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Die Deklassierung hat System

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Ist einer der wertvollsten Versuche, Österreichs Jugend mit der Buchkultur zu konfrontieren, am Ende? Fast hat es diesen Anschein: denn die Streikmaßnahmen der Lehrer haben eine Institution getroffen, die es am wenigsten verdient, für den Konflikt zwischen Regierung und Lehrergewerkschaft zu Schaden zu kommen. Tatsache ist jedenfalls, daß der Buchklub bereits alle seine Angestellten gekündigt hat und einen Ausfall seiner Jahresproduktion nicht verkraften kann. Aber es geht nicht nur um diese Einrichtung der Jugendbildung: die Krise steckt tiefer.

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Ist einer der wertvollsten Versuche, Österreichs Jugend mit der Buchkultur zu konfrontieren, am Ende? Fast hat es diesen Anschein: denn die Streikmaßnahmen der Lehrer haben eine Institution getroffen, die es am wenigsten verdient, für den Konflikt zwischen Regierung und Lehrergewerkschaft zu Schaden zu kommen. Tatsache ist jedenfalls, daß der Buchklub bereits alle seine Angestellten gekündigt hat und einen Ausfall seiner Jahresproduktion nicht verkraften kann. Aber es geht nicht nur um diese Einrichtung der Jugendbildung: die Krise steckt tiefer.

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Jedermann weiß hierzulande, daß die Österreicher kein Volk von Lesern sind. Nicht nur die Skandinavier und die Angelsachsen, vor allem aber die Franzosen, halten mehr vom Dichter und vom Buch; auch die kommunistischen Oststaaten pflegen aus naheliegenden Gründen eine spezifische Buchkultur, die das kümmerlich vegetierende österreichische Pflänz-chen weit in den Schatten stellt.

Das erste Alarmsignal war der Verzicht auf die Anwendung des bestehenden Bundesgesetzes zum Schutz der Jugend (Schmutz- und Schundgesetz) vom 31. März 1950. Unterwer-tiges Schrifttum, von den ausländischen Comics bis zu den importierten Pornoillustrierten, ist heute bei jedem Kolporteur und Verschleißer ohne Einschränkung erhältlich und bietet sich marktschreierisch an.

Der Vorgeschichte erster Teil lautet also: Man hält den österreichischen Leser, der im Grunde keiner ist, für mündig, jede Menge unter-wertigen Schrifttums ohne Schaden wöchentlich zu konsumieren. Anders ausgedrückt: Man hat aus Skandinavien nur den lasziven, bequemen Teil der Liberalisierung importiert. Was in den nordischen Staaten für die alternative Buchkultur ungleich mehr getan wird, wurde uns nicht zum Vorbild; etwa die besondere Stellung des Schulbibliothekars in Dänemark, der den Großteil seiner wöchentlichen Lehrverpflichtung (17 Stunden) ausschließlich seiner Tätigkeit als Kustos widmen kann. Seine geringfügige unterrichtliche Verpflichtung dient lediglich zur Aufrechterhaltung des lebendigen Kontakts zwischen der pädagogischen Arbeit mit dem Kind und der Kustodentätigkeit in der Bibliothek. In Bulgarien ist die Einrichtung hauptamtlicher Schulbibliothekare an größeren Schulen Selbstverständlichkeit.

Im Lichte dieser internationalen Aspekte müßte man bei Einführung der Gratisschulbuchaktion zunächst fürchten, die österreichischen Eltern würden nun, da man ihnen die Lehrbücher schenkt, auch ein persönliches Aufkommen für private Lektüre guter Qualität ablehnen. Man würde gewissermaßen das Geld vorwiegend in Comics und Pornoillustrierte investieren. Das Beispiel des österreichischen Buchklubs der Jugend, der von den Streikmaßnahmen der Lehrergewerkschaft unmittelbar betroffen ist, weist in die andere Richtung: Die Mitgliederzahl des zu Ende gehenden Schuljahres unterscheidet sich nicht wesentlich von jener des Vorjahres 1971/72 (850.000 : 840.000).

Das bedeutet zweierlei:

1. Die Lehrerschaft hat die Gefahr erkannt und die Buchklubwerbung intensiv betrieben.

2. Die Eltern schätzen es, wenn sie durch reich illustrierte Jahrbücher und Auswahllisten einen yicheren Führer durch die Fülle des Buchangebotes finden, das im Buchhandel zudem für Mitglieder um 25 Prozent verbilligt abgegeben wird.

Nun ist der österreichische Buchklub der Jugend nicht nur eine Institution, die den Kindern über die Eltern mit Hilfe der Lehrer guten Lesestoff verbilligt zugänglich macht. Im Laufe der 25jährigen Geschichte ist auch die Literaturpädagogik, also die unterrichtliche Auswertung des Jugendschrifttums, weiterentwickelt und spezialisiert worden. Der Bogen reicht hier von Hilfestellungen an die Lehrer zur Leistungsmessung im Lesen (Leserpässe) bis zu pädagogischen Arbeitsblättern mit Anleitungen zur unterrichtlichen Verwertung des reichen Jugendschriftenange'oots in deutscher Sprache. Weit über den

Deutschunterricht hinaus kann der Unterricht nicht nur in Geschichte, sondern auch in den Realien durch Einbeziehung von Jugendschriften und Sachbüchern verlebendigt und vertieft werden. Im Wege des Buchklubs der Jugend ist eine Verbindung zwischen schulischer und Heimlektüre geschaffen worden. Von der ursprünglich zentral geführten Schulbücherei führt der Weg über die Klassenbücherei in jeder Schulstube zur Heimbücherei des Kindes in der Familie.

Der Lehrerschaft steht auf Grund ihrer Buchklubtätigkeit kostenlos das Lehrerjahrbuch „Die Barke“ mit einem literarischen und einem pädagogisch-methodischen Teil zur Verfügung. Ferner wird die Vierteljahresschrift „Jugend und Buch“ mit pädagogisch orientierten, in Karteikartenform publizierten Besprechungen des laufenden Jugendschriftenangebotes gewidmet. Auch die pädagogische Schriftenreihe, meist als Sonderdrucke des zweiten Teiles des Lehrerjahrbuches „Die Barke“ erschienen, wird allgemein, vor allem aber den Pädagogischen Akademien ebenso kostenlos gewidmet wie die eben genannten Publikationen.

Im Wege der fördernden Elternmitgliedschaften (Elternjahrbücher), der Wertlotterien und weiterer Aktionen (nicht beanspruchte Freimitgliedschaften für 10 Prozent der Schülerzahl) wurden den Schulen zum Auf- und Ausbau der Schul-und Klassenbüchereien Jugendschriften im Millionenwert gewidmet. Die schulerhaltenden Gemeinden und Geldinstitute konnten im Zuge dieser Aktivitäten motiviert werden, von sich aus ein übriges für die schulische Lektüre zu tun.

Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß der Riesenabsatz unterwertigen Schrifttums auch im lückenlosen Verteilerapparat bis in die letzten Landweiler begründet ist. Den 500 voll funktionsfähigen Buchhandlungen, Verteilerstellen des hochwertigen Schrifttums, stehen 15.000 Verschleißer der Kolportageliteratur gegenüber. Das ist ein Mißverhältnis von 1:30. Der Buchklub bringt daher im Wege seiner Bezirksreferenten Ausstellungskollektionen seiner Listenbücher in entlegene Landgemeinden, die auf Grund großer Entfernungen keinen Kontakt zu Buchhandlungen haben. Damit werden die Bücher und Kleinschriften nicht nur in den Jahrbüchern und Auswahllisten präsentiert.

Die Versäumnisse

Lang vor Beginn dieses Lehrerstreiks hat der österreichische Buchklub der Jugend auf einer wissenschaftlichen Enquete zur Lesesituation am 22./23. 2. 1971 auf die geschilderten Probleme hingewiesen. Es wurde im Ergebnisprotokoll die Forderung erhoben, den Schulbibliothekaren eine der Klassenzahl entsprechende Stundenermäßigung nach internationalem Vorbild zu gewähren. Dabei sollte die Funktion des Schulbibliothekars vom jeweiligen Buchklubreferenten wahrgenommen werden. Das wäre ein erster Schritt zu einer Trendumkehr der österreichischen Kulturpolitik gewesen: zumindest langsam und allmählich von der materiellen und ideellen Privilegierung der reproduzierenden Künste zu einer verstärkten Förderung des Buches und damit einer Verbesserung der Stellung des Dichters in Österreich zu gelangen. Indessen läßt die Kulturpolitik der österreichischen Bundesregierung eine solche Tendenz nicht erkennen. Der Liberalisierung auf dem Sektor des unterwertigen

Schrifttums steht keinerlei Eemühen gegenüber, die alternative Euchkul-tur zu stärken und den Heranwachsenden für die schrankenlose Konfrontation mit Gewalt und Sex mündig zu machen. Für dieDeklassierung des Dichters in einem Land, das wie Österreich mit poetischen Begabungen so reich ausgestattet ist, gibt es kein internationales Beispiel. Während des bisherigen Verlaufs des Lehrerstreiks ist von keinem Mitglied der Bundesregierung zum Ausdruck gebracht worden, daß man im Kabinett diese Problemstellung erkannt hat.

Die Exponenten der Standesorganisation der Lehrer haben zunächst die Bedeutung von Institutionen wie Buchklub der Jugend und Theater der Jugend als Druckmittel auf die Bundesregierung überschätzt. Sie haben schließlich die materiellen Schäden unterschätzt, die diesen Institutionen bei länger anhaltenden Streikmaßnahmen erwachsen müssen. Diese stehen in keinem Verhältnis zu dem materiellen Streikziel einer monatlichen Verwaltungszulage, die nach Lage der Dinge kaum 400 S überschreiten dürfte.

Im Falle des österreichischen Buchklubs der Jugend wird die ausgedruckte Auflage der Jahrbücher

(1 Million) mit Ferienbeginn versandfertig gemacht. Schon ein Hinausziehen der Streikmaßnahmen in den September schafft unlösbare Lagerprobleme im Magazin des Buchklubs selbst und durch den Rückstau auch bei den Buchbindereien und Druckereien. Je länger die Streikmaßnahmen sich in den Herbst ziehen, umso größer wird der Ausfall an Mitgliedern und damit die Anzahl der unanbringlichen Jahrbücher. Der Schaden kann im Extremfall mit 16 Millionen S beziffert werden, was bei einem Bilanzvolumen von 21 Millionen das Ende des Buchklubs der Jugend bedeuten muß.

In einer Denkschrift an die Bundesregierung, die Lehrergewerkschaft, die Schulaufsicht, die Buch-klubreferenten und die Elternverbände schildert der Buchklub ausführlich nicht nur seine eigenen Probleme, sondern auch den symptomatischen Charakter für die Untiefen der österreichischen Kulturpolitik im allgemeinen und die Deklassierung der kreativen Künste, des Dichters und des Buches im Besonderen.

Die Bundesregierung hat daher allen Grund, ihre kulturpolitische Generallinie kritisch zu überprüfen. Die Lehrerschaft wird sicher aus ihrer pädagogischen Praxis heraus Überlegungen anstellen, welche Methoden zielführender sind als die Gefährdung einer von ihr selbst in 25 Jahren mühsam aufgebauten Erziehungsinstitution.

So ist der österreichische Buchklub der Jugend in seiner 25jährigen Geschichte zu einem Beweis dafür geworden, daß das musisch hoch begabte österreichische Volk sehr wohl bei entsprechenden staatlichen Anstrengungen zu einem Volk von Lesern erzogen werden könnte. Die scharfe Frontstellung zwischen Bundesregierung und Lehrergewerkschaft ist indessen der Beweis dafür, daß auch der andere, negative Weg offen ist: der Sieg der Diktatur der Quantität (des Unterwertigen) in einer Gesellschaft, der die Grenzen von der Freiheit zur Willkür fließend geworden sind. Mögen dies alle, die für die staatsbürgerliche Erziehung in diesem Land verantwortlich sind, gebührend bedenken. Die Zukunft unserer Jugend wird ihr Prüfstein sein.

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