigkeit”, so meint Hans Bisanz, ,, die aus dem Land trieb oder zumindest arg behinderte, ist schuld daran, daß in Wien kein ,Bauhaus' entstehen konnte, das Österreich den konstruktivistischen Bewegungen, wie sie auch in den Niederlanden, in Rußland oder Polen entstanden, keine gleichwertigen Leistungen zur Seite stellen konnte, obwohl dafür die besten Voraussetzungen bestanden hatten.” Und da hat sich auch bis heute nicht viel geändert: der Weg für die Konstruktivisten in Österreich ist nach wie vor steinig.

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