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Deutsche Frage mal drei: Im Fluß treiben viele Leichen

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Gibt es Interessen, die Österreichs „deutschen Charakter“ wiederbeleben wollen? Ein bundesdeutsches Forschungsprojekt zielt einmal mehr in diese Richtung.

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Gibt es Interessen, die Österreichs „deutschen Charakter“ wiederbeleben wollen? Ein bundesdeutsches Forschungsprojekt zielt einmal mehr in diese Richtung.

Drei Staaten — zwei Nationen — ein Volk? So einfach läßt sich scheinbar ein Raster über Mitteleuropa ziehen, mit dessen Hilfe Geschichte und Gegenwart dieses Raumes wissenschaftlich dargestellt werden können.

Zumindest ist dies die Hypothese von Karl-Dietrich Erdmann, der in Kiel ein Projekt über die deutsche Geschichte seit der Teilung 1945 leitet und mit dem sehr pragmatisch gedachten Ansatz, daß 1945 ein Sprachgebiet in die Teile Republik Österreich, Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik zerschlagen wurde, vergleichende zeithistorische Untersuchungen anstellt.

Was kann daran falsch sein? Die Geschichtswissenschaft bemüht sich bereits seit längerer Zeit, methodisch in Form von komparatistischen Studien vergleichbarer Einheiten vorzugehen.

Und trotzdem: Würde ein Friedrich Heer noch leben, so würde er mit der gesamten Macht seiner Sprache gegen diesen Versuch auftreten.

Dies nicht, um nochmals um die österreichische Identität zu kämpfen, dieimFühlenundDen-ken einer überwiegenden Mehrheit dieses Landes bereits verankert ist, sondern um zu verhindern, daß über den Umweg einer zur Vereinnahmung ganz sicher nicht geschaffenen deutschen Kultur Gemeinsamkeiten rekonstruiert werden, die zwischen 1938 und 1945 mehr als ein Symptom der europäischen Katastrophe waren.

Es gibt Friedrich Heer nicht mehr, aber es gibt österreichische Historiker, die für die österreichische Identität wissenschaftlich eintreten. Dies war nicht immer der Fall.

Zwischen den beiden Weltkriegen herrschte an Österreichs Hochschulen die großdeutsche Geschichtsbetrachtung. In Erwartung des Anschlusses wurde die Geschichte Österreichs zu einem Teil der deutschen Geschichte und sonst gar nichts. Anlässe waren rasch bei der Hand.

Prinz Eugen galt 1936 als strahlender deutscher Held. Dementsprechend wurde sein Jubiläum begangen. Das Bild, das die Geschichte von Prinz Eugen zeichnete, war durch die Jahrhunderte weitgehend politisch motiviert. Welchen Prinzen Eugen dürfen wir 1986 erwarten? Einen savojar-dischen, einen französischen, einen deutschen oder gar einen österreichischen?

Heute bewegt die deutsche Frage in Österreich niemanden mehr; oder — um es genauer zu formulieren - in der Politik niemanden mehr, denn in der Geschichtsforschung scheint die Auseinandersetzung um den „deutschen“ Anteil an der österreichischen Geschichte umso intensiver zu werden, je selbstverständlicher die geistige und kulturelle Selbständigkeit Österreichs wird.

Gibt es da Interessen, die Österreichs „deutschen Charakter“ wachhalten wollen? Oder ist die deutsche Frage wirklich ein verdrängtes Kapitel unserer Identität?

Mit Geschichte läßt sich bekanntlich trefflich streiten. Dies hängt vermutlich mit ihrer nur im deutschen Sprachraum soviel beschworenen „Wissenschaftlichkeit“ zusammen.

Wissenschaft ist unversöhnlich und schließt keine Kompromisse. Das ist eines ihrer Wesensmerkmale und unterscheidet sie von der Politik, die sich gerade durch ihre Kompromisse, die Kompromißbereitschaft, auszeichnet.

Die deutsche Frage läßt sich auch nicht dadurch wachhalten, daß man erklärt, sie werde verleugnet und tabuisiert: vor allem dann nicht, wenn kontroversielle Diskussionen im Gang sind.

Vor einiger Zeit fand an der Universität Wien ein Vortrag des Wiener Ordinarius für Neuere Geschichte, Gerald Stourzh, zum Thema „Von der Reichsgeschichte zur Republikgeschichte. Zum Kontinuitätsproblem in der Neueren österreichischen Geschichte“ statt. Österreichs Historiker waren in großer Zahl erschienen und bekundeten damit, daß sie bereit sind, über heikle Fragen ihres Faches offen zu diskutieren.

Mit der jedem Erkenntnisinteresse eigenen Leidenschaft sprach ■ damals Stourzh über Wandlungen des Österreichbewußtseins, kritisierte in wissenschaftlichen Werken vorgenommene Rückprojektionen der Grenzen der Republik Österreich bis in das 16. Jahrhundert und beleuchtete die altösterreichische Reichsgeschichte in ihrer deutlichen Abgrenzung gegenüber anderen deutschsprachigen Gebieten.

Die in Handbüchern nachzulesende Bemerkung, daß der Begriff Österreich zwischen 1867 und 1915 offiziell nicht existierte, wurde dabei ebenso widerlegt wie die noch 1982 in einem wissenschaftlichen Aufsatz aufzufindende Behauptung, daß nur die Deutschen des Habsburgerreiches sich als Österreicher sahen und Handbücher zur österreichischen Reichsgeschichte verfaßten.

Tief in die österreichische Seele leuchteten die Ausführungen über einen „Herrn Karl“ — und zwar über Karl Renner. Dessen Wandlungsfähigkeit von dem der Monarchie loyal ergebenen Parlamentsbeamten über den für den Anschluß werbenden und selbst unter national-sozialistischer Herrschaft vor der pathetischen Formulierung, „der schönste Tag seines Lebens sei gekommen“, nicht zurückschreckenden deutsehen Träumer bis zum österreichische Gesinnung glaubhaft vertretenden Gründervater der Zweiten Republik, entlarvt die sogenannte deutsche Frage in Österreich als historisches Phänomen, das von der jeweiligen Gegenwart abhängig ist.

Fundamentale Kritik übte Stourzh an Geschichtsbildern, die eine österreichische Fixierung auf „deutsche“ Interessen konstruieren und damit Gemeinsamkeiten mit nicht-deutschsprachigen Bewohnern der Mitte Europas an den Rand drängen.

Wenn es den Vertretern eines gemeinsamen deutschen Volkes wirklich nicht um Politik geht, so müssen in ihre Untersuchungen auch sämtliche deutschsprachigen Gebiete außerhalb der sogenannten drei „deutschen Staaten“ einbezogen werden. Ein Hinweis auf die Schweiz oder auf Luxemburg oder gar auf Südtirol kann nicht als Polemik empfunden werden.

Unter dem Beifall einiger österreichischer Historiker hatte Erdmann bereits im letzten Band des Gebhardtschen Handbuches der deutschen Geschichte die These vertreten, die Geschichte Österreichs nach 1945 sei Bestandteil der deutschen Geschichte.

Gemeinsames Schicksal bis zur Zerschlagung des „deutschen

Mitteleuropa“ im Frühjahr 1945 und die gemeinsame Sprache werden ins historische Treffen geführt. Tatsächlich wurde bereits 1918 ein „Mitteleuropa“ zerschlagen, allerdings kein deutsches.

Schon bei George Bernard Shaw findet sich der Hinweis, daß nichts zwei Staaten so sehr trennt, als die gemeinsame Sprache. Aber Sprache ist verlockend, denn sie scheint mehr Uberzeugungskraft zu besitzen als jede Schicksalsgemeinschaft.

Der Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts ist ausreichend erforscht und auch politisch verworfen. Warum sollten wir ihn durch die Hintertür eines gemeinsamen deutschen Kulturraumes wieder hereinlassen?

Erdmann, an diesem Abend an der Universität Wien persönlich anwesend, gab zu bedenken, daß er hinter seine „Überlegungen zu einer deutschen Geschichte seit der Teilung“ mit der zum Vortragstitel verkürzten These „Drei Staaten—zwei Nationen— ein Volk“ ein Fragezeichen gesetzt hat. Es sei also nur ein Forschungsansatz, nicht das Ergebnis von Forschungen.

Die Diskussion im Hörsaal war kurz, aber heftig. Forschung trat in den Stellungnahmen devotest zurück hinter Weltanschauungen. Für einige Augenblicke entstand das in der Zweiten Republik so unbekannte Faszinosum einer wetterleuchtend bis zum Horizont der Gegenwart reichenden Geschichtsforschung.

Leidenschaftlich wurden Rücksichtnahme auf Minderheiten und die Bedeutung der schwarz-rotgoldenen Fahnen reklamiert. Die

Schemen der Vergangenheit standen auf. Zwischen Selbstironie und selbstbewußtem Aufbegehren hörte man die Forderung, Österreich als ersten deutschen Staat anzuerkennen.

Dem Verfasser der bereits klassischen „österreichischen Geschichte“, Erich Zöllner, verdankte die Diskussion die Warnung davor, mit Kategorien aus der Vergangenheit an die Probleme der Zukunft heranzugehen.

Es besteht in Österreich kein Anlaß zu der Befürchtung, daß wir keine konkreten Vorstellungen über den Sinn einer österreichischen Existenz außerhalb deutscher Identität entwickeln können. Die Kontakte zu den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie nehmen zu, der Modellcharakter der Schweiz wird in vielen Bereichen untersucht.

Im Fluß treiben viele Leichen. Sollen wir uns noch mit Träumen belasten? Geschichtliche Erfahrung spricht dafür.

Aber es sollten Träume sein, die nach vorne — dorthin, wo neue Entwürfe geformt werden, die scheitern oder gelingen können — offen sind, und nicht solche, deren einzige Öffnung nach hinten zeigt, dorthin, wo die Katastrophen wohnen.

Der Autor ist Historiker und Sekretär im Parlamentsklub der OVP.

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