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Der Wohlstandsstaat der harten Faust

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Saudi-Arabien — eines jener arabischen Länder, über die man im Westen am wenigsten weiß. Zugleich eines der — für den Westen — wichtigsten. Nicht nur auf Grund seines neuen Reichtums, der in Form gigantischer Auslandsguthaben an die Grundlagen des Weltwährungssystems rührt. Sondern auch durch seine Stellung als Vormacht des konservativen Islam. Und der arabischen Erdölpolitik.

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Saudi-Arabien — eines jener arabischen Länder, über die man im Westen am wenigsten weiß. Zugleich eines der — für den Westen — wichtigsten. Nicht nur auf Grund seines neuen Reichtums, der in Form gigantischer Auslandsguthaben an die Grundlagen des Weltwährungssystems rührt. Sondern auch durch seine Stellung als Vormacht des konservativen Islam. Und der arabischen Erdölpolitik.

Saudi-Arabien ist ein Land der ungeheuren Kontraste. Aber nicht der Kontraste zwischen arm und reich, sondern der Kontraste von gestern und heute, von Modernität und äußerster Beharrung. Bin Land, in dem es keine Armut mehr gibt. Ein Land, das noch vor 20 Jahren eine Säuglingssterblichkeit von siebzig Prozent hatte und wo das glühende Eisen die einzige bekannte Therapie für schwerheilende Wunden darstellte — und das heute modernste Spitäler besitzt und selbst dem Kleinsten und Unbedeutendsten seiner Staatsbürger, wenn es medizinisch sinnvoll erscheint, einen Kuraufenthalt im Libanon finanziert. Ein Land, das dabei ist, mit einem Aufwand van 4,5 Milliarden Schilling in Jedda einen der luxuriösesten Flughäfen der Welt zu errichten — zugleich aber ein Land, in dem es zwischen den beiden wichtigsten Städten keine Telephon Verbindung gibt. Ein Land, das Kinder einfacher Leute bei entsprechender Begabung in Harvard oder Princeton studieren läßt, in dem aber rückfälligen Dieben die Hand, Kommunisten der Kopf abgeschlagen wird.

Seit dem Öl-Eklat des Herbstes

1973 interessiert sich die Welt für Saudi-Arabien. Doch Informationen über Saudi-Arabien sind spärlich. Die Oberschicht Saudi-Arabiens ist über den Westen ausgezeichnet informiert, aber Saudi-Arabien ist nicht daran interessiert, die Welt über sich selbst ins Bild zu setzen. Visa sind schwer, für Berufsneugierige so gut wie überhaupt nicht zu bekommen. Immerhin liegen neuerdings zwei Bücher vor, die über Saudi-Arabien informieren wollen. Eines ausschließlich, das andere auch über Saudi-Arabien. Gerhard Kon- zelmann, der den ermordeten deutschen Nahost-Fernsehkorresponden- ten Walter Mechtel ersetzte, schrieb ein Buch „Die Araber und ihr Traum vom Großarabischen Reich” (Verlag Desch, 416 Seiten). Er ist ein vorsichtiger Mann, der es vermeidet, Leute, vor denen man Angst haben muß, zu reizen. Er trug aber immerhin eine Fülle interessanter Details zusammen — über Saudi-Arabien, das allerdings nicht im Mittelpunkt steht, vor allem den historischen Hintergrund, der für das Verständnis der saudischen Gegenwart wichtig ist. Ruth Seering („König Fei- sal-Koran und öl”, Verlag Lübbe, 240 Seiten) kennt Saudi-Arabien seit langem persönlich und schildert das Land aus eigener Anschauung. Jede Einzelinformatdon, die sie bietet, ist interessant — leider schrieb sie nur eine, nämlich die positive Hälfte. Wenn irgendwo, ist hier das Wort Hofberichterstattung am Platz. Aber angesichts des Unterangebotes an Information über Saudi-Arabien: eine Quelle ist eine Quelle.

Welche Mißverständnisse Nichtwissen verursachen kann, zeigt das Beispiel der saudiarabischen Flagge, die nach dem Gemetzel in der Olympiastadt München als einzige nicht auf Halbmast sank, was einiges böses Blut gemacht hat. Wer weiß schon im Westen, daÖ die saudische Fahne unter keinen Umständen, auch nicht beim Tod des Königs, auf Halbmast gesetzt wird, weil der Koranspruch („Es gibt nur einen Gott, und keinen Gott außer Allah.,.”) auf grünem Grund ein Gotteswort darstellt, das vor keinem Menschen gesenkt werden darf.

Saudi-Arabien ist eine perfekte Theokratie und das enge Bündnis zwischen König Feisal und der konservativen Geistlichkeit, ohne deren Mithilfe er seinen korrupten und t nicht länger tragbaren Bruder und Vorgänger Ibn Saud nicht hätte stürzen können, verhindert jede Liberalisierung — sollte Feisal selbst derartiges im Sinne haben, was ohnehin mehr als zweifelhaft ist.

Worüber man im Westen fast nichts weiß und auch aus den beiden Werken nichts erfährt, das sind, unter anderem, die Sozialverhältnisse Saudi-Arabiens. So die Tatsache, daß in diesem Land die Zahl der Gastarbeiter immer näher an die der eigenen Staatsbürger heranrückt. Die glaubwürdigsten Berichte sprechen von 4,5 Millionen Saudi- arabem und 3,5 Millionen in Saudi- Arabien lebenden Ausländem, die allerdings keine Chance auf die saudische Staatsbürgerschaft haben. Dabei wird eine streng hierarchische Rangordnung eingehalten, die Führungspositionen (zum Beispiel Hotel- Empfangschefs, Lehrer, Vorarbeiter) Ägyptern und Libanesen vorbehält, die Palästinenser auf dem Bildungssektor einsetzt (Lehrer), „niedrigere” Arbeiten vor allem Sudanesen und Äthiopiern und die niedrigsten, zum Beispiel die Straßenreinigung, den Ärmsten unter den Gast- oder hier besser Fremdarbeitern, den Jemeniten, zuweist.

Auch enthält keine der zugänglichen Informationsquellen — aus begreiflichen Gründen — Näheres über das außerordentlich straff organisierte innere Sicherheitssystem Saudi-Arabiens, das von einem Generaldirektor für die Sicherheit deutscher Abkunft geleitet wird — einem ehemaligen deutschen SS- Mann, der, als Ordonnanzoffizier des von Hitler hofierten und beherbergten (und kürzlich verstorbenen) Großmufti von Jerusalem, Husseini, auf direkten Befehl Himmlers zum Islam übertrat und 1946 mitsamt dem übrigen Hussein-Anhang in den Nahen Osten „ausgeschleust” wurde.

Einer der Gegensätze, die Saudi- Arabien kennzeichnen, ist der zwischen dem offiziellen düsteren Zelo- tentum und der Aufgeklärtheit und persönlichen Liberalität eines großen Teiles der Oberschicht. Wenn Ruth Seering etwa Gespräche mit Arabe- rinnen wiedergibt, die den in Saudi- AraJhien gesetzlich vorgeschriebenen Schleier lobpreisen und es angeblich nicht erwarten können, sich nach Auslandsreisen wieder traditionell einzukleiden, so widerspricht das doch einigermäßen der Beobachtung, daß sich etwa von Jedda nach Beirut abfliegende, tiefverhüllte Damen sofort nach dem Start der Maschine ihrer Schleier und Schadors entledigen, worauf nicht nur ebenso anziehende wie wohlgeschminkte Gesichter, sondern auch die offenbar hochgeschätzten Miniröcbe zum Vorschein kommen (die Rückverwandlung findet knapp vor dem „fasten seat belts, wir werden in wenigen Minuten in Jedda landen,,.” statt).

Saudi-Arabiens größtes (und abgesehen von der Angst vor Kommunismus und fremder Aggression vielleicht einziges) Problem ist die Spannung zwischen den vom Wohlstandsmotor machtvoll vorangetriebenen Modemisierungstendenzen und einer streng islam-konservativen Innen- und Sozialpolitik.

Saudi-Arabien ist heute ein streng patriarchalischer, nach außen abgeschlossener, theokratischer Wohl- fahrsstaat — jedes dieser Elemente zum Extrem getrieben. Saudi-Ara- bien leidet unter einem Mangel an Infrastrukturen — das Geld für Straßenbauten, Telephonverbindungen und so weiter stünde in Hülle und Fülle zur Verfügung, aber der Ausbau der Infrastrukturen wird gebremst, weil die Führung des Landes befürchtet, er könnte die Aufweichung der erstarrten feudalen Sozialstruktur beschleunigen. Wobei nicht übersehen werden darf, daß in diesem Land die Not als Motor der Emanzipation, aber auch die Not als alle Aktivitä ten der breiten Massen lähmendes Element fehlt. Materiell geht es jedem einzelnen saudiarabischen Staatsbürger ausgezeichnet. Möglicherweise aber heißt der Konsumartikel, der ihm am meisten fehlt, Freiheit. Vielleicht um so mehr, als alle anderen grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind.

Saudi-Arabien: Das äst auch das Land, wo die älteren Jahrgänge der Oberschicht fließend mehrere Fremdsprachen sprechen, in Heidelberg studiert haben und über Hegels Einfluß auf Marx debattieren — während, schlag nach bei Konzel- mann, der König eine Massenenthauptung rebellischer Offiziere mit dem Satz kommentiert: „Einige unserer Brüder haben geirrt Wir haben sie auf den rechten Weg gebracht.” Saudi-Arabien: Das ist auch das Land, wo einen Passanten (auch einen Europäer), der während des Gebetsrufes des Muezzin Irrtümlich auf der Straße raucht, leicht der Peitschenschlag eines Polizisten ins Gesicht treffen kann, und wo ein Fremder, in dessen Gepäck eine Flasche Alkohol gefunden wird, sofort in die nächste Maschine zurück zu seinem Ausgangsort gesetzt wird, während königliche Prinzen stolz ihre ,3ibliothek” zeigen, in der statt der Bücher Hunderte von Flaschen stehen. Das Land, dessen König als heimlicher Herr der internationalen Finanzzen’tren die Titelseiten der internationalen Magazine ziert — während kein Mann außer König und Eunuchen das Gesicht der Königin Iffat (die übrigens auf sozialem Gebiet außerordentlich aktiv ist) kennt. Sie ist die prominenteste Unbekannte der Welt.

Geschichte und Klima prägen Saudi-Arabien noch immer zutiefst. Der Kern Saudi-Arabiens, das Hed- schas-Köniigreich, ist ein Wüstenland mit Sommertemperaturen um die 70 Grad Celsius, eines der lebensfeindlichsten Gebiete der Erde.

Der Wahlhabismus, der vor 200 Jahren im heutigen Saudi-Arabien (wo bekanntlich die heiligste Stätte des Islam, Mekka, liegt) entstand, war nicht nur als „islamischer Calvinismus” eine religiöse Bmeue- rungsbewegung. Er war auch eine ideologische Antwort auf die Lebens bedingungen der Wüste, eine Ideologie der Härte und Armut für jene, die in äußerster Härte und Armut au leben gezwungen waren. Noch heute gibt es in Saudi-Arabien nur drei bezeichnete Gräber — die des Propheten und der ersten Kalifen. Im wahhabitischen Saudi-Arabien werden auch Könige ohne Namen und Grabmal begraben, denn, so verordnet« es Wahhabi dem wandernden Wüstenvolk, das kaum eine Chance hatte, zu den Gräbern seiner Toten zurückzukehren: der Mensch soll keine Spur zurücklassen, der Wind sein Grab verwehen. Das Volk, dessen Spuren einst der Wind hinter seinen Füßen verwehte, kam zur Ruhe. Die Seßhaftmachung der Beduinen, die Verwandlung eines Hirten- in ein Bauemvolk, durchgeführt vom Vater König Feisals, war eine gezielte Änderung der saudiarabischen Sozialstruktur, duirchgeführt mit Hilfe religiöser Argumente, und vorwiegend militärisch motiviert, da sich Bauemsoldaten tapferer einsetzten als Nomadenkämpfer.

Der Schöpfer des saudiarabischen Staates in seiner heutigen Größe und Struktur erzog seine Söhne noch nach dem Gesetz der Wüste zu äußerster Härte sich selbst gegenüber. Die Söhne des Mannes, der 1901 mit 40 bewaffneten Kamelrei- tem auszog, um den illegitimen König in Er Riad Ibn Raschid zu stürzen, und den Saudistaat in seiner versunkenen Größe zu erneuern, ließ seine Söhne zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufstehen und ohne Sattel reiten, ließ sie bei größter Hitze über den heißen Sand und die glühenden Felsen laufen und erzog sie zu strenger Religiosität. Das oberste Eraiehungsgebot lautet: Ein echter Beduine kommt mit einer Handvoll Datteln, einem Schluck Wasser und drei Stunden Schlaf aus.

Der älteste Sohn und Nachfolger, Ibn Saud, wurde — trotzdem oder deshalb — ein genußsüchtiger Verschwender, der auf semen Reisen in den Westen alle Vorurteüe über orientalische Potentaten bestärkte. Als er die Herrschaft antrat, war Saudi-Arabien innerhalb weniger Jahre aus einem kargen und armen

Wüstenstaat, dessen Herrscher glücklich war, die Schürfrechte um heute wenig mehr als zwei Millionen Schilling verkaufen zu können und dem Wasser sehr viel wichtiger war als öl, zu einem Land des außerordentlichen Reichtums geworden. Die Verschwendungssucht Ibn Sauds (des Sohnes) erzürnte die Emire in einem Ausmaß, das den Staat zu sprengen drohte. Der Bruder, der den Verschwender absetzte und ins Exil schickte, wo er einige Jahre später starb, ließ die Paläste von Nasrija, dieses „Versailles in der Wüste”, schleifen.

Heute ist Saudi-Arabien ein reicher Wohlstands- und Wohlfahrtsstaat, und ein großer Teil der saudiarabischen Staatsbürger hat den Härten des Wüstenlebens und der manuellen Arbeit den Rücken gekehrt und gehobene Positionen ein genommen. Eine Million der viereinhalb Millionen Saudiaraber ist allein in der Verwaltung des Staates tätig. Sie genießen eine sorgfältige, aber streng an den Koran gebundene Schulbildung. Sie können im Ausland studieren und in der Heimat hohe Stellungen erreichen, wie etwa der Richtersohn Jamani — wenn sie zumindest nach außen hin keinen Schritt von den Geboten des Koran abweichen. Sie haben moderne Autos, aber Frauen (auch Ausländerinnen) dürfen nicht ans Steuer. Sie haben moderne Züge, aber noch vor zwanzig Jahren wurde ein Lokführer, dem ein Beduine in die mit voller Fahrt dahinrasende Maschine gelaufen war, gemäß dem Koran, für den Schuld keine Frage im Sinne unserer Gesetze ist, hingerichtet.

Nach wie vor ist Saudi-Arabien ein reiner Männerstaat. Es gibt kein Kino und kein Cafė, das von Männern und Frauen gemeinsam besucht werden darf. Auch Parks dürfen Männer und Frauen, selbst wenn diese verschleiert sind, niemals gemeinsam besuchen. Saudi-Arabien ist ein bigotter Staat mit wenig Musik und nur geringen oder keinen öffentlichen Vergnügungsmöglichkeiten. Es gibt nirgends weibliches Bedienungspersonal, auch die Stubenmädchen in den Hotels sind Männer. Selbst in Geschäften oder auf Märkten sieht man selten, und nie allein, eine Frau.

Trotzdem hat die Emanzipation der Frau, sehr zaghaft, begonnen — auf dem Gebiet der Erziehung. In einem Kraftakt der Diplomatie ernannte König Feisal den Großmufti zum Minister für Frauenerziehung. Die religiöse Aufsicht über die Frauenerziehung entzog diese den Angriffen der religiösen Kräfte. Heute bekleiden zahlreiche Frauen hohe Stellungen in der Verwaltung, auch wenn sie optisch kaum dn Erscheinung treten. 1963 gab es 37 öffentliche Mädchenschulen mit

12.000 Schülerinnen, heute sind es

150.000 Mädchen in 400 Grund- und Oberschulen und 8000 Studentinnen, unter ihnen 5000 an den pädagogischen Fakultäten: Lehrerinnen einer kommenden Generation von Frauen, die zwar nach wie vor ab dem siebenten Lebensjahr hinter Schleiern und langen Gewändern verschwinden, aber zunehmende Bildungschancen haben. Vor 20 Jahren wurden bei den ersten Volkszählungen die Frauen überhaupt nicht mitgezählt, und 92 Prozent konnten weder lesen noch schreiben.

Niemand weiß besser als König Feisal, welcher Druck in Richtung auf verstärkte Liberalisierung selbst von den zaghaftesten Reformen ausgeht. Aber solange Feisal lebt, wird dieser Druck kein Ventil finden. Strafbestimmungen von äußerster Härte und Grausamkeit halten die Ventile geschlossen. Welcher der Söhne die Nachfolge antreten wird, weiß nur Feisal selbst. Der Prinz Khalid, auf den viele Saudiaraber ihre Liberalisierungshoffnungen setzen, ist nur einer der Anwärter.

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