7012994-1988_16_06.jpg
Digital In Arbeit

Die Christen hoffen anders

1945 1960 1980 2000 2020

Zwiespältig ist unsere Einstellung zur Zukunft: Mitten ins „No-future-Denken“ wächst die Erwartung: Wir schaffen es wieder. Wie paßt da christliche Hoffnung dazu?

1945 1960 1980 2000 2020

Zwiespältig ist unsere Einstellung zur Zukunft: Mitten ins „No-future-Denken“ wächst die Erwartung: Wir schaffen es wieder. Wie paßt da christliche Hoffnung dazu?

Christlicher Glaube ist Glaube “ an die Auferstehung Jesu. Er steht und fällt mit der Wahrheit des Apostolischen Zeugnisses, daß Jesus nicht im Tod blieb, daß er auferweckt wurde, daß er für immer beim Vater ist, daß das Grab, in das man ihn gelegt hatte, leer war und daß er selbst sich seinen Freunden als der, der lebt, bezeugt hat.

Der heilige Paulus sagte nicht: Glaubt nur kräftig und tätig, dann ist Christus auferstanden, so als ob der Glaube der Gemeinde die Wirklichkeit der Auferstehung

wäre. Er sagt vielmehr: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist Euer Glaube vergeblich. Ihr seid dann noch in Euren Sünden.“

Sowenig die Auferstehung Christi identisch ist mit dem Glauben an sie, sowenig ist sie doch auch wie die Auferstehung des Lazarus die Fortsetzung des Lebens in dieser Welt, eines Lebens, das dann schließlich erneut mit Tod endet. Dazu aber machen es jene, die die christliche Botschaft als Lehre von einer besseren irdischen Zukunft mißverstehen.

Denn eine solche endet schließlich immer wieder mit dem Tod. Von so etwas spricht die Offenba-

rung nie und nirgends. Sie sagt vielmehr genau das Gegenteil.

Sie spricht davon, daß die Jünger Jesu das irdische Schicksal Jesu teilen werden, daß zwar im Zuge der Geschichte das Reich Gottes im Verborgenen wächst wie ein Baum, der Ring um Ring ansetzt, daß aber dieser Baum am Ende doch ganz verloren dastehen wird. Sie spricht vom großen Abfall am Ende und von der Herrschaft des Antichrist, und daß selbst die Auserwählten irre würden, wenn die Tage schließlich nicht abgekürzt würden.

Die Offenbarung spricht schließlich vom endlichen triumphalen Anbruch des Gottesreiches als einem Ereignis, das analog zur Auferstehung Christi durch das katastrophale Ende der Geschichte dieser Welt eingeleitet wird. Wenn die Katastrophe sich ihrem Höhepunkt nähert, dann sollen wir uns an die Aufforderung erinnern: „Erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung naht.“ Das und nichts anderes ist die Langzeitperspektive des Christen.

Im Unterschied zu den chiliasti-

sehen und utopischen Hoffnungsideologien ist es eine Perspektive der Solidarität. Die irdischen Hoffnungsideologien setzen eine absolute Prämie aufs Späterkommen in die Geschichte. Ihre Verheißung ist: „Die Späteren werden es besser haben als die Früheren.“

Es ist erstens die Frage, ob das stimmt. Für Juden aus der Zeit Goethes waren die Juden in den Gaskammern von Auschwitz die Späteren! Aber auch, wenn wir die Verheißung der besseren Zukunft weiterhin ernst nehmen, was sagt sie denn?

Sie sagt: Den Menschen, die in Auschwitz oder im Archipel Gu-lag elend umgekommen sind, ist nicht mehr zu helfen. Aber es wird eine Welt kommen, in der „der Mensch dem Menschen ein Helfer sein wird“ (Brecht), und die dann in dieser Welt leben werden, haben Glück gehabt.

Der christliche Glaube meint kein Glück, von dem alle die Leidenden der Vergangenheit, die Gefolterten, die Opfer ungerechter Gewalt für immer ausgeschlossen bleiben, keine Seligkeit, dessen nur die zuletzt Lebenden teilhaftig werden. „Diejenigen, die, wenn der Herr wiederkommt, noch leben“, so schreibt der heilige Paulus, „werden nichts voraus haben vor denen, die schon entschlafen sind.“

Dieser Satz verbietet jede Identifikation christlichen Glaubens mit irdischen Zukunftserwartungen, durch welche die Spätgeborenen prinzipiell privilegiert werden, und zwar kollektiv. Christen glauben, daß der Jünger nicht über dem Meister steht und daß die Rettung jedes einzelnen Menschen immer die Form des Sterbens und Auferstehens mit Christus hat. Jeder muß unter Zurücklassung der ganzen Welt durch die Pforte des Todes.

Was aber jenseits der Todesgrenze wartet — beginnend schon hier für jeden, dessen Leben ein Sterben mit Christus ist —, ist unsterbliches Leben, nicht jenes etwa komfortablere sterbliche Leben, auf dessen Verheißung sich die Botschaft der irdischen Propheten schließlich reduziert...

Daß Christen ihre Heimat nicht in der Welt haben, sondern von einer Erwartung leben, die über diese Welt und Zeit hinausreicht, macht sie indessen für die Welt nicht etwa unbrauchbar. Im Gegenteil: Zwar ist „ihr Leben mit Christus verborgen in Gott“. Aber die Früchte, die aus diesem verborgenen Leben hervorgehen, sind für jedermann sichtbar. Nach dem Neuen Testament ist die Konkretisierung der% Gottesliebe die Nächstenliebe.

Christliche Hoffnung weicht nicht aus der Gegenwart in das Opium aus, das Zukunft heißt, Zukunft ist für den Christen kein Gegenstand der Spekulation und der Unruhe. Sie betrifft ihn nur, insofern die Verantwortung für sie als Aufgabe in die Gegenwart hineinreicht.

„Christentum ist nüchterner Alltag“, pflegte Karl Rahner zu sagen.

Der Christ, der hofft, glaubt nicht, wenn ihm gesagt wird: „Hier ist der Messias oder dort.“ Er glaubt keiner irdischen Heüserwartung, die sich den Glanz der himmlischen borgt.

Die christliche Hoffnung bezieht sich nicht auf ein Morgen, das gerade solange seinen Glanz behält, bis es zum Heute wird. Der Glanz christlicher Hoffnung, der Glanz der Ewigkeit, liegt von Augenblick zu Augenblick auf dem Heute, auf der Gegenwart, in der das Reich Gottes stets schon im Verborgenen beginnt. Christen beteiligen sich an der Verbesserung der Lage der Menschen auf der Erde oder auch am Aufhalten ihrer Verschlechterung.

Aber sie betrachten diese Arbeit nüchtern. Es gibt für sie Verbesserungen und Verschlechterungen immer nur im Plural — Verbesserungen in der Medizin, Verschlechterungen in der Qualität der Spülmaschinen, Verbesserungen oder Verschlechterungen in den Arbeitsbedingungen.

Es gibt nicht so etwas wie einen notwendigen Fortschritt der Menschheit im Ganzen. Das Ziel der Geschichte liegt für den christlichen Glauben nicht irgendwo in der Zukunft, sondern es ist immer schon gegenwärtig, wo ein Mensch in der Wahrheit lebt.

Ohnehin haben die Heiligen jeden möglichen Fortschritt der Menschheit überholt. Sie sind ja schon am Ziel. Sie haben auch je-

nen möglichen Fortschritt der Kirche schon überholt.

Man spricht oft von „fortschrittlichen Christen“. Dieses Wort kann nur einen vernünftigen Sinn haben, nämlich dann, wenn es bedeutet: Christen; die näher als andere bei dem Zustand sind, den die Mutter Gottes, die Märtyrer und die anderen Heiligen schon erreicht haben. Also näher bei Christus...

Die christliche Hoffnung erschien Marx und erscheint vielen Menschen als ein Hindernis beim Kampf um die Verwirklichung berechtigter Wünsche der Menschen um weltliche Befreiung. Denn diese Hoffnung tröste, so sagt man, indem sie vertröste. Wir sollten uns nicht immer so gewaltig anstrengen, diesen Vorwurf zu widerlegen.

Es ist ja gar nicht falsch, daß die christliche Hoffnung tröstet, indem sie vertröstet, das heißt, indem sie auf den Tag verweist, an dem alle Tränen getrocknet werden. Der Kranke, der während einer schmerzhaften Behandlung damit getröstet wird, daß dies am Ende zu seiner Heilung führen wird, er wird getröstet, indem er „vertröstet“ wird.

Ein Vorwurf wäre das nur, wenn die Zukunftsaussicht, die man ihm gibt, eine Illusion wäre.

Auszug aus dem Beitrag „Christliche Hoffnung und weltliche Hoffnungsideologien'4 in „Internationale Katholische Zeitschrift“ 2/88.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau