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Die Besichtigung

Der berühmte Autor sollte demnächst seinen Siebzigsten feiern. „Warum schreiben Sie keine Kurzgeschichten mehr?“ fragte ihn der Reporter. „Sie schreiben nur noch gewichtige Romane - und sind doch mit Ihren short stories bekannt geworden. Können Sie mir den Grund dafür verraten?“

Der berühmte Autor zögerte ein wenig. „Ich glaube schon“, sagte er, „aber es ist nicht so leicht zu erklären. Ich zeige Ihnen lieber zuerst mein Haus, .ehe wir Tee trinken. Beim Tee können wir dann darüber reden.“

Der Autor erhob sich, der Reporter folgte, sie verließen das Zimmer. Schon im Flur hielt der Autor inne.

„Sehen Sie, diesen Raum habe ich nach meinem Einzug auf das Doppelte erweitern lassen. Früher konnte ich nicht knapp genug an der Straße wohnen, so glaubte ich mich mit dem pulsierenden Leben verbunden. Jetzt mag ich nicht mehr, wenn man mit der Tür mitten ins Haus fällt. Kommen und Gehen soll sich in Bequemlichkeit abspielen. Eine Wand habe ich einreißen lassen, um das Treppenhaus einzubinden. Man soll hinaufschauen können in die höheren Stockwerke bis unters Dach, das läßt freier atmen, finde ich. Aber auch die Kellertreppe gehört dazu. Warum sie verstekken? Der Besucher mag es gleich wissen: hier geht's abwärts. Ein gutes Haus ruht auf festen Gewölben.

Die Fenster waren früher bunt verglast, das hat mich gestört. Wozu das schummrige Licht? Ich wollte frei in den Garten schauen, in die Wechselbilder der Jahreszeiten und über den Garten hinaus auf die Stadt: Dächer, Schornsteine, Türme, weit drau-

ßen die Landschaft. Was ist ein Leben ohne Hintergründe, ohne Ferne? — und ein Zuhause ohne ein Panorama?

Das heißt noch nicht, daß es hier keine intimen Winkel geben solL Sehen Sie da: die Garderobe mit Tischchen, Spiegel, Kamm und Bürste. Hier wird dem Besucher Gelegenheit gegeben, sich noch einmal zu mustern, Frisur, Kragen, Krawatte zu kontrollieren. Es ist amüsant zu beobachten, wie sich dabei ein jeder dreht und wendet, der eine, um sich in die Brust zu werfen, der andere, um leisetreterisch zu liebedienern, und jeder anders nach seiner Art. Ein vielschichtiger Vorgang: man muß ihm nur Zeit geben sich zu entwickeln.“

Der Reporter räusperte sich mißbehaglich. Er versuchte sich zu erinnern, wie er sich selbst vor dem Garderobespiegel verhalten hatte, doch der Autor fuhr schon fort: „Glauben Sie nur nicht, junger Freund, daß ich nur in der Rolle des Beobachters bin und mich deshalb vielleicht sogar überlegen fühle. O keineswegs. Drehen Sie sich um und betrachten Sie dieses Büd. Es hängt von jeher da: ein Familienbild. Es zeigt die Leute, die das Haus vor mir bewohnt, es wohl auch erbaut haben. Dieser Herr mit dem Olympierkopf -imponiert er Ihnen nicht? Er scheint uns mit prüfenden Blik-ken zu messen. Bin ich denn würdig, hier als sein Nachfolger aufzutreten? Gehe ich gut genug mit seinem Erbe um? Dafür seine Frau: lieblich, freundlich, eine Grazie. Daneben der Sohn, finsterer Miene, der geborene Rebell. Da häkelt so manches zwischen den Dreien. Ich kann nicht genug bekommen, es mir anekdotisch auszumalen.

Ja, dann der Teppich hinter dem Bild: ein

Reiseandenken aus dem Orient. Nie vergesse ich den halbverhungerten Fellachen, der ihn mir hinter dem Bazar von Bagdad angeboten hat. Diebsgut vielleicht, ja, wahrscheinlich. Der Mann dauerte mich, ich wollte nicht handeln, sondern gleich bezahlen. Da kam ich schön an. Er war gekränkt, daß ich ihm das Feilschen verweigerte und damit das Gespräch. Nie ist mir klarer geworden als damals, daß Rede und Gegenrede ihre urtümlichen Werte haben abseits des Beredeten, eine Art Wechselgang jenseits aller Zwek-ke.

Gehen wir nun in den Oberstock. Nein, halt! Hier diese Truhe. Auch sie hat eine Geschichte. Eine Tante übergab sie mir, ehe sie eines Tages Hals über Kopf nach Ubersee auswanderte. Sie verriet mir nicht, was sich drinnen befand, und jahrelang dachte ich nicht daran, den plumpen Kasten zu öffnen. Schließlich tat ich es doch. Was fand ich darin? Ein Bündel uralter Banknoten, die mir kein Geldinstitut mehr einlösen wollte, sie waren seit Jahrzehnten verfallen. Ich war verzweifelt, denn ich steckte soeben in hart bedrängter Lage. Da meldete sich ein Sammler. Er war bereit, mir einen guten Preis zu bezahlen. Leider hatte ich an dem Abend zuvor den ganzen Schatz im Ofen verbrannt.

Dennoch endete die Geschichte nicht übel. Der Mann war gerührt durch mein Mißgeschick. Wir freundeten uns an. Er erzählte mir sein Leben. Es war eine Fundgrube seltsamer Motive, tragischer, komischer, tragikomischer. Er erlaubte mir, aus ihnen zu schöpfen. Ich verschmolz sie mit eigenen Schicksalen: so schrieb ich meinen ersten Roman. Aus Dankbarkeit stellte ich die Truhe hier auf. Nun aber kommen Sie.“ - Der Autor setzte den Fuß auf die erste Treppenstufe.

„Zum Tee! Bitte zum Tee!“ rief die Dame des Hauses aus dem Salon. Die Männer kehrten um.

„Sie wollten mir Ihr Haus zeigen“, ließ der Reporter etwas vorwurfsvoll vernehmen.

„Später, später!“ vertröstete ihn der Autor, indem er das erste Kuchenstück auf seinen Teller lud.

„So komme ich jetzt auf meine Frage zurück“, fuhr der Reporter fort, „warum Sie keine Kurzgeschichten mehr schreiben“, und zückte den Stift und das Notizheft, gespannt, denn dieser Frage wegen war er hergekommen.

Der Autor zog die Augenbrauen hoch. „Aber mein Bester!“ sagte er. „Wovon denn sonst hab ich die ganze Zeit gesprochen?“

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