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Der Zirkus meiner Träume

In meines Vaters Familie hatte sich eine sehr unangenehme Geschichte zugetragen, die man totzuschweigen versuchte, die mir jedoch trotzdem zu Ohren kam und mich lange und intensiv beschäftigte.

Eine meiner Tanten, Tochter eines angesehenen Mannes, Baumeister im ferneruWien, ein Mädchen, das in den teuersten Instituten erzogen, mit Erfolg im Klavierspiel und im Zeichnen unterrichtet worden war, ja, das sogar— und dies mit größter Begeisterung — Reitunterricht genommen hatte, ein Mädchen also, geschaffen, eine glänzende Partie zu machen und somit noch mehr zum Ansehen der Familie beizutragen, war eines Tages von einem Zirkusbesuch nicht mehr wiedergekehrt. Alles Suchen, alles verzweifelte

Forschen blieb erfolglos. Renate— so hieß meine Tante — blieb spurlos verschwunden. Bis eines Tages ein Brief kam, von irgendwoher aus Italien, ein Brief, mit flüchtiger Hand auf billiges Papier gekritzelt, knapp gehalten und bar jener Wendungen, die man in an Vater und Mutter gerichteten Schriftstücken zu lesen gewohnt war, in dem das Mädchen Renate, in dessen Zukunft man so große Hoffnungen gesetzt hatte, schlicht und sachlich mitteilte, es habe sich entschlossen, Zirkusreiterin zu werden.

Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck diese Geschichte auf ein Kind ausübte, das sich, in den unsympathischen Zwang einer Volksschule gepreßt, von Klavier- und Sprachstunden gepeinigt, von Erwachsenen überwacht und dauernd in frisch gewaschene Kleider gesteckt, nach Freiheit sehnte. Der bloße Besitz einer solchen Tante, wenn es auch eine entfernte Verwandtschaft war, erfüllte mich mit Stolz. Und ein dünner Streifen rosiger Hoffnung zeichnete sich am Horizont meines von Verboten und Vorschriften eingegitterten Himmels ab, der Hoffnung, es könnte mir, wenn ich älter geworden war, ähnliches gelingen.

Da kam eines Tages, knapp vor Schulschluß, ein Zirkus in unsere Stadt. Am Heimweg von der Schule sah ich die Plakate und war sofort fest entschlossen, hinzugehen. Ich ging auch hin. Mein Sparschwein barg Kronen- und Hellerstücke für zwei Eintrittskarten, also nahm ich meine Freundin Susanne mit, die mir gleichzeitig als Alibi diente. Daheim sagte ich nichts.

Es war ein kleiner Zirkus, aber das fiel uns nicht auf. Wir sahen die ärmlichen Wagen nicht, wir merkten nichts von den Knickstellen im Zelt. Wir atmeten den Geruch der Tiere, jenen unverwechselbaren Zirkusgeruch, den Pferde und Affen, Bären und Sägespäne ausströmen, wir gingen am Erfrischungsstand vorbei zur Kasse, hinter der eine umfangreiche rotlockige Schönheit saß, legten unser Geld hin und nahmen die Karten in Empfang, rosa Karten, das weiß ich noch, weil die Farbe so gut zu meiner Stimmung paßte, aus dünnem Papier, das angenehm zwischen den Fingern raschelte, wir huschten ins Zelt, nahmen unsere Plätze ein und harrten der Wunder, die sich ereignen würden, atemlos, berauscht vom Glück der Erwartung.

Es war, wie erwähnt, ein kleiner Zirkus. Wenn ich mich heute daran erinnere, weiß ich, wie klein er war. An Stelle von Tiger- und Panthernummern gab es dressierte Tauben, die kleine Räder drehten und Reifen bewegten, Hunde statt Löwen, einen Jongleur, der drei Teller durch die Luft wirbelte und davon einen zerbrach, zwei tollpatschige Clowns, die mit einem Gespenst zu kämpfen hatten. Es gab drei gutmütige alte Bären, die auf Rädern über die Sägespäne fuhren und mit Zucker dafür belohnt wurden, und einen grauhaarigen Seiltänzer in Flitterhosen, der sich sichtlich Mühe gab, von einem Ende des Seils zum anderen zu gelangen. Aber es war wunderbar. Wir hielten uns an den Händen und staunten mit offenem Mund, wir vergaßen die Welt und die Schule und die Zeit und das Elternhaus, wir waren so angefüllt mit Glück, daß wir meinten, platzen z i müssen.

Ich kann heute beim besten Willen nicht mehr sagen, ob das Pferd tatsächlich so schlank, so feurig, so grazil gewesen ist, wie ich es an jenem Nachmittag gesehen habe, ob seine Fesseln so schmal waren, sein Fell so glänzend war. Es ist eher nicht anzunehmen. Auch die Reiterin, die auf seinem Rücken die, wie mir schien, waghalsigsten Kunststük- ke vollführte, war möglicherweise nicht ganz so strahlend schön, so königlich, so anbetungswürdig. Auch wird vielleicht das Kleid, das sie trug, nicht ausschließlich mit echten Perlen und Edelsteinen besetzt gewesen sein, und unter den Diamanten des Diadems, das sie im aufgelösten, herrlich blonden Haar, trug, waren vielleicht auch einige nicht ganz lupenreine.

Aber damals und noch längere

Zeit nachher hätte ich mir nichts Herrlicheres vorstellen können. Und wie sie so dahinritt, immer im Kreis, die Manege war klein, wie sie auf dem Rücken des Pferdes stand, aufrecht, den Blick der strahlend blauen Augen nach vorne gerichtet, schien sie mir eine wahre Königin, und ihr Beruf der einzig erstrebenswerte und ihr Leben das einzig lebenswerte, und ich dachte an meine Tante Renate, die sicher ebenso herrlich, ebenso vollkommen war, und der Wunsch, es ihr gleichzutun, wurde sehr stark in mir.

Ich habe kaum geschlafen in jener Nacht. Ich bin auch am nächsten Tag nicht in die Schule gegangen. Irgendwo auf den Feldern trieb ich mich herum, die Schultasche hatte ich im Gebüsch neben einer Scheune versteckt, mein Pausenbrot aß ich am Rande eines Hohlweges sitzend, dann pflückte ich Pfirsiche von fremden Bäumen.

Gegen Mittag trottete ich heimwärts, immer noch aufgeregt, immer noch von Erinnerungen gefangen, aß ohne jeden Appetit mein Mittagessen, wartete den günstigsten Moment ab und entkam schließlich in Richtung Zirkus.

Meine Enttäuschung war groß, als ich an Stelle des Zeltes und der Wagen nur noch eine leere Wiese vorfand, auf der sich große Scharen schnatternder Gänse herumtrieben, das Gras war zertrampelt, ja, man sah noch die Spuren der Räder im weichen Boden, aber sonst nichts, auch die Plakate waren weg, abgerissen, einzelne Fetzen wehten noch von den Bäumen.

Der säbelbeinige Willi, der sich in der Nähe des Schwimmbades herumtrieb, wußte mehr. Der Zirkus, teilte er mir mit, sei heute früh nach dem tschechischen Dorf Starvički weiter gefahren.

So schwer mir im späteren Leben oft Entscheidungen von weittragender Bedeutung gefallen sind, damals habe ich nicht lange überlegt. Ich bin nach Hause gerannt, unbemerkt auf mein Zimmer geschlüpft, habe die Umhängetasche, die normalerweise zur Aufnahme meines Turnzeugs diente, aus dem Schrank genommen, verschiedene Dinge hineingetan, die mir wichtig schienen. Dann habe ich mit zitternden Fingern einen Zettel vom Block gerissen und meinen Eltern geschrieben, daß ich entschlossen sei, zum Zirkus zu gehen, wie meine Tante Renate, habe den Zettel meiner Mutter unter den Kopfpolster gelegt und mein Rad genommen und bin in Richtung Starvički davongefahren, so schnell ich nur konnte, es war ja nicht weit, aber damals schienen mir Welten zwischen dem Wohnhaus meiner Eltern und Starvički zu liegen.

Ich drehte mich nicht um, ich fuhr und fuhr, meine dünnen festgeflochtenen Zöpfe wehten hinter mir her, mein Gesicht brannte, mein Herz schlug mir gegen die Rippen vor Anstrengung und vor Seligkeit, ich kannte nur ein Ziel, und das lag vor mir, von weitem sah ich die Dächer der niedrigen Häuschen schon, die waschblau und rosa gestrichenen Fassaden, der Himmel war ein einziges, riesiges, weit gewölbtes Zirkuszelt, mein Rad war zum schlanken rassigen Pferd geworden, ich selbst trug Perlen und Diamanten im Haar und ein knapp anliegendes, mit Edelsteinen besticktes Kleid aus rosafarbener Seide. So ritt ich dahin auf meinem Pferd, das ein Fahrrad war, die Straße war gesäumt von grellbunten Plakaten, die alle nur mich hoch zu Roß zeigten, an jedem Kirschbaum klebte eines, und die Zukunft erwartete mich ebenso bunt und leuchtend, voll Ruhm und Glanz und voll Applaus.

Der Zirkusdirektor, ein älterer Herr mit Glatze, der zur Fettleibigkeit neigte, war etwas verwirrt, als ich vor ihn hintrat, mein Rad auf den Rasen warf und ihm meine Entschlüsse mitteilte. Er suchte nach Worten, brummte etwas, schüttelte nur den Kopf. Dann kamen die anderen herbei, der Jonglepr, der den Teller zerbrochen hatte, der Seiltänzer, ein dürres Männchen im blauen geflickten Overall anstelle der flitterbesetzten, silbern glänzenden Hose, und endlich, o grenzenlose Ernüchterung, ein spindeldürres, bleichwangiges, in eine blaue Schürze gewickeltes weibliches Wesen, das wasserstoffblonde, wirre Haar mit einigen Nadeln hochgesteckt, in Holzpantoffeln, meine Königin, meine Traumfee, meine Reiterin, mein Vorbild, dem nachzueifern ich entschlossen gewesen war, sollte es alles kosten, was ich besaß.

Der Seiltänzer war es, der ein Wort für mich einlegte. Ich dürfe, so hieß es schließlich, bei Beginn der Abendvorstellung am Zelteingang stehen und, da ich leidlich tschechisch sprach, den Leuten Plätze anweisen. Und das tat ich dann auch.

Leicht gekürzte Novelle „Der Zirkus“ aus dem Band „Der Solitär“ (Erzählungen), der demnächst im Verlag Styria, Graz, erscheinen wird.

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