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Die Alternative vor der Haustür"

1945 1960 1980 2000 2020

Für den Strukturwandel in der verstaatlichten Industrie rollen Milliarden. Für den laufenden Strukturwandel in der Landwirtschaft gelten andere Maßstäbe: Da hat man schon genug getan?

1945 1960 1980 2000 2020

Für den Strukturwandel in der verstaatlichten Industrie rollen Milliarden. Für den laufenden Strukturwandel in der Landwirtschaft gelten andere Maßstäbe: Da hat man schon genug getan?

In einer Zeit weltweiter Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen wird Österreich von denen, • die es regieren, noch immer vergleichsweise und beschwichtigend zur „Insel der Seligen" erklärt. Und ist doch in Wahrheit ganz und gar die „kleine Welt, in der die große ihre Probe hält." Nur sehen will man das nicht.

Wortgewaltige Friedenskämpfer weisen auch in Osterreich — und durchaus mit Recht — auf die Wahnsinns-Summen hin, die weltweit für die Rüstung ausgegeben werden, während gleichzeitig auf derselben Welt Hunderte Millionen Menschen buchstäblich verhungern.

In unserem Lande rüstet man nicht und verhungert man nicht. Aber wir haben eine für unsere Verhältnisse große verstaatlichte Industrie, die Panzer und Waffen auch in Entwicklungsländer exportiert. Und wir haben eine vorwiegend klein- und mittelbäuerlich strukturierte Landwirtschaft, die heuer mehrere hunderttausend Tonnen Brot- und Futtergetreide in die Sowjetunion, nach Ostdeutschland und in die CSSR ausführt. In Länder also, die von Natur aus viel besser für eine intensive Agrarproduktion geeignet wären, als das Gebirgs-land Österreich.

Aber die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Strukturbereinigung in diesen sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaaten läßt trotz aller großen Fünfjahrespläne die Agrarproduktion aus ihrem Tief nicht herauskommen. Die Ursachen sind bekannt.

Den österreichischen Bauern wurde seinerzeit im Programm der Sozialisten zur „Reform der österreichischen Wirtschaft" vorgeworfen, daß die Politik ihrer Vertreter dazu beitrage, in der Landwirtschaft „die Strukturen zu versteinern." Daß dem nicht so war, läßt sich heute bis hinaus ins kleinste Dorf an unübersehbaren Fakten anschaulich beweisen.

Trotz allem Wandel aber ist Österreichs Landwirtschaft ihrer bäuerlichen Struktur treu geblieben, auf die allein auch jene gewaltige Leistungssteigerung zurückgeführt werden muß, die ein Uberleben überhaupt ermöglichte.

Allein im Jahrzehnt zwischen 1970 und 1980 sind neuerlich insgesamt rund 160.000 Erwerbstätige aus der österreichischen Land-und Forstwirtschaft abgewandert. Da gab es kein Regierungsprogramm zur Milderung sozialer Härten. Da fand man es für ganz selbstverständlich, daß im Zuge des bäuerlichen Strukturwandels Jahr für Jahr Zehntausende Menschen in Eigenverantwortung neue Arbeitsplätze suchten, während die Mechanisierung, Rationalisierung und Umstellung in der Landwirtschaft weiter bewältigt werden mußte.

Was aber geschah in der gleichen Zeit für den Strukturwandel in der verstaatlichten Industrie? Wenn jetzt aus Steuergeldern Milliardensubventionen nur für die Verlustabdeckung in diesem Bereich aufgewendet werden müssen, wenn der Waffenexport zur Sicherung der Arbeitsplätze fortgesetzt werden muß und Tausende dieser Arbeitsplätze trotzdem gefährdet sind, dann kann doch das keineswegs nur mit der Weltwirtschaftskrise begründet werden.

Während nun die Regierung neue Milliardensummen für die verstaatlichte Industrie aufzubringen versucht, erklärt sie die recht bescheidenen Wünsche der Landwirtschaft zur weiteren Strukturbewältigung und zur Verbesserung der Situation im ländlichen Raum für nicht berechtigt. Da habe man ohnehin schon genug getan.

Daß sich die Bauern ihre auf Grund der Produktionssteigerung immer umfangreicher werdenden Exporte teilweise aus den eigenen Erzeugerpreisen selber subventionieren müssen, wird als Selbstverständlichkeit betrachtet. Sie sind ja „freie Unternehmer". Das bäuerliche Einkommen ist laut „Grünem Bericht 1981", real um fünf Prozent zurückgegangen. Dafür wird die Steuerbelastung der Bauern 1983 um fünf Prozent erhöht.

Die bäuerlichen Betriebe, die wahren Muster an selbständiger und eigenverantwortlicher Strukturbereinigung, können weitere Belastungen kaum mehr ertragen. Bisher haben die Bauern den Ausweg immer wieder und teils unter größten Schwierigkeiten im Nebenerwerb gefunden. Aber die Nebenerwerbsmöglichkeiten werden immer geringer, so daß Wirtschaftsfachleute schon recht eindringlich von einer versteckten Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft sprechen.

Dabei sind es die Bauern selbst, die seit Jahren immer wieder auf mögliche Produktionsalternativen zur Sicherung bestehender und Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Landwirtschaft hinweisen. Der große Einstieg in die Biosprit- und ölsaatenproduktion, der auch vom Standpunkt der Ge-sundheits-, Umwelt- und Ernährungssicherung her gesehen wünschenswert wäre, müßte ihnen allerdings durch gesetzliche und finanzielle Starthilfen erst ermöglicht werden.

Dazu fehlt die Bereitschaft und der Mut. Da wird lieber ein nebu-loses Grün- und Alternativbewußtsein vorgetäuscht, das an der Tatsache vorbeisieht, daß die einzig unbestreitbar Grünen im Lande die Bauern sind. Sie müssen die Grünerhaltung der Umwelt durch ihre Berufsarbeit gewährleisten und durch die Beschränkung ihrer Einkommensansprüche sichern.

Solange die Menschen mit den Gütern dieser Erde nicht so umgehen wie der verantwortungsbewußte Bauer mit seinem Grund und Boden, den er allen Einkommenswünschen zum Trotz nie schrankenlos ausbeuten wird, weil er auch kommenden Generationen die Fruchtbarkeit dieses Bodens erhalten will, solange ist keiner ein besserer Grüner als der Bauer. <

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