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Die Asylanten-Hilfe greift

In den zwei Flüchtlingslagern Bad Kreuzen und Thalham bei St. Georgen im Attergau und in den ihnen zugeordneten 80 Gasthöfen leben seit drei Jahren durchschnitt-lich konstant 4.800 Asylwerber. Aufgrund der zwischen dem Innen-minister und den Landesregierungen vereinbarten Quotenregelung sollte Oberösterreich 17,05 Prozent der Asylwerber beherbergen. Mit 25,16 Prozent liegt Oberösterreich über dem "Soll".

Demgegenüber wuchs die Zahl der in Oberösterreich beschäftigten ausländischen Arbeitnehmer im gleichen Zeitraum um zirka 140 Prozent, einerseits durch die Asyl-werber, die im Gegensatz zu früheren Zeiten nun arbeiten dürfen; andererseits durch verstärkte Neu-zuzüge von Gastarbeitern aus Ju-goslawien; schließlich: für eine nicht zu unterschätzende Zahl von Ost-touristen wurden, dank des guten Arbeitsmarktes, ebenfalls Beschäf-tigungsgenehmigungen erteilt. Durch die erleichterte Erteilung der Beschäftigungsgenehmigung an Asylwerber, sowie durch die Ein-führung der Visapflicht für Polen ist die Schwarzarbeit beträchtlich zurückgegangen. Trotzdem dürften etliche Asylwerber, die nach dem 1. April 1990 nach Österreich kamen, sowie Osttouristen aus Ungarn und der CSFR in der Saisonzeit schwarz beschäftigt werden. Ihre Dunkel-ziffer in Oberösterreich dürfte nach Erfahrungswerten um 2.000 liegen.

Auf diese Weise liegt der Anteil der in Oberösterreich unselbständig beschäftigten Ausländer bei 6,6 Prozent, also bedeutend niedriger als Wien (12,4 Prozent) oder gar Vorarlberg (16,6 Prozent). Der Ausländeranteil der Bevölkerung mit zirka 45.000 Personen weist einen noch niedrigeren Prozentsatz (3,8 Prozent) auf. Da die "Schmerr-grehze", nach den Fachleuten, bei zirka 15 Prozent liegt, ist daher Oberösterreich weit davon entfernt, ein "volles Boot" zu sein. Trotzdem schlagen die Wellen der Unfreundlichkeit gegenüber den Ausländern unverhältnismäßig hoch.

Besonders emotionell reagiert natürlich der Durchschnittsöster-reicher auf die "Kriminalität" bei den Ausländern. Alle bisherigen offiziellen Statistiken bekräftigen dagegen, daß die Kriminalität der Ausländer unter dem üblichen Durchschnitt in Österreich liegt. Merkwürdigerweise glaubt dies aber kein Österreicher! Dabei ist es nur logisch: ein Ausländer, der hier eine Bleibe sucht, hat auch Angst. Er wird sich hüten, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, weil er um die Konsequenzen weiß. Eines freilich stimmt: Nach der Öffnung der Grenzen vermehrte sich die Zahl der Kriminaltouristen. Dies zu verhindern ist sehr schwer und es ist der Preis der Öffnung der Grenzen. Aber deswegen alle Auslärtder zu Kriminellen zu stempeln, ist falsch.

Zwei Verbrechen, von Ausländern verübt, bewegten besonders die Öffentlichkeit in Oberösterreich. Der Doppelmord durch einen Rumänen in St. Georgen an seinem Landsmann und an einem Öster-reicherund der "Wohnmobilmord" zweier Tschecho-Slowaken an einem holländischen Ehepaar. Gerade die langwierige Klärung des letzteren Falles beschäftigte intensiv die Bevölkerung, bis die Leiche der Holländerin ebenfalls im Raum St. Georgen gefunden wurde. Daß sol-che Umstände viel zur Ausländer-feindlichkeit beitragen, liegt auf der Hand. Umso mehr überrascht einen, daß gerade eine solche Greueltat das auslösende Moment war nicht nur für eine ausländerfeindliche Demonstration, sondern auch für die Gründung einer ausländer-freundlichen Initiativgruppe in St. Georgen.

Die genannte Initiativgruppe aus St. Georgen berichtete Bischof Ai-chern über die unselige Situation in ihrem Ort und über ihre bisherigen Bemühungen zur Verbesserung der Lage. Der Bischof nahm sich das Anliegen sehr zu Herzen, und als er anläßlich des Diözesantages am 12. Mai in der Linzer Stadthalle zur Konkretisierung des Sozialhirten-briefes der Österreichischen Bischöfe als Sozialprojekt einen Flücht-lingsfonds für "Ausländer in Not" vorgeschlagen hatte, erntete er einen frenetischen Applaus, womit für das Sozialprojekt gleich ein diözesaner Konsens geschaffen wurde. Die Diözese Linz spendete das Startkapital von einer Million Schilling. Der Landeshauptmann Oberösterreichs hat einen namhaften Beitrag ebenfalls in Aussicht gestellt. Die erste konkrete Realisierung dieses Fonds ist eine Caritas-Außenstelle in St. Georgen im Attergau, die ihre Tätigkeit unter der Leitung einer hauptamtlichen Person am 1. August 1990 aufgenommen hatte und als Beratungs- und Begegnungsstelle zwischen Flüchtlingen und Ein-heimischen bereits voll funktioniert. Eine weitere, ähnliche Außenstelle wird im Raum Bad Kreuzen anvisiert.

Der springende Punkt bei jeder Integration ist die arbeits- und wohriungsmäßige Unterbringung. Dank der guten Konjunktur und kraft einer Vereinbarung zwischen dem Innen-und Sozialministerium im Frühjahr 1990 geht die berufliche Integration der Ausländer seit einigen Monaten verhältnismäßig leicht vor sich.

Freilich, der neuralgische Punkt der Integration, die Wohnungssuche fällt zur Zeit praktisch zur Gänze der Caritas als Institution zu. Innerhalb von zwölf Monaten richtete der Diözesanbischof dreimal Appelle an die Katholiken der Diözese, Wohnungen für die Asylanten zur Verfügung zu stellen. Dank der bischöflichen Aufrufe konnte die Caritas Linz im Sommer 1989 zirka 200 Wohnungen für die aus der Bundesbetreuung entlassenen Polen und Ungarn vermitteln. Auf den zweiten Aufruf des Bischofs im März 1990 kamen immerhin noch 40 Wohnungsangebote, die vor-nehmlich an Tschechen und Rumä-nen, die von der Regierung auf die Straße gesetzt wurden, vermittelt wurden. Ein letzter Aufruf des Bischofs im Sommer 1990 brachte effektiv nur zwei Angebote.

Obwohl ein Großteil der Reak-tionen auf die bischöflichen Aufrufe negativer Art, oft ärgste Beschim-pfungen waren, haben sie auch viel Gutes ausgelöst: Viele Ausländer fanden auch ohne Vermittlungstä-tigkeit der Caritas eine Wohnung.

In den letzten Monaten des lau-fenden Jahres dürfte die Hilfsbe-reitschaft unserer Bevölkerung nochmals auf eine harte Probe ge-stellt werden: Bis Ende 1990 sollten nämlich 250 anerkannte Flüchtlinge und eine zirka zehnfach größere Anzahl abgelehnter Asyl werber aus der Bundesbetreuung entlassen werden. Wo sie, an der Schwelle des Winters, wohnungsmäßig un-tergebracht werden sollen, darüber macht sich keine Behörde in Öster-reich Gedanken.

Nach Meinung der Sozial- und Wirtschaftsforschung braucht Österreich in nächster Zeit jährlich mindestens 20.000 Zuwanderer, um dem Bevölkerungsschwund und dem dadurch entstandenen Arbeits-kräftemangel entgegenzuwirken. Daß diese Mensehen aber auch menschenwürdig integriert und vor allem wohnungsmäßig versorgt werden müßten, darüber macht sich keine Instanz ernsthaft Ge-danken, weil eine klare Ent-scheidung für eine positive, langfristige Ein-wanderungspo-litik Stimmen-verluste bringen könnte.

Die sich immer mehr in den Vor-dergrund drän-gende "Auslän-derfrage" veran-laßte die De-chantenkonfe-renz und wenig später auch den diözesanen Pa-storalrat, sich mit diesem Thema eingehend zu beschäftigen. Im Auftrag des Pa-storalrates kon-stituierte sich Anfang 1990 ein Ausschuß Aus-länderseelsorge des Pastoralrates, dem neben Mitgliedern des Pastoralrates auch die Leitung des Fremdspra-chenreferates und Vertreter der Landesregierung und des Magistrates Linz, sowie des Landesarbeits-amtes angehö-ren. Der Aus-schuß berät re-gelmäßig die ak-tuelle Situation; er fungiert zu-gleich als Beirat des bereits er-wähnten Flücht-lingsfonds "Ausländer in Not"; vergibt die konkreten Projekte. Nach der Anregung des Ausschusses wurde der heurige Ausländersonntag als gemeinsame Begegnung der Einheimischen und Ausländer im Linzer Mariendom mit anschließenden folkloristischen Darbietungen der einzelnen Nationen mit großem Erfolg gefeiert.

Nach der Regel "Aktion löst Reaktion aus" entstanden in den letzten Jahren ein Dutzend Vereine, Interessenvertretungen und Einzelpersonen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die in Österreich lebenden oder um Asyl suchenden Ausländer zum Recht zu verhelfen. Seit zwei Jahren kommen die in Linz tätigen Gruppen zu monatlichen Beratungen zusammen und haben schon einige aufsehenerregende Aktionen gestartet, um der wachsenden Fremdenfeindlichkeit entgegenzuarbeiten. Ähnliche Gruppierungen entstanden auch im Raum Wels und Vöcklabruck. In vielen Gemeinden formieren sich, mindestens im Rahmen der Pfarre, sozial-caritative Ausschüsse, die sich der Ausländer annehmen.

Freilich, die offene Option zu-gunsten der Mitmenschen aus dem Ausland beschwört eine immer deutlichere Polarisierung in der Gesellschaft, nicht selten auch innerhalb der Kirche herauf. Jede klare Stellungnahme regt den Men-schen zum Nachdenken an, um den eigenen Standpunkt zu finden, oder gegebenenfalls zu revidieren. Wir hoffen, daß die Christen in unserer Diözese immer mehr von einer rein emotionalen Ebene sich zu einer christlichen Dimension in der Aus-länderfrage durchringen, damit die Kirche immer mehr zu einer "Zivi-lisation der Liebe" und somit zum "Sauerteig in der Gesellschaft" werde (Papst Johannes Paul IL).

Der Autor ist Nationaldirektor für die Aus-landerseelsorge in Osterreich.

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