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Die Dauer im Augenblick

Wandel und Dauer der Literatur in einer sich rasch entwickelnden Gesellschaft: so könnte man das englische Originalmotto dieses 52. Internationalen PEN-Kongresses in Seoul übersetzen. Das Thema scheint mir um eine Spur zu harmlos in den Raum gestellt. Sollte sich dahinter eine Fußangel oder gar eine Falle verbergen? Würde es nicht um ein Vielfaches brisanter werden, wenn es als Fragestellung daherkäme? Wenn es nicht um „Wandel und Dauer“ ginge, sondern wenn wir uns entscheiden müßten zwischen „Wandel oder Dauer“? Ich jedenfalls höre das Motto im Ton einer Frage.

„Wandel oder Dauer“? Ein Dilemma also. Soll sich der Autor dem Wandel der äußeren Welt verschreiben (die innere ändert sich immer zu langsam) und damit vom Gewicht der Literatur noch weitere Abstriche vornehmen — vermutlich in Richtung des Journalismus, der keineswegs geschmälert, nur eben von der Dichtung deutlich abgegrenzt werden soll —, oder soll er, naiv-gläubig, auf Dauer pochen und damit von der jeweils falschen Seite als reaktionär oder, bedeutungslos-unpolitisch, als lächerlich ewigkeitslüstern abgetan werden? .

Eine lange Frage, ein langer Satz. Die Entscheidung könnte ins Auge gehen.

„Wandel“ angesichts einer „sich rasch entwickelnden Gesellschaft“, das klingt gestellt, als würde nur die Gesellschaft das Schreiben rechtfertigen — was ich bezweifle — und als müßte die Literatur sich beeilen, um nur ja recht eifrig und knapp hinter ihrer Gesellschaft einherzulaufen. Gefallenwollen und Mund- wie Marktgerecht-Sein haben einen üblen Geschmack. Damit lassen sich manche Bücher vielleicht verkaufen, aber nicht schreiben.

Wer möchte andererseits daran zweifeln, daß Literatur sich natürlich wandelt, wie ihr Material, die Sprache, sich wandelt, und wie der Mensch sich wandelt, der schreibt und liest. Dieser Wandel, der nicht bloß historisch und kulturell, sondern ebenso zwischen benachbarten Wesen desselben Augenblicks stattfindet, ist dem Leben und damit der Literatur zutiefst eigen. Er ist unvermeidlich, wie unerwünscht er manchen Ideologien auch sein mag. Binsenweisheiten, nur meint unser Thema nicht diesen Wandel, er wäre kein Anlaß zur Zusammenkunft. Wenn ein Satz formuliert wird, definieren wir damit auch ein Programm, und nur gegen dieses mögliche Programm eines Wandels gilt es sich zu wehren.

Wo Programme verordnet werden, da geht es mit der Literatur bald zu Ende. „Wandel“ als Programm, das bedeutet bestenfalls: Literatur als Spiegel. Es wird ein Zerrspiegel sein, was leider — wir alle kennen Beispiele dieser „Wandel“-Literatur — dem größtmöglichen Absatz keinen Abbruch tut. Modische Bücher verkaufen sich am besten, Eintagsfliegen summen am lautesten; die

Verlagsankündigungen haben es leicht mit solcher Literatur.

Nur hat sie einen entscheidenden, tödlichen Fehler. Weil sie gesellschaftliche Veränderungen nur spiegelt, ihnen also entsprechen muß, hinkt sie hinter dem Leben einher. Das Hinter-dem-Leben-Einherlaufen beherrscht die Presse sehr viel besser als die Literatur, die in dieser Verlok-kung ihre Chance verschenkt. „Wandel“ als Postulat eines angeblich zeitgemäßen Schreibens wäre Betrug, so wenig es das Gegenteil, also eine beständige, permanente, „dauernde“ Literatur geben kann. Versteinerte Literatur wäre keine. Literatur ist dem Leben, das zu beschreiben sie vorgibt, immer um einen Bruchteil des Weges voraus.

Wir wissen, wo und wie „Wandel“ gern diktiert wird. Muß man gar Theorien aufzählen? Und doch denke ich dabei nicht nur an die sogenannte eine Hälfte unseres Planeten. Auf der anderen, grüneren, gelten bloß andere Diktate, die uns „Wandel“ aus Gründen der Mode, der Popularität, der angeblichen Bedeutsamkeit, des Absatzes und anderer literaturferner Gründe ans Herz legen. Diktate sind sie trotzdem.

Zur anderen Seite der Alternative also: „Dauer“. Ist jede Permanenz nicht a priori furchterregend? Verbirgt sich dahinter nicht das Bild des Elfenbeinturms? (Wir sind keine Hölderlins: Unsere Elfenbeintürme sind fast immer verlogen und verbrecherisch, ganz abgesehen davon, daß Hölderlin sich der Welt direkter stellte als irgendwer.)

Ist jeder Versuch, in den Elfenbeinturm zu kriechen, nicht eine Sünde, weil er das krasse Leid und die unendlichen Unzulänglichkeiten unserer Menschenwelt beleidigt und verhöhnt? Ist einer, der schreibend auf „Dauer“ schielen möchte, nicht von vorneherein ausgewiesen als ein falscher Priester, ein Scharlatan? Und ging und geht es der Literatur, gerade der wichtigsten, der zeitüberdauernden, nicht immer um Tagesthemen, um sterbliche Substanz ohne Anspruch auf Beständigkeit? „Dauer“ als Programm, auch dies ist Unsinn.

Günter Grass hat recht, wenn er die uralte Hoffnung aller Dichter vom Beginn der Zeiten bis gestern, wenigstens von der Nachwelt verstanden zu werden, dem heute Schreibenden als falsche Illusion verwehrt. Was nicht sofort „ankommt“, sagt Grass, wird erst recht nicht in irgendeiner Zukunft aufgenommen werden. Die sich täglich steigernde Schnelle-bigkeit unserer Zivilsation verbietet diese Hoffnung. In der Tat, wo Bücher nur noch nach „Saison“ gemacht, besprochen, angeboten und gelesen werden, was soll da Hoffnung auf die ausgleichende Gerechtigkeit des Geistes? Es genügt, sich den westlichen Literaturbetrieb nur anzusehen, um den Begriff der „Dauer“ als betäubenden Spott zu begreifen. Keine Zensur diktatorischer Staaten räumt gründlicher mit solchen Werten auf als unser freies westliches Marketing. Außerdem glaube ich nicht, daß sogenannte „zeitlose“ Bücher derzeit unserem schwerkranken Zustand helfen könnten. Wir brauchen radikale Operationen und Bücher wie diese, brutale Eingriffe also.

„... in unsere Gesellschaft.“ Da sind wir angekommen beim letzten Reizwort der langen Tagungsüberschrift. Die Gesellschaft, jede Gesellschaft, verändert sich, das heißt, sie wächst, sie blüht, sie stirbt ab. Vielleicht sollte man auch dieses Absterben hinnehmen, wo es sich zeigt. Auch darin liegt Kraft. Anders gesagt: „Wandel“ ist ein Teil des Lebens ebenso wie die „Dauer“. Mit Literatur hat das gar nichts und alles zu tun.

Wozu dann Worte? Weil uns die Literatur, die aus Worten besteht, nicht nur ein Teil des Lebens ist, sondern das Leben an sich. Der „Wandel“ ist dem Leben eingeschrieben und die „Dauer“ vorgezeichnet. Ein Programm, selbst eine Option zum einen oder zum anderen, sollten wir ablehnen. Bedenken wir doch: Literatur, die „dauern“ möchte, gerät in Rückstand zu ihrer Zeit, oder sie wird verlogen. Die Strafe dafür ist Unerheblichkeit.

Literatur, die um jeden Preis die Veränderung, den „Wandel“ sucht, wird zum Laufburschen der Stunde. Sie wird an Kurzatmigkeit zugrunde gehen. Chancen hätte eine Literatur, die — besser aus naivem Aufschrei denn aus Berechnung—Fragezeichen an ihre Gesellschaft hängt. Und wenn es ihr gar gelingt, das halbtot geschundene Wort „Gesellschaft“ wegzulassen und zu ersetzen mit dem Menschen, dann hätten wir einen neuen Schreibtisch gezimmert, auf dem, wie gestern einmal, auch heute Und morgen geschrieben werden kann.

Gekürzter Text des Referates vor dem 52. Internationalen PEN-Kongreö vom 28. August bis 2. September in Seoul, Korea.

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