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Dicht gedrängt und lückenhaft

Seit 30. April ist die österreichische Galerie im Wiener Oberen Belvedere wieder geöffnet und wartet mit einer Neuaufstellung der künstlerischen Bestände des 20. Jahrhunderts auf. Jugendstil und Kunst der Zwischenkriegszeit konnten im zweiten Stockwerk des Schlosses etwas lockerer gehängt und um ein paar Werke ergänzt werden, Plastik und Malerei seit 1945 fanden eine mit großem Interesse erwartete Neuaufstellung in den ebenerdigen Räumen der ehemaligen Wechselausstellungen.

Gerade ihr kommt auch besondere Bedeutung zu, muß sie sich in Wien doch erstmals in großem Umfang der internationalen Konkurrenz im Museum moderner Kunst im Palais Liechtenstein stellen. Zudem erhofft das österreichische Publikum gerade von dieser Sammlung die gebührende Positionsbestimmung und sogar Aufwertung im europäisch-amerikanischen Kontext.

Doch schon in der Eröffnungsrede entschuldigte man sich für die unglückliche Lösung der wenig attraktiven Stellwände; man sei vor der Entscheidung gestanden: starke Selektion der Kunstwerke und ästhetischer Präsentation, oder soviel wie möglich zu zeigen und dafür das Dicht-Gedrängte in Kauf zu nehmen.

So aber hat man, nachdem man sich, um Künstler-Beleidigungen aus dem Weg zu gehen, für die zweite Möglichkeit entschieden hatte, beide Fehler begangen. Man hat sieja alle, die Jungen, mit einer einzigen Ausnahme (Norbert Fleischmann, Jahrgang 1951), nicht einmal in die engere Wahl gezogen, hat selbst Arrivierte (vor allem die Gruppe um die Galerie nächst St. Stephan) nur mit zweit- und drittrangigen Werken vorgestellt, während ein so wichtiger, international anerkannter und selbst in Österreich einer um neue Spiritualität bemühten Malergruppe zum Vorbild gewordener Künstler wie Walter Pichler überhaupt nicht in der Sammlung vertreten ist. Natürlich fehlen auch die Wiener Aktionisten, die zugegebenermaßen schwer fixierbar und zeigbar sind.

Die Hängung und Postierung der Werke erfolgt nach historischen und stilistischen Gemeinsamkeiten und natürlich auch nach ihrer Größe. Riesenleinwände mußten die Wandlünetten in zweiter Etage füllen. Hier hat wohl alles seine kunsthistorische Richtigkeit, wirkt aber allzu pädagogisierend.

Vielleicht hätte man die Plastiken, großteils kleinere Statuetten, als dichten Skulpturen-Wald - vergleichbar dem Beispiel in der Münchner Glyptothek - aus dem Boden wachsen lassen und dazu kontrapostisch die Bilder in großzügiger lichter Weite hängen können, um so ein Spannungsfeld zu erzeugen, das fähig wäre, den Betrachter in seinen Bann zu ziehen. - Dies wäre nur ein Lösungsvorschlag unter vielen.

Es ist gerade die Spannung, die Magie der Schwerpunkte, die dieser Neuaufstellung mangelt.

In der großen Menge der Kunstwerke finden sich Gott sei Dank auch sehr qualitätvolle Artefakte, wie etwa Rudolf Hausners „Forum der einwärtsgewendeten Optik“ von 1948 bei den phantastischen Realisten; leider ist dieses aber nur Leihgabe des Historischen Museums der Stadt Wien, wie sich die österreichische Galerie überhaupt immer wieder nur mit Geborgtem begnügen muß.

Mit einem seit Jahren so gut wie nicht vorhandenen Budget für Neuankäufe hat die staatliche Verwaltung die Sammlung moderner Kunst dieses Museums in die jetzige prekäre Situation gebracht und ihre Kunsthistoriker zur Resignation getrieben.

Da fehlt unbedingt ein großes Werk des abstrakten Expressionismus von Markus Prachensky, aber auch Mikl, Hollegha, Oberhuber und Rainer, wie auch Adolf Frohner sind unterrepräsentiert.

Sehr zu Recht in größerem Umfang zeigt man in den Kojen das Traditionell-Malerische rund um die Kärntner Nötscher Gruppe und ihre Nachkommen, hat diese Malerei innerhalb Österreichs doch viele und auch ernst zu nehmende Vertreter.

Was sich aber im Groteskenzimmer zusammengefunden hat, ist in seiner Kombination wahrlich grotesk. Zwischen Werken verschiedenster stilistischer Prägung von Bruno Gironcoli, Norbert Fleischmann und Franz Za- drazils Brennt Niederlausitzer Briketts“ prangt „als Bekenntnis der Galerie“ - so der Direktor, Hans Auren- hammer, in einem Radiointerview - Gerhard Gutrufs „Hommage ä Vermeer“, ein historisierender Versuch der künstlerischen Versöhnung verschiedener Jahrhunderte und Kunstlandschaften. Das Ziel ist allzu hoch gesteckt. Wieland Schmied sieht in dem in Österreich besonders lange - und offenbar nun wieder von neuem - gepflegten Historismus „prunkenden Überbau einer brüchig gewordenen Welt, Illusion eines heilen Geschichtsbildes, Halluzination, noch immer sicher auf dem Boden des ptolemäischen Erdsystems zu stehen“.

Zum Glück kann sich der Besucher im zweiten Stockwerk des Hauses der schier uneingeschränkten Augenfreude hingeben; von Gustav Klimt wird erstmals „Die Braut“ von 1917/19undvon Oskar Kokoschka „Herodot“ von 1963 gezeigt. Leider sind gerade jetzt Hauptwerke von Klimt, Schiele und Richard Gerstl nach Hamburg zur Ausstellung „Experiment Weltuntergang“ verschickt.

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