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Digital In Arbeit

Die Armut ist wirklich weiblich

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Die Armut ist weiblich. Das ist nicht graue Theorie, sondern für viele Frauen grauer Alltag: Fünf konkrete Schicksale, die auch Politiker nachdenklich machen müßten.

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Die Armut ist weiblich. Das ist nicht graue Theorie, sondern für viele Frauen grauer Alltag: Fünf konkrete Schicksale, die auch Politiker nachdenklich machen müßten.

Laut Medien, Politikern, Wirtschaftsfachleuten ist die wirtschaftliche Lage viel besser, und die Gewinne sind höher als erwartet. Es wird rationalisiert, und immer weniger Menschen produzieren immer mehr. Einerseits steigt die Arbeitslosigkeit, andererseits wird der Druck auf die im Arbeitsprozeß Stehenden größer. Überstunden werden gefordert.

Was geschieht mit den Erträgen? Wieviel Geld liegt auf den Banken? Wem kommt das zugute?

Wo bleibt da die sinnvolle, menschliche Arbeit? Und wenn solidarisch gelebt würde, könnte die Schere von arm und reich nicht größer werden.

Ich treffe mich monatlich (seit 1981) mit fünf Frauen in einer

KAB-Runde. Als ich den Grundtext zum Sozialhirtenbrief mitbrachte, war es für sie selbstverständlich, über das Kapitel „Die Armut ist weiblich“ zu reden.

Einige Fakten konkreter Fälle:

Der Fall E.: 50 Jahre, seit langem geschieden, ein verheirateter Sohn. Ihr Vater sagte: „Du brauchst keinen Beruf erlernen, du heiratest einmal, wichtig ist, daß du zupäckeri kannst.“ Nach verschiedenen Tätigkeiten wurde sie als Locherin angelernt. Viele Überstunden, die einseitige körperliche Belastung wirkten sich gesundheitlich aus. Die verkrümmte Halswirbelsäule verursachte große Schmerzen, nach einigen Krankenständen mußte sie um leichtere Arbeit fragen. Ihre Naivität, zuzugeben, krank zu sein, brachte ihr nach neunjähriger Firmenzugehörigkeit 1982 die Kündigung.

1986 wurde ihr 50-Prozent-Inva- lidität zuerkannt, das heißt, sie ist für „leichte“ Arbeiten geeignet. Welche Alleinstehende kann sich aber (falls es sie gibt) „leichte“ Arbeiten leisten, die meist schlecht bezahlt werden? Davon werden Arbeitslosengeld, Notstandshilfe oder Rente berechnet.

Ihr Einkommen beträgt aus dem Notstand für 30 Tage 5.000 plus 545 Schilling Wohnbeihilfe. Die fixen Ausgaben für Wohnung, Strom, Fensterrückzahlung betragen 3.200 Schilling. Ihre Ersparnisse sind jetzt verbraucht. E. sagt, es gibt andere, denen es schlechter geht, weil sie für ihre Arbeit nicht mehr bekommen. - Arg ist, daß es keinen 13. oder 14. Zuschuß gibt. Das wäre eine Sparmöglichkeit für Reparaturen und außerordentliche Ausgaben.

Der Fall F.: 49 Jahre, seit 1980 Witwe, die beiden Töchter sind jetzt verheiratet. Da sie keinen Beruf erlernen durfte, der Mann das Geld vertrank, nahm sie eine Heimarbeit von einer Textilfirma. Der Verdienst war gering, die Abgeschlossenheit daheim war kaum zu ertragen. Sie bekam Arbeit im Lager einer Großhan-

delsfirma. Die Aufträge wurden nach Artikelnummern zusammengestellt. Es war anstrengend, diese auswendig zu lernen. Aber F. war stolz, als sie immer mehr Nummern auswendig konnte.

Sie war zweieinhalb Jahre in der Firma, da wurde auf EDV umgestellt. „Dazu kann man sich jeden Trottel von der Straße zur Arbeit hereinholen“, - sagte der Chef. F. und einige andere wurden gekündigt. Sie war 44 Jahre alt, bekam keine andere Arbeit, nur als Reinigungsfrau. Die Arbeitszeit ist so, daß sie wochentags nirgends hingehen kann. Aber es ist ein sicherer Arbeitsplatz.

Sie leidet noch darunter, weil sie gekündigt wurde und mit dem Alter nur mehr als Putzfrau Arbeit fand. Sie spürt, daß die Putzfrauen von manchem Akademiker im Haus von oben herab behandelt werden und fragte sich, ob nicht jede Arbeit ihren Wert hat.

Der Fall Go.: 47 Jahre, 25 Jahre verheiratet, einen erwachsenen Sohn, Büroangestellte.

Weil ich bei unserem Sohn bleiben wollte, wir aber doch einen Zuverdienst brauchten, nahm ich eine Heimarbeit an. Wöchentlich mußte ich 20 bis 25 Stunden arbeiten, war nicht unzufrieden. Mein Mann half mir. Schlimm wurde es, als die Angehörigen ganztags außer Haus waren. Ohne sozialen Kontakt, nicht wissend, wie es den anderen (zirka 30) Heimarbeiterinnen geht, das wurde mir immer unangenehmer. Aber als ich mit 33 Jahren bereits als zu alt befunden wurde für einen Wiedereinstieg in meinen Beruf, „ergab“ ich mich und arbeitete bis 1984 (17 Jahre) als Heimarbeiterin. Mein ehrenamtliches Engagement in der KAB half mir persönlich und weitete meinen Horizont. Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten wurden für mich sichtbar.

1984 wurde meine Heimarbeit in den Betrieb verlegt. Ich wurde kurz für eine andere Heimarbeit angelernt. Dann bekam ich sofort volle Aufträge über zum Beispiel 33 bezahlte Stunden, aber als Anfängerin brauchte ich 75 Stunden. Weil es unmöglich war, kleinere Aufträge zu bekommen, ich das Zeitausmaß und die starke körperliche Belastung nicht aushielt, kündigte ich.

Der Fall Ge.: 46 Jahre, Scheidung, als die vier Töchter zwischen vier und 16 Jahre alt waren (der Mann nahm eine jüngere Frau), ohne erlernten Beruf.

Als die jüngste Tochter in die Schule ging, begann sie im Lager einer Installationsfirma halbtägig zu arbeiten. Nach einer Operation sollte sie nicht mehr schwer heben. Dazu kam die ungerechte Behandlung durch die alte Chefin, daher kündigte sie. Sie bekam einen Arbeitsplatz als Kassiererin. Die Teilzeitarbeit war durch Personalmangel nicht leicht, aber Ge. hielt zwei Jahre durch. Dann wurde diese Feinkostkette verkauft — sie ist seit 1988 arbeitslos.

Bei den angebotenen Stellen hat sie keine Chance, weil sie zu alt ist. Ge. hat durch die Erziehung ihrer vier Kinder nicht viele Versicherungsjahre. Sie weiß nicht, wie es weitergeht und was sie in Zukunft bezüglich Altersversorgung zu erwarten hat.

Der Fall Gu.: 46 Jahre, geschieden, zwei Kinder, Sonderschullehrerin.

Durch ihren Beruf und das sichere Einkommen konnte sie die Trennung halbwegs verkraften.

Übrig bleiben für sie wie auch bei den anderen Frauen:

• der Druck der Alleinverantwortung für die Kinder, immer „da“ sein zu müssen;

• das kirchliche Ansehen der Geschiedenen ist nicht besonders hoch (und wird durch neue Aussagen von Bischöfen verhärtet!); • die „Draufzahlenden“ sind die Frauen — Familie und Kinder sind fast immer deren Probleme. Wo bleiben die Väter?

• Die Erziehungsarbeit sollte zumindest für einen späteren Pensionsanspruch zählen.

Di Autorin ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Österreichs (KAB). Auszug aus „Gesellschaft & Politik“ 1/89 (Kummer-Institut).

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