6925911-1982_11_08.jpg
Digital In Arbeit

Die Dichter Polens träumen frei

19451960198020002020

Uneingestanden ideologisch und intolerant erscheint die deutschsprachige christliche Lyrik gegenüber den unbekümmerten polnischen Gedichten und Gebeten.

19451960198020002020

Uneingestanden ideologisch und intolerant erscheint die deutschsprachige christliche Lyrik gegenüber den unbekümmerten polnischen Gedichten und Gebeten.

Miteinander zusammengedrängt durch die äprache, bestehen wir in der Tiefe der eigenen Wurzeln... Von der Schönheit der eigenen Sprache ergriffen, fühlen wir keine Bitterkeit, daß auf den Märkten der Welt unsere Gedanken, wegen des hohen Preises der Worte, nicht gefragt sind", schrieb Stanislaw An-drzej Gruda in seiner Betrachtung „Wenn ich Vaterland denke" (1979). Später erfuhr man, daß Gruda mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyla hieß. Der war einige Monate zuvor in Rom Papst Johannes Paul II. geworden.

Karl Dedecius, der große Vermittler der polnischen Literatur, hat sich in den letzten Jahren auch um die religiöse Lyrik gekümmert. Nach den Gedichten Karol Wojtylas hat er eine Sammlung zeitgenössischer geistlicher Lyrik herausgegeben und übertragen. Der Titel „Glaube Hoffnung Liebe", bildlos und erhabenst die drei „göttlichen" Tugenden setzend, wäre — obwohl er Sprechhaltung und Sprechrichtung genau bezeichnet — für einen deutschen Lyrikband nicht denkbar.

Einmal vorausgesetzt, eine vergleichbare Substanz wäre vorhanden: „Verstaubte Begrifflichkeit" würde ein Lektor mit Blick auf Kollegen sagen. „Unverkäuflich", sagten Verlagsvertreter und Buchhändler. „Das ginge", sagten Kritiker nach Horvath, „allenfalls für die parodistische Schublade." Aber von Parodie, Ironie, Satire und anderen tieferen Bedeutungen kann in diesen Gedichten die Rede nicht sein. „Glaube Hoffnung Liebe" meinen die sprachlich gestaltete Beziehung wacher Menschen zur Wirklichkeit.

Wer vergleichbare Sammlungen deutscher christlicher Lyrik aufschlägt (z.B. „Rufe"), notiert vorab zwei Sprechrichtungen: bekenntnishafte Gedichte der Seele und Verstexte mit forciert gesellschaftskritischer Tendenz. Die frommen Gedichte stammen mehr von älteren, die gesellschaftskritischen von jüngeren Autoren und Autorinnen. Die Gefahr der einen ist eine spannungsschwache Innerlichkeit, die Gefahr der anderen forsches Moralisieren, intellektuelles Besserwissen. Als mittlere Möglichkeit taucht die Nachricht im Predigtton auf. Da sie im weltlichen Kontext bereits gehört wurde, löst sie, erbaulich vorgebracht, eher Langeweile aus.

Die einstige religiöse Naturlyrik (bis zu Elisabeth Langgässer,Heinz Piontek) ist in eine manchmal säuerlich gewordene Aufklärungslyrik umgeschlagen; an die Stelle des metaphysischen Tons (bei Gertrud von Le Fort, Reinhold Schneider) trat eine Art Demonstrationslyrik. Die deutsche geistliche Lyrik wird von deutscher Antithetik bedrängt. Man verbindet mit der eigenen Position meist uneingestanden ideologische (orthodoxe) Reinheit, begegnet der anderen mit Intoleranz.

Die polnische geistliche Lyrik erscheint mir in dieser Hinsicht freier, unbekümmert um die Positionen „fromm und unaufgeklärt", „aufgeklärt, aber nicht mehr fromm". Sie ist nicht belastet von Programmen wie „Lyrik konkret" oder „Parlandoton".

Wer meditieren mag, meditiert. Wer beten mag, betet (sehr häufig). Wer Biblisches neu betrachten mag, betrachtet. Wer erzählen mag, erzählt. Wer sich selbst deutlicher und konzentrierter sehen möchte, schreibt ein „Selbstbildnis". Wer die polnische Madonna ansprechen mag, spricht sein Herz aus. Wem nach Briefeschreiben zumute ist oder nach einem Gespräch, der schreibt und spricht. Die alten Worte scheinen noch zu gelten. Sie taugen für die Beschreibung eines persönlichen, sozialen, kirchlichen Wirklichkeitsfeldes.

In der deutschen geistlichen Lyrik der Gegenwart ist sozusagen allgegenwärtig die Gesellschaft, in der polnischen die Kirche. Jene ist kalt („Gegen die alles beherrschende Kälte" Dorothe Solle), diese belebt, kommuniziert, wärmt. „Ich möchte die Kirche beschreiben — meine Kirche, die zusammen mit mir geboren ist — aber mit mir nicht stirbt..." (Karol Wojtyla).

In Polen hat es die Konflikte zwischen Arbeiterschaft und Kirche, auch zwischen Intellektuellen und Kirche nicht gegeben. Die polnische Nation hat mehrfach in der Geschichte ihre Freiheit verloren, aber niemals ihre Identität. Nation, Sprache, Gegenwart, Kirche, sie gehören zusammen. Die Kirche ist nicht schuldig geworden. Intelligenz und Theologie haben sich bisher von der Basis des Volkes nicht entfernt. Wie es keine einseitige Hirntheologie gab, so gibt es auch keine einseitige Hirnlyrik. Und die „weltlichen" geistigen Kräfte mußten sich offenbar nie so krampfhaft entschieden von den „geistlichen" absetzen. Man muß sich diese anderen kulturgeschichtlichen Voraussetzungen verdeutlichen, wenn man polnische Lyrik liest.

Unter den „geistlichen" Lyrikern des Dedecius-Bandes befinden sich namhafte weltliche Autoren: Tadeusz Rözewicz, Zbi-gniew Herbert (korrespondierendes Mitglied der Bayrischen Akademie der schönen Künste), der

Nobelpreisträger Czeslaw Milosz, der in Berkeley lebt, die Suhr-kamp-Autorin Wislawa Szym-borska.

Als vorab „geistliche" Autoren bekannt sind Roman Brandstaet-ter (er soll auf dem Katholikentag 1982 in Düsseldorf lesen), der Priester und Lyriker Jan Twar-dowski und natürlich Karol Wojtyla. Mit nur fünf Autorinnen sind die Frauen schwächer vertreten. Bisher mit keinem Buch im Westen bekannt ist der Lyriker und Priester-Professor Janusz St. Pa-sierb. Er studierte in Rom und Freiburg/Schweiz, doziert heute Kunstgeschichte in Warschau.

Karl Dedecius teilt den Band „Glaube Hoffnung Liebe" in I. „Gedichte Geistlicher" und II. „Geistliche Gedichte" ein. Dies zeigt zwar, daß in den Gedichten der Geistlichen noch mehr gebetet und noch öfter die Madonna angerufen wird, läßt aber sprachlich und thematisch kaum Unterschiede erkennen. Ich hätte eine Anordnung, die mehr zeigen kann, vorgezogen.

Doppelt so häufig wie Jesusgedichte begegnen einem Mariengedichte (sie sind hierzulande in der anspruchsvollen Lyrik fast ganz verstummt). Als Madonna, als Mutter Gottes, als Herrin von Tschenstochau, als Trösterin, Helferin, immerfort zu Grüßende ist sie die mystisch, nämlich durch erinnernden Glauben, gegenwärtige göttliche Frau.

Als „Schild meiner Tage" ruft Schwester Nulla (gestorben 1945, umgekommen?) sie im Stil der Lauretanischen Litanei an. Zur „Mutter mit den traurigen Augen" „auf dem Hellen Berg von Tschenstochau" betet der 1947 geborene Waclaw Oszajca: „sagen wir lieber nichts/und schmiegen uns nur/Gesicht an Gesicht".

Ungefähr die Hälfte der vorgelegten Gedichte sind Gebete. Sie strahlen mit der Stärke des Glaubens eine wundersame Wärme des Herzens aus. Denuntiationen, Zweifel, Schleuderwut, bitter gewordene Resignation, Klassenkämpfe (reich — arm), Gruppenkämpfe, Obrigkeitskämpfe fehlen in den Gedichten ganz. Es scheint, als sei der Sprecher dieser Gedichte — wie in den Psalmen, doch mehr individuell— jedesmal der Arme aus dem Volk. Bitte, Vertrauen, Dank, meditierender Glaube und schauendes Schweigen sprechen aus der Haltung fast aller Gedichte.

Was ich in den ausgewählten Gedichten dennoch vermisse, sind Naturgedichte aus einem religiösen Grundbewußtsein (bei uns erscheint Natur fast nur noch im Kampf gegen ihre Zerstörung). Auch politische Gedichte, nicht aus einem utopischen Horizont, sondern aus gezieltem Engagement, hätte ich erwartet.

Kommen Sozialismus als System oder Option, die weltpolitischen Fronten, die kommunistische Partei oder Parteinahme für Geschehnisse in der Dritten Welt, der lang unterschwellige und inzwischen offen ausgebrochene Kampf um die bürgerlichen Rechte in „geistlichen Gedichten" tatsächlich nicht vor? Oder liegt es an der Auswahl? Sind religiös motivierte politische Gedichte nicht nur vom Staat unerwünscht sondern auch von der Kirche? Können sich die kirchlichen Publikationsorgane eine solche Auseinandersetzung nicht erlauben, so daß ein deutscher Ubersetzer sie auf normalen Wegen nicht zu sehen bekommt? Gibt es keine „Samisdat"-Lyrik? Mußte der auf Kooperation und gute Kontakte angewiesene Herausgeber Rücksicht nehmen?

Gern hätte ich als Leser im Nachwort Fragen über die Breite des lyrisch-literarischen Feldes, Andeutungen über Bedingungen der literarischen Öffentlichkeit und Verteilung erfahren. Mit Twardowskis Auffassung von „authentischer Glaubenslyrik" als ,J_Jebeslyrik", mit der Einführungsüberschrift „mysteriosum et fascinosum", mit dem abschließenden Geleit „tremendum et nominosum" hat der Herausgeber die Auswahl doch etwas ins Überzeitliche stilisiert. Gibt es gar keine Reflexe streitbarer Auseinandersetzungen?

Dedecius hat als Herausgeber und als einzigartiger Ubersetzer dem deutschsprachigen Leser eine eindrucksvolle Sammlung polnischer geistlicher Lyrik vorgelegt. Muß es eine Wunschvorstellung bleiben, daß eines Tages polnische und deutsche Autoren/Autorinnen einander ihre Texte lesen und miteinander sprechen? Wäre die Begegnung am literarisch-politischen Rand nicht eines katholischen oder evangelischen Kirchentages würdig?

GLAUBE HOFFNUNG LIEBE. Geistliche Lyrik aus Polen nach 1945. Hrsg. und übertragen von Karl Dedecius. Patmos Verlag Düsseldorf. 98 Seiten, gebunden. öS 129.40.

Der Autor lebt als freier Schriftsteller und Literaturkritiker in München.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau