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Der Wille zum Sinn

1945 1960 1980 2000 2020

Eines seiner brillanten „Nachtstudio“-Gespräche (siehe Kasten rechts) führte ORF-Chefredakteur Franz Kreuzer mit dem Begründer der Logotherapie. Wir zitieren.

1945 1960 1980 2000 2020

Eines seiner brillanten „Nachtstudio“-Gespräche (siehe Kasten rechts) führte ORF-Chefredakteur Franz Kreuzer mit dem Begründer der Logotherapie. Wir zitieren.

KREUZER: Im Konzentrationslager haben Sie die Richtigkeit Ihrer Grundüberzeugung erlebt …

FRANKL: Ja, das kann man sagen. Daß jene die größten Uberlebenschancen gehabt haben, die eben in die Zukunft, und zwar auf eine konkrete Aufgabe in der Zukunft, ausgerichtet waren. Und das ist das, was man in der amerikanischen Psychologie als „survival value“ (Bedeutung für die Vergrößerung der Uberlebenschancen) bezeichnet.

Dieses motivationstheoretische Konzept habe ich nun im Rahmen der Logotherapie entwickelt, den „Willen zum Sinn“. Das heißt, ein Mensch, der auf einen Sinn ausgerichtet ist, diesem Sinn sich verpflichtet fühlt, diesem Sinn gegenüber Verantwortung empfindet, ein solcher Mensch hat unvergleichlich größere Uberlebenschancen in Extremsituationen als der durchschnittliche andere.

Natürlich ist das nicht eine hinreichende Bedingung des Überlebens, aber eine notwendige Be-

dingung. Soundso viele Leute, die sich verpflichtet gefühlt haben, auch im religiösen Sinn, ihrem Herrgott gegenüber, sind ja dann doch zugrunde gegangen. Aber unter gleichen anderen Umständen haben solche sinnorientierte Menschen eine unvergleichlich höhere Uberlebenschance.

Ich möchte sagen, das können Sie glattweg verallgemeinern für die ganze Menschheit. Wenn die Menschheit jemals überleben soll in diesen kritischen Jahrzehnten, dann wird sie das nur tun können, wenn sie früher oder später geeinigt ist durch einen gemeinsamen Sinn, das heißt vorstößt zu gemeinsamen Aufgaben. Ob das jetzt ökologische Aufgaben sind oder ob das Aufgaben sind, mit denen die UNO sie konfrontiert, das gehört auf ein anderes Blatt.

KREUZER: Wir sind hier bei der großen weltweiten Kollektivneurose. Wie ist diese entstanden? Nach Ihrer These vorerst in der Evolution durch den Verlust der Instinkte des aufsteigenden Menschen und später durch den Verlust der Tradition, eben beim Einbruch der Neuzeit, des Fortschritts, der Aufklärung. Also eigentlich ist der jetzige Zustand durch den Verlust einer früheren Geborgenheit entstanden. Bedeutet das, daß es besser wäre, zurückzuflüchten in diese ehemalige Geborgenheit oder diejenigen, die noch darinnen sind, darin zu belassen; Also ist in diesem Sinn Ihre Lehre vorerst einmal konservativ?

FRANKL: Ganz im Gegenteil. Es gibt kein Zurück. Die Traditionen zerbröseln, die Traditionen zerbrechen. Und damit die tradierten Werte. Die Leute, besonders die jungen, fragen sich: Wozu soll ich Werte verwirklichen? Wozu? Das heißt, die Sinnproblematik ist vorrangig. Sie fragen am Schluß immer: Alles schön und gut—aber wozu ? Ich seh” nicht ein, warum ich diese Werte, diese Ideale verwirklichen soll.

Die Sinnfrage ist eben vorrangig, und das heißt: In einem Zeitalter, in dem die tradierten Werte und Ideale nicht mehr verbindlich erscheinen, am allerwenigsten dem jungen Menschen, kommt es darauf an, den Sinn zu finden, der im Gegensatz steht zu den Werten - die Werte sind Sinnuniversalien, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte herauskristallisiert haben.

Im allgemeinen heißt es: Du sollst nicht stehlen. Aber es gibt Situationen, in denen das einzig Sinnvolle sein mag, zu stehlen. Ich denke an ganz konkrete Situationen in Konzentrationslagern, in denen das Organisieren, wie es im Krieg geheißen hat, das war, was nicht nur zum Überleben verholten hat, sondern auch, wenn auch in einem Mikromaßstab, das Regime geschädigt hat. Also es gibt Situationen, in denen die allgemeinen Werte schon längst nicht mehr gelten. Der konkrete Sinn aber, den gibt es immer.

Den Sinn muß man finden, und man kann ihn auch finden. Der Sinnfindungsprozeß ist eine Art Gestaltwahrnehmungsprozeß. Das läßt sich nachweisen, darüber gibt es experimentelle Arbeiten von meinen Schülern, hauptsächlich in Amerika, aber auch in Japan und auph in Polen.

Ich will damit sagen: Dieser Sinn, der läßt sich gar nicht tradieren. Den könnten Sie ja gar nicht aus den Händen der Tradition übernehmen. Dieses Einmalige, Einzigartige — wie soll die Tradition, woher sollen die Eltern wissen, was für Aufgaben, was für konkrete Situationen uns fordern und ansprechen? Und deshalb mein” ich, daß die Sinnfindung im wesentlichen unabhängig ist von der Tradition. Ein Zurück gibt es einfach nicht. Ich glaub”, Novalis hat gesagt, die Leiter, auf der die Menschheit emporgestiegen ist, ist umgefallen. Wir können nicht mehr zurückklettern, das gibt es nicht.

KREUZER: Das heißt aber doch, daß „Sinn“ nichts übermenschliches ist, sondern etwas zutiefst “Menschliches, zum Teil auch — und insofern gehört es in den großen Bereich der Psychoanalyse — etwas Unbewußtes, das entdeckt und herausgeholt werden soll.

FRANKL: Richtig, denn die Funktion der Sinnwahrnehmung ist ja im großen und ganzen unbewußt und muß nur dort bewußt gemacht werden, wo es hapert. Dort, wo der Mensch in eine Krise hineinschlittert, wo er, weil sein Wille zum Sinn frustriert ist, sagt: Das Leben hat keinen Sinn mehr. Wo er des Sinnes nicht gewahr wird, der auch auf ihn wartet.

Es läßt sich ja nachweisen, daß ein Sinn nicht nur in der Arbeit gefunden werden kann, durch eine Tat, die wir setzen, durch etwas, was wir in die Welt hineinsetzen, durch ein Werk, das wir schaffen, sondern auch im Erleben, dadurch, daß wir etwas aus der Welt in uns aufnehmen, aus der Natur, aus der Kultur, auch dadurch, daß wir nicht etwas, sondern jemanden erleben.

Jemanden in seiner ganzen Besonderheit erleben heißt, ihn gernhaben. Also in der Liebe, in der Arbeit erfüllen wir uns selbst und erfüllen wir den Sinn. Aber auch dort, wo wir die Situation nicht mehr ändern können: Bis zum letzten Augenblick besteht die Möglichkeit, uns selbst, und das heißt unsere eigene Einstellung zu ändern. Und, indem wir das tun, innerlich zu wachsen und über un”s hinauszuwachsen, innerlich zu reifen, sogar bis zum letzten Atemzug. Auf diese Weise ist es so, daß grundsätzlich bis zuletzt eine Sinnmö^lichkeit da ist.

Wenn man nun fragt: „Ja ist denn Leiden notwendig, um einen Sinn zu erfüllen?“, so antworte ich: Keineswegs: Leiden ist zur Sinnerfüllung nicht notwendig. Was ich vielmehr sagen will, ist, daß Sinn auch möglich ist trotz Leiden, ja gerade durch das Leiden.

KREUZER:Herr Professor, nur um das Spektrum der möglichen Antworten durchzugehen:Die erste und einfachste ist natürlich doch die der Religion. Einfach die wissenschaftliche Fragestellung beiseite zu legen und zu satjen, der Sinn ist wissenschaftlich vielleicht doch nicht beweisbar, er ist Religion. Sie haben es zwar selbst schon einmal anklingen lassen, ich frage aber in diesem Zusammenhang: Was unterscheidet die Logotherapie, die Logotheorie hier eigentlich von den Standpunkten der Religion, die ja natürlich dieselbe therapeutische Wirkung erzielen kann?

FRANKL: Die Religion hat eine psychotherapeutische Wirkung, aber keine psychotherapeutische Zielsetzung. Und umgekehrt, die Psychotherapie kann und darf gar keine religiöse Zielsetzung haben, sie hat aber unter Umständen eine religiöse Wandlung oder Vertiefung zur unbeabsichtigten Nebenwirkung.

Das heißt, wir sehen immer wieder, daß Menschen im Laufe einer Therapie zu religiösen Wurzeln oder Quellen in ihrem Unbewußten zurückfinden, obwohl die Therapie gar nichts mit Religion zu tun hatte und religiöse Fragen überhaupt nicht diskutiert wurden. Aber die Zielsetzungen sind grundverschieden. Die Religion will, sagen wir, Seelenheil, die Psychotherapie, auch die Logotherapie, will seelische Heilung.

Nun ist es aber so, daß bei der Neurosentherapie in bezug auf die Sinnfrage die Religion ins Spiel kommt — wenn wir von den 80 Prozent Phobien und Zwangsneurosen absehen und uns nur auf die 20 Prozent durch Sinnfrustration bedingten Neurosen beziehen, die ich noogene Neurosen nenne, nicht aus Konflikten zwischen Ich, Es und Uber-Ich oder Minderwertigkeitsgefühlen resultierende Neurosen, sondern aus einem Sinnlosigkeitsgefühl resultierende Neurosen — Verzweiflung, Depression. Wenn wir also von diesen 20 Prozent durch

Sinnlosigkeit bedingten Neurosen sprechen, dann kommt uns die religiöse Problematik irgendwie in die Quere.

Der religiöse Mensch kann im allgemeinen eher oder sagen wir leichter zu einem Sinn finden als der areligiöse; grundsätzlich habe ich vorhin bemerkt, was auch empirisch bewiesen ist, daß es jeder kann. Küng sagt allerdings in einem seiner Bücher, daß die Kirche unter Umständen sogar eher zu Sinnkrisen beitragen als sie kurieren kann.

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