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Die acht Reiter der Apokalypse

1945 1960 1980 2000 2020

Das heute meistverwendete Wort in Jugoslawien heißt Krise. Was man in den siebziger Jahren noch harmlos als „Nationalitätenstreit" bezeichnete, entpuppt sich nun als Krise des Systems.

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Das heute meistverwendete Wort in Jugoslawien heißt Krise. Was man in den siebziger Jahren noch harmlos als „Nationalitätenstreit" bezeichnete, entpuppt sich nun als Krise des Systems.

Bis zu seinem Tod im Mai 1980 war Josip Broz Tito Symbol für den Fortschritt des jugoslawischen Vielvölkerstaates. Heute sind Tito und dessen „Modell" selbst im Bund der Kommunisten Jugoslawiens Ursache von Meinungsverschiedenheiten und heftigen Polemiken. Insbesondere in Serbien vertreten die Intellektuellen und ein Teil der KP-Mitglieder die Auffassung, Titos Modell

der Föderation sei die Hauptursache für die derzeitige Krise in Jugoslawien.

In Belgrad wird offen eine „Neuorganisierung" Jugoslawiens und eine Rückkehr zum Zentralismus vorgeschlagen. Sogar das System der Arbeiterselbstverwaltung wird in Frage gestellt.

Dagegen beteuert man in Zagreb, man dürfe vom föderativen Modell nicht abrücken, nur eine strikte Anwendung der Politik Titos sei eine Garantie dafür, daß im Bundesstaat die Interessen jeder einzelnen Nation respektiert werden.

Um das titoistische „Modell" zu verstehen, muß man sich wieder einmal vor Augen führen, was Jugoslawien eigentlich ist: eine Föderation von sechs weitgehend autonomen Republiken und zwei zu Serbien gehörenden Provinzen, Kosovo und Vojvodina.

Mit der überraschend erfolgten Nominierung von Branko Mikulic zum künftigen Regierungschef will die jugoslawische Staatsführung unterstreichen, eine Abkehr von Titos Modell kommt nicht in Frage. Beobachter sind der Meinung, mit der Bestellung Miku-lics, der oft als „Titos junger Mann" bezeichnet wurde, will

man vor allem der Armee beweisen, man sei wohl in der Lage, die gegenwärtige Krise zu meistern, ohne „polnisches Rezept" anwenden zu müssen. Gerade das Festhalten am Weg Titos, so hört man in Jugoslawien, hält die Militärs fern von der politischen Macht.

Umso erstaunlicher wirkt die Kampagne mancher serbischer Intellektueller gegen die Politik des verstorbenen Präsidenten Tito, die bisweilen auch groteske Züge annimmt. In seinem Buch „Die Alliierten und das jugoslawische Kriegsdrama" bezeichnet das serbische Akademiemitglied Veselin Djuretic Tito nicht mehr und nicht weniger als einen „großkroatischen Nationalisten".

In Wirklichkeit geht es in Serbien aber um ganz andere Dinge.

Der Aufstand der Albaner in der Provinz Kosovo 1981 hatte zu einer schweren Krise der serbischen Intellektuellen geführt. Als Reaktion darauf besinnt man sich in Serbien nun auf die „eigene" Geschichte und Tradition, die Rechte anderer Teilrepubliken werden als „zu groß" empfunden. Auch der einst gut funktionierende Draht zu Slowenien ist gestört.

Während das Regime in Serbien und Slowenien das neu erwachte Nationalbewußtsein der Massen noch teilweise akzeptiert und dabei eine bemerkenswerte geistige Liberalität pflegt (Aufhebung der Strafen für einige Belgrader Dissidenten !), sieht die Lage in Kroatien anders aus. Nur ein Teil der kroatischen KP arbeitet konse-

quent an der Beseitigung der Krise, der zweite Teil fungiert schlicht als verlängerter Arm des Polizeiapparates.

Gleichzeitig wächst in der kroatischen Jugend eine stille Protestbewegung heran. Im Gegensatz zu Protestbewegungen der siebziger Jahre wird diese nicht mehr von den Studenten, sondern vielmehr von den Mittelschülern und beschäftigungslosen Arbeitern getragen. Sie fühlen sich von der Partei im Stich gelassen.

Während sich die kroatische Studentenbewegung von 1971 dem Sozialismus und teilweise der Führungsperson Titos verpflichtet fühlte, will die protestierende Jugend von heute mit der Partei nichts mehr zu tun haben. Darauf reagiert die Kroatische KP aber mit gezielter Repression, in keiner der Republiken zeigt man sich so nervös, wenn es um Oppositionelle geht, wie in Kroatien.

Zagreber Parteifunktionäre versuchen ihre Politik der Härte dadurch zu rechtfertigen, indem sie ständig die Gefahr heraufbeschwören, daß serbische Oppositionelle bestrebt sind, die Grundlage für ein „drittes", „nicht-titoi-stisches" Jugoslawien zu schaffen. Ein Abgang von Titos „Modell" würde nämlich die Rückkehr zum Zentralismus „großserbischer Prägung" bedeuten, beteuern die Funktionäre.

Daß darin ein Körnchen Wahrheit steckt, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Serben verfügen über eine relative Mehrheit in der Gesamtbevölkerung Jugoslawiens und über eine geradezu erdrückende Ubermacht bei der Armee und im Polizeiapparat.

Der serbische Schriftsteller Radovan Smiljanic vergleicht Jugoslawien mit den acht Reitern der Apokalypse (sechs Republiken und zwei autonome Provinzen), die ins Ungewisse reiten.

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