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Dialog mit dem ungeborenen Kind

1945 1960 1980 2000 2020

Als unsere Großmütter ihre Kinder erwarteten, versuchte nnan, mit Rücksicht auf die Entwicklung des Kindes, alles Negative von ihnen fernzuhalten. Mit Recht, wie die moderne Forschung zeigt.

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Als unsere Großmütter ihre Kinder erwarteten, versuchte nnan, mit Rücksicht auf die Entwicklung des Kindes, alles Negative von ihnen fernzuhalten. Mit Recht, wie die moderne Forschung zeigt.

Die organische Entwicklung eines Kindes von der befruchteten Eizelle bis zur Geburtsreife wurde in unserem Jahrhundert praktisch lückenlos erforscht. Die seelischen Vorgänge, beim geborenen Menschen nicht von seiner körperlichen Befindlichkeit zu trennen, blieben zunächst ausgeklammert. Die meisten Wissenschaftler nahmen an, das psychische Leben des Menschen beginne erst mit oder nach seiner Geburt.

Obzwar die ersten Veröffentlichungen über vorgeburtliches Seelenleben schon in den frühen zwanziger Jahren erschienen waren (u. a. Gustav Graber und Otto Rank), wurde die pränatale Psychologie jahrzehntelang von der medizinisch-psychologischen Fachwelt nicht ernst oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.

Seit der Gründung der Internationalen Studiengesellschaft für Pränatale Psychologie (1971 in Wien), einer Vereinigung von Medizinern, Psychologen, Verhaltensforschern und Biologen, ist die Fülle der Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen der Grundstimmung der Mutter, dem Verlauf von Schwängerschaft und Geburt und dem späteren Verhalten des Neugeborenen und des Kleinkindes beinah unüberschaubar geworden.

Es kommt immer wieder vor, daß Kinder mit schweren psychosomatischen Krankheiten, beispielsweise mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren geboren werden. Das sind Extremfälle, aber sie zeigen deutlich, daß der kleine Mensch im Mutterleib Streß erlebt und speichert. Das ungeborene Baby muß so etwas wie Seelenleben haben, wenn es eine psychosomatische Krankheit entwickeln kann.

Es ist schon schwierig genug, selbst mit den modernsten Untersuchungsmethoden wie Ultraschall oder Fetoskopie, das Verhalten von Ungeborenen zu erforschen. Ungleich schwieriger wird es bei den Erlebnissen und Erfahrungen von Ungeborenen. Um Eigenerfahrung machen zu können, muß das Baby im Mutterleib zunächst keimhaft, dann immer differenzierter und ausgeprägter über Wahrnehmungsfähigkeit, Bewußtsein und Gedächtnis verfügen.

Die Sinne entfalten sich in einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge: Ursprung der ersten Empfindungen ist die Haut, schon in den ersten Wochen der Schwangerschaft reagiert das Kind auf Druck und Berührung. Dann folgt die Entwicklung des Raumgefühls; das Kind beginnt den Umgang mit dem Gleichgewicht, mit der Körperhaltung und dem Spannungszustand der Muskulatur einzuüben und macht solcherart die ersten grundlegenden Erfahrungen von Umwelt; gleichzeitig beginnen personale Wahrnehmung und Bewußtsein zu erwachen.

Diese Umwelt erweitert sich und wird vielfältiger, sobald die Funktionen des Hörens, Schmek-kens und Sehens beginnen. Auf alle diese Sinneseindrücke reagiert das Kind. Es antwortet auf seine Umwelt. Von Anfang an steht das Ungeborene in einem ständigen Dialog mit der Mutter und der sie umgebenden Außenwelt.

Bei diesem Dialog spielt es niemals eine passive Rolle, es nimmt vielmehr mit seinen wachsenden Fähigkeiten und seiner Sensibilität aktiv daran teil, es ist biologisch, psychologisch und sozial ein Partner der Mutter und der Menschen, mit denen die Mutter zu tun hat.

Die jüngsten Erkenntnisse, in wie vielfältiger Weise sich dieser Dialog abspielt, welcher Art die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Phänomene sind und welche Folgerungen daraus für jeden einzelnen von uns in seiner Haltung und in seiner Einstellung zum Mensch-Sein und zum bewußteren Annehmen des Lebens überhaupt (auch des eigenen) zu ziehen wären, wurde unlängst bei einer Internationalen Studientagung der Gesellschaft für Pränatale Psychologie (ISPP) an der Universität Düsseldorf ausführlich erörtert.

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Psychoneurosendok-trinologie, den sehr komplizierten und wechselseitig sich beeinflussenden Zusammenhängen zwischen hormonalen, biochemischen Vorgängen und emotionalen Reaktionen, machen verständlich, wie sich das Gefühlsleben der Mutter, ihre Einstellung zur Schwangerschaft, ihre Freuden und ihre Ängste dem ungeborenen Kind mitteilen.

Schon am 24. Tag nach der Empfängnis beginnt sich im Mittelhirn des winzigen Embryos der Hypothalamus zu bilden, in der vierten bis fünften Woche ist das Wachstumshormon nachweisbar, am 37. Tag erscheint die Hypophyse, in der siebenten bis achten Woche sind jene Substanzen vorhanden, welche die biochemische Voraussetzung für die Erinnerung sind, und in der zehnten Woche sind Neurotransmittoren nachweisbar, die das Kind befähigen, hormonal und biochemisch Informationen von der Mutter aufzunehmen und zu speichern.

Wie das - auch für den Außenstehenden sichtbar — funktioniert, wurde durch Untersuchungen nachgewiesen, bei denen werdende Mütter in der Frühschwangerschaft in entspannter Haltung unter dem Ultraschallgerät lagen. Sie wurden nicht informiert, daß sich in dieser Position auch die ungeborenen Kinder entspannen. Sobald man den Müttern mitteilte, auf dem Monitor sei keine Kindesbewegung zu sehen, erschraken die Frauen und machten sich begreiflicherweise Sorgen. Sekunden später begannen die Babies heftig zu strampeln. Die Gemütsbewegung der Mutter hatte eine erhöhte Adrenalinausschüttung zur Folge, die Kinder erlebten die Angst der Mutter mit.

Adrenalin und andere durch Streß ausgelöste Substanzen können die Plazentaschranke (die das Kind vor vielen schädlichen Einflüssen, etwa Krankheitserregern, schützt) überwinden, das Kind nimmt die Emotionen der Mutter auf, es erlebt ihre Gefühle direkt mit.

Schwangerschaft, besonders die erste, ist eine Herausforderung an die Reife und Stabilität einer Frau, eine Konfrontation mit einer entscheidenden Lebenswende, eine Krise ähnlich der Pubertät und dem Klimakterium. Sie ist mit körperlichen und seelischen Veränderungen verbunden, der gesamte psychosomatische Organismus ist einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Die widerstreitenden Gefühle, die jede Schwangerschaft begleiten, teilen sich auch dem Kind mit, und es lernt schon in der Gebärmutter, sich zu adaptieren, mit Unlustge-fühlen fertig zu werden, Schwierigkeiten zu bewältigen. All dies braucht es als Vorbereitung für sein Leben außerhalb des Mutterleibs.

Chronischer Streß hingegen wirkt zerstörend. Reizüberflutung, Hektik, Überlastung, sich über Monate hinziehenden Angstzuständen, Depressionen und Konflikten ist das ungeborene Kind relativ schutzlos ausgeliefert. Während der Monate der Entwicklung und des Wachsens sind jene Strukturen am tiefsten verletzbar, die sich gerade entfalten. Je früher in der Entwicklung eine Störung eintritt, umso größer ist der Schaden. Gerade während der Frühschwangerschaft sind die ganzen Lebensumstände der Mutter und ihre Einstellung zum Kind von großer Bedeutung für die seelische Entwicklung.

Was das Kind spürt Das Kind spürt, ob es erwünscht, ob die Mutter glücklich ist, selbst die Beziehung der Eltern zueinander wird ihm auf vielfältige Weise, über Hormone, Stoffwechsel, Schwankungen des mütterlichen Pulsrhythmus und vieles andere „gemeldet". Aus der Interaktion mit der Mutter und deren Umwelt beginnt die Entwicklung des Selbstvertrauens. Wie es später der Welt gegenübersteht und sein Leben meistert, hängt davon ab, in welcher psychosomatischen Situation es sich vor seiner Geburt befunden hat.

Die Anwendung der Erkenntnisse der pränatalen Psychologie bei der Vorbereitung der Eltern auf ihre Aufgabe, bei der Betreuung der Frauen während Schwangerschaft und Geburt nannte Professor Sepp Schindler (Salzburg), der Präsident der ISPP, eine der großen kulturellen Aufgaben unserer Zeit.

Die pränatale Psychologie dringt in Bereiche vor, die bis vor wenigen Jahren einer wissenschaftlichen Erforschung unzugänglich schienen. Sie nähert sich schrittweise immer mehr dem Anfang, dem Geheimnis der Entstehung des Lebens. Viele Phänomene, etwa die mit dem Erleben von Zeugung und Empfängnis zusammenhängenden, scheinen mit den üblichen naturwissenschaftlichen Methoden kaum faßbar, stoßen an die Grenzen unserer Vorstellung und Erkenntnis.

Die Forschungsergebnisse der pränatalen Psychologie sind Wegweiser für ein bewußteres Annehmen des Lebens. Sie zeigen in eine Richtung, die weit entfernt ist von jener, die mit der Entwicklung von Gen-Technologie, Spermabanken, Retortenbabies und Mietmüttern beschritten wurde. Nicht Objekt, über das verfügt werden kann, ist der Mensch an seinem Anfang, sondern Gegenüber, dem wir mit Behutsamkeit und Sensibilität begegnen sollen.

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