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Dichter und Minister

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Vor 30 Jahren wurde Maos 100-Blumen-Kampagne zum Bumerang für die systemkritische Intelligenz. Heute betont die Partei, man müsse einige marxistische Dogmen durchbrechen.

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Vor 30 Jahren wurde Maos 100-Blumen-Kampagne zum Bumerang für die systemkritische Intelligenz. Heute betont die Partei, man müsse einige marxistische Dogmen durchbrechen.

„Laßt hundert Blumen blühen, laßt hundert Schulen miteinander wetteifern!“ Vor dreißig Jahren erschütterte dieser Ruf China. Das Doppelhundert, wie es genannt wurde, hatte natürlich, wie alles, auch im neuen China, historisches Vorbild. Der Begriff stammt aus der klassischen Philosophie und markiert die Zeit der Streitenden Reiche, 5. bis 3. Jahrhundert vor Christi, als der Kon-fuzianer Mencius und die Taoi-sten einander freie Disputationen am Kaiserhof lieferten.

Es begann eigentlich schon im Jänner 1956 mit einer Konferenz über die Intellektuellen, an der Mao Zedong und Ministerpräsi-

dent Zhou Enlai teilnahmen. Die Haltung der chinesischen Kommunisten und vor allem Maos persönliche Einstellung zur Intelligenz war immer eine ambivalente, zwischen Bewunderung und Verachtung.

In einem Bericht über die Parteikonferenz hat Zhou Enlai 1956 die Zahl der Intellektuellen mit 3,8 Millionen angegeben, bei einer damaligen Bevölkerung von 600 Millionen. Umfragen hätten ergeben, daß 40 Prozent der Intelligenz als fortschrittlich zu betrachten seien, weitere 40 Prozent stellten eine Zwischengruppe dar, die wohl die KP und Regierung unterstützten, aber politisch unaktiv seien. Zehn Prozent seien gegen den Sozialismus, und nur die letzten zehn Prozent wären echte Konterrevolutionäre und Schädlinge.

In einer weiteren Schrift des Propagandaleiters der KP Chinas, Lu Din-Ji, finden sich dann gar wunderliche Leitsätze, mit der Aufforderung, zu kritisieren, zu diskutieren und zu protestieren. Literatur und Kunst können sich nicht entfalten, wenn nur eine Blume blühe, und sei sie auch noch so schön, heißt es da.

Anfangs waren die Aufgerufenen mißtrauisch und zögerten. Dann aber, genau am 1. Mai 1957, brach die Flut los. Unter dem Titel einer Korrektur des Arbeitsstils der Partei und zum Kampf gegen Bürokratismus, Dogmatismus und Sektierertum wurden die Schleusen geöffnet. In allen Zeitungen, im Rundfunk, in Versammlungen aller Dimensionen wurde kritisiert, attackiert, verurteilt, verdammt, protestiert. An der Spitze stand die Zeitung „Gu-ang Ming Jibao“, das Organ der bürgerlichen Demokratischen Liga (das übrigens bis heute in Wien einen ständigen Korrespondenten hat), die sogar gegen das Machtmonopol der KP, für west-

liehe Demokratie eintrat und gegen Arroganz und Machtmißbrauch wetterte. *

Da gab es Klagen gegen Parteikader, Studenten protestierten, daß sie als Rikschafahrer und Zigarettenverkäufer arbeiten mußten, Journalisten klagten über mangelnde Bewegungsfreiheit, die Presse wurde als steril be-

Seit Herr L. die literatische Szene betreten hat, dürften schon einige Jahrchen dahingegangen sein, letztlich ist er aber nie so recht in den Vordergrund gerückt, weshalb er eine ziemliche Leere um sich herum verspürte. Da ließ er schließlich seine Beziehungen spielen und lud den berühmten Literaturkritiker Herrn J. zu einem opulenten Mahl ein. Herr J. zeigte sich dabei gerührt von den offensichtlich tiefen Gefühlen des L. und versprach generös: ,JS)ie behandeln dich heutzutage allzu kühl, das ist wirklich nicht gerecht! Ich will auf jeden Fall einen Artikel schreiben und deine Schriften empfehlen. Wenn so etwas in einer großen Zeitung steht, werden sich die Qualitäten deiner Werke...“

Herr L. wartet gar nicht erst, bis Herr J. zu Ende gesprochen hatte. Hastig winkte er ab und schüttelte den Kopf: ,Auf keinen Fall, auf keinen Fall! Ich möchte Sie lediglich darum ersuchen, einen aufrechten, gestrengen Artikel zu schreiben und mich darin mit Ihrer Kritik völlig zu verreißen! Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte weiß ich genau, sobald jemand von Ihnen kritisiert worden ist, wird er beliebt im ganzen Land, sein Name erschüttert den Erdball! Und auch Sie werden dadurch wiederum Prestige erlangen und Ihren Nutzen daraus ziehen. Das erst nennt man .einander bekämpfen und einander unterstützen, durch Zusammenarbeit die Effizienz erhöhen'!“

Gegenseitige Hilfe. Von Wang Meng (Kulturminister der Volksrepublik China). Kleines Gerede, Eugen Diede-richs Verlag, Köln 19SS

zeichnet, es hagelte Proteste gegen endlose Versammlungen mit langweiligen Litaneien über Marxismus-Leninismus, volle Religionsfreiheit wurde gefordert, Wissenschafter protestierten gegen unfähige Parteibosse, die ihnen vor die Nase gesetzt würden.

Das Schweigen der offiziellen Stellen in diesem Taumel der de-

kretierten Freiheit war gespenstisch. Und dann, nach genau 40 Tagen, war der Spuk zu Ende. Am 8. Juni 1957 trat die offizielle „Volkszeitung“ zum Gegenangriff an. Wohl gingen die Versammlungen weiter, brachten Radio, Zeitungen und Wandzeitungen Anklagen — aber nun richteten sie sich gegen die früheren Kritiker und Ankläger, die sich plötzlich in Rechtsabweichler, Renegaten, Revisionisten und Konterrevolutionäre verwandelt hatten.

In öffentlichen Versammlungen mußten die Intellektuellen Selbstkritik üben. Alle Angestellten eines Betriebes, von der Raumpflegerin bis zum Direktor, mußten vortreten und den Verdammten verurteilen, seine Intimsphäre, sein Familienleben, seine Freizeit, seine Gewohnheiten. Viele hielten der Entwürdigung, der Erniedrigung nicht stand und begingen Selbstmord. Jene, die durchhielten, verloren ihren Arbeitsplatz oder wurden auf Jahre in entlegene Provinzen verbannt. Und heute noch streiten die China-Experten darüber, ob die Hundert-Blumen-Kampagne nur ein Lockmittel für Mao war, um die Opposition aus ihren Schlupfwinkeln zu holen oder ob das Regime tatsächlich vom Ausmaß der Kritik und des Protestes überrascht war und eine ehrliche Diskussion im Sinn hatte. Wie immer - heute, nach 30 Jahren ist die Situation eirje völlig andere.

Sogar in offiziellen Parteischriften wie dem theoretischen Organ „Rote Fahne“ wird heute betont, daß man es wagen müsse, gewisse Dogmen zu durchbrechen, etwa die theoretische Opposition zur Marktwirtschaft. Das

Marxsche Kapital habe für viele Fragen des 20. Jahrhunderts keine fertigen Antworten geliefert.

Die Schlüsselfigur für das erfolgreiche Wiedererblühen der hundert Blumen aber ist der neue Kulturminister Wang Meng, ein populärer Schriftsteller und mit 52 ein Jüngling in der Hierarchie. Sein Leben ist von den Höhen und Tiefen der politischen Entwicklung Chinas in diesen 30 Jahren gekennzeichnet. Mittelschule, Jugendverband, mit 19 schreibt er seinen ersten Roman, der jedoch erst 1979 veröffentlicht werden kann.

Denn der junge Literat wird eines der ersten Opfer der Hundert-Blumen-Bewegung. Wegen Rechtsabweichung wird er 1957 zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt, mit Schreibverbot belegt und schließlich für 16 Jahre in den fernen Nordwesten, nach Sinki-ang verbannt. Er weiß seine Zeit zu nützen, lernt die Landessprache Uigurisch, einen osttürkischen Dialekt, aus dem er übersetzt. Erst 1979 darf Wang nach

Peking zurückkehren, aber nun geht alles schnell. Er wird in den Schriftstellerverband aufgenommen, besucht die USA, 1982 ist er Vizepräsident des chinesischen PEN-Klubs, schließlich Kandidat des ZK, Chefredaktenr der Zeitschrift „Volksliteratur“. Vor einigen Wochen wurde er zum Kulturminister ernannt, nach langer Weigerung, denn seiner Meinung nach gehen Bürokratie und schöpferiche Literatur schlecht zusammen. Er will es versuchen.

Seine Kollegen aber verhehlen ihre Freunde nicht. Deng Youwei, der Präsident des chinesischen Schriftstellerverbandes, meint: „Zum ersten Mal haben wir eine Stimme, einen heißen Draht zur Partei- und Staatsführung.“ Gewiß, ein Experiment, aber auch die Hoffnung, daß diesmal die hundert Blumen wirklich voll erblühen und die hundert Schulen ihre Tore nicht schließen werden. Soweit man vorausblicken kann.

Der Autor ist außenpolitischer Referent des Ludwig-Boltzmann-Instituts für China-und Südostasienforschung.

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