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Die Betriebswirte haben gute Chancen

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Nach der allgemeinen Einführung heute der erste inhaltliche Teil der Serie „Matura - was nun?", die in FURCHE 17/84 begann und in weiteren sechs Folgen fortgesetzt wird.

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Nach der allgemeinen Einführung heute der erste inhaltliche Teil der Serie „Matura - was nun?", die in FURCHE 17/84 begann und in weiteren sechs Folgen fortgesetzt wird.

„Im Zweifel studiere Jus, damit kommt man in Österreich überall unter", war einer der guten Ratschläge, die man mir vor Jahren gegeben hatte. Heute ist das anders. Besonders in der Wirtschaft haben die Wirtschafts- und Sozialwissenschafter die Stelle der Juristen eingenommen.

Die typischen Juristenberufe sind somit: Rechtsanwalt und Notar, Richter, Beamter im öffentlichen Dienst und in Kammern, im Bereich der Wirtschaft Tätiger (fallende Tendenz)...

Als Rechtsanwalt hat man weiterhin Chancen, vorausgesetzt man ist bereit, Uberdurchschnittliches zu leisten, und zwar schon während des Studiums, für das nach wie vor das Doktorat als Abschluß erforderlich ist. Es empfiehlt sich auch, rechtzeitig zusätzliche Kenntnisse (vor allem über die Wirtschaft) zu erwerben. Walter Schuppich, Präsident der Rechtsanwaltskammer, empfiehlt schon den Studenten, rechtzeitig Kontakt zur Praxis zu suchen, sich um einen Ausbildungsanwalt umzuschauen. Diese Ausbildung dauert fünf Jahre, davon neun Monate bei Gericht und mindestens drei Jahre bei einem Anwalt.

Studenten sollten nicht nur die judiziellen Fächer beachten. Das öffentliche Recht (Sozialversicherung, Pensions-, Gewerberecht ... ) gewinnt an Bedeutung. Zusätzlich zur fundierten Ausbildung sollten Rechtsanwälte, die Personen und Firmen in Rechtsangelegenheiten zu beraten und zu vertreten haben, analytisches Denk- und gutes Ausdrucksvermögen haben und vertrauenserweckend wirken. Erforderlich ist auch die Bereitschaft, „mehr als 40 Stunden in der Woche zu arbeiten."

Derzeit gibt es in Österreich 2215 Rechtsanwälte und 785 Anwärter. Diese Zahl ist relativ konstant. Rund 100 Personen werden jährlich in die Rechtsanwaltsliste eingetragen.

Ähnliche Anforderungen werden an die Person des Notars gestellt, dessen Tätigkeit auf die Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten ausgerichtet ist und der daher eine Art öffentlich-rechtliche Stellung einnimmt. Deswegen ist auch die Zahl der Notariate beschränkt (etwas über 300) und der Zugang durch Warteliste von Anwärtern geregelt. Wartezeiten bis zu 15 Jahren sind nicht ungewöhnlich, obwohl zur Ausbildung eine nur siebenjährige Praxis (davon mindestens drei Jahre als Notariatskandidat nach Ablegung der Notariatsprüfung) erforderlich ist.

Rund 1500 Richter und etwa 200 Staatsanwälte gibt es in Österreich. Die Anforderungen an die

Fähigkeiten der Personen und an ihre Ausbildung unterscheiden sich nicht. Ihre Ausbildung dauert vier Jahre. Auch wer diese Karriere anstrebt, muß nach dem Studium mit der Gerichtspraxis beginnen. Nach der Zeit als Rechtspraktikant werden die Besten und Interessierten eingeladen, ihre Ausbildung zum Richter als Richteramtsanwärter (Dauer drei Jahre) fortzusetzen. Diese Ausbildung wird derzeit überarbeitet und soll in Zukunft neben dem Fachwissen verstärkt auch Psychologie und andere Hilfswissenschaften vermitteln.

Trotz notorischer Überlastung der Gerichte ist, laut Auskunft von Ministerialrat Gottfried Reissig, nicht mit einer ins Gewicht fallenden Ausweitung der Dienstposten zu rechnen. Durch

Neuregelung der Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit werden voraussichtlich heuer nur einmalig 50 neue Planstellen für Richteramtsanwärter geschaffen.

Und die Anforderungen an die Persönlichkeit? Fähigkeit, hohe Arbeitsintensität auszuhalten, guter Umgang mit Menschen und vor allem Entscheidungsfreudigkeit.

Sehr viele Juristen finden in der öffentlichen Verwaltung Verwendung. Die Vielfalt der Tätigkeiten macht es unmöglich, hier ein Berufsprofil zu zeichnen. Von den 40.000 beim Bund beschäftigten Akademikern sind 23.000 Lehrer und von den restlichen 17.000 rund 5.400 Juristen. 3.000 von ihnen sind in der allgemeinen Verwaltung beschäftigt. Die Zahl der Wirtschafts- und Sozialwissenschafter ist im Vergleich dazu gering. Ein schwacher Trend, sie anstelle von Juristen heranzuziehen, ist zum Stillstand gekommen.

Juristen werden überall dort eingesetzt, wo auch Rechtsfragen zu behandeln sind. Da die Arbeit in viele verschiedene Fachgebiete hineinspielt, müssen Juristen in der Verwaltung zur Fortbildung und zur Zusammenarbeit mit Fachleuten auf anderen Gebieten bereit und fähig sein.

Wer sich für den öffentlichen Dienst entscheidet, muß mit einer längeren Zeit der Einarbeitung rechnen. Es dauert länger als in anderen Tätigkeitsbereichen, bis man selbständig tätig werden, seine eigenen Vorstellungen verwirklichen kann, meint Sektionschef Josef Stierschneider (Personalsektion im Bundeskanzleramt). Für Juristen ist es gut -aber nicht notwendig — das Gerichtsjahr zu machen. Spezielle Vorkenntnisse werden im allgemeinen nicht verlangt, da die einzelnen Dienststellen ihre Mitarbeiter gezielt einschulen.

Auch im öffentlichen Sektor liegt die Zahl der Bewerbungen über der der offenen Stellen, mit deren Ausweitung weder beim Bund noch bei den Ländern zu rechnen ist. Aller Voraussicht nach wird der Bund weiterhin nur die durch Pensionierung anfallenden Abgänge durch Neuaufnahmen decken: jährlich rund 400 Akademiker und 700 Maturanten. Beim Land Niederösterreich sind die entsprechenden Zahlen: 30 Akademiker, davon etwa 10 Juristen (entspricht bei 1.000 Akademikern etwa den 2,5 Prozent durch Pensionierung Ausscheidenden).

Bei den Landesbehörden besteht eine Konzentration der Beschäftigung in den Zentralstellen. Allerdings werden an jeder Bezirkshauptmannschaft drei bis vier Juristen eingesetzt.

Mit einer Zunahme der Akademikerposten ist nicht zu rechnen. Beim Bund werden eher (aufgrund von Kritiken des Rechnungshofes) Akademiker- in Maturantenstellen umgewidmet werden.

In der Wirtschaft nehmen jedoch immer häufiger die Wirtschafts- und Sozialwissenschafter die Stelle von Juristen ein. Dieser stark expandierende Studienzweig findet weiterhin günstige Berufschancen vor. Sicher gibt es auch unter diesen Studien solche mit weniger Chancen: Soziologie und Statistik etwa. Nach wie vor gefragt sind aber Betriebs- und Handelswissenschaften.

Bei allen Studienrichtungen ist zu beachten, daß man sich beim Studieren nicht mit dem Absolvieren des Minimums zufriedengeben darf. Gerade bei Diplomarbeiten und Dissertationen sollte nicht der Weg des geringsten Widerstandes gegangen werden. Möglichst praxisorientierte Themen bieten dem Absolventen einen zusätzlichen Bonus bei der Jobsuche. „Heute ist das wichtiger als die Prüfung", stellt dazu Georg Piskaty von der wissenschaftlichen Abteilung der Bundeskammer fest.

Solche Diplomarbeiten bieten oft schon während des Studiums die Gelegenheit, mit Firmen in Kontakt zu treten. Empirische Erhebungen sind oft für einen möglichen späteren Dienstgeber selbst von Interesse.

Wer Betriebswirtschaft studiert, sollte für die Planung seines zweiten Studienabschnitts schon wissen, wo er später tätig sein will. Dementsprechend wäre eine spezialisierte Betriebswirtschaftslehre zu inskribieren. Es ist nicht einerlei, ob man im Kreditsektor oder im Fremdenverkehr tätig sein möchte.

Handelswissenschaften bereiten auf Tätigkeiten im Export vor und betonen stark die Sprachausbildung. Hier sollte man die klassische Kombination Englisch-Französisch vermeiden. Spanisch oder Russisch, erhöhen die Berufschancen.

Die Nachfrage nach Soziologen in der Wirtschaft ist gering. Wer sich für dieses Studium begeistert, sollte dies nicht primär unter dem Aspekt Arbeitsplatz tun. Auch hier erhöht eine praxisorientierte Diplomarbeit (etwa in Betriebssoziologie) oder zusätzliche kaufmännische oder technische Ausbildung die Berufschancen.

„Ich würde aber niemandem von einem Studium abraten", stellt Piskaty dezidiert fest und ist sich damit mit allen anderen Experten einig: Wer über seine berufliche Zukunft entscheidet, sollte sich primär fragen: „Was macht mir Spaß?" und „Wofür bin ich begabt?". Erst in zweiter Linie gilt es, die Berufschancen zu klären. ,

Jedenfalls sollte man an das Problem nicht so herangehen, daß man nach dem Berufszweig mit garantierten Chancen fragt und danach seine Entscheidung trifft.

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