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Die eigenen Kinder - ein unwiederholbares Erlebnis

Meine Kinder sind keine Kinder mehr. Zwei Söhne über 20 und keine - nicht einmal eine - Tochter, das sind die drei Eckpfeiler meiner väterlichen Identität. Der jüngere Sohn wohnt noch zuhause. Der ältere ist letztes Jahr ausgezogen, geht aber allein und mit seiner Freundin regelmäßig bei uns ein und aus.

Hie und da denke ich, es sei ein Glück für mich, nicht mein eigener Sohn gewesen zu sein. Dann halte ich mir wieder zugute, als Vater getan zu haben, was ich konnte - ohne alles gekonnt zu haben, was ich tat. Denn wo lernte ich, Vater zu sein?

Nirgends als mit und von den Söhnen, und nur durch sie. Sie waren die Lehrenden, ich der Lernende. Diese Vaterschule kann durch keine Väterschulen ersetzt werden. Zwar kann man auch dort einiges holen. Aber nicht der Hobel macht den Schreiner und nicht das Handwerk den Künstler, obwohl beides zusammengehört.

Vom eigenen Vater habe ich viel mitgenommen, nicht wie man es macht, sonder wie er Vater war. Aber das hat auch er teilweise von mir gelernt. Als ich so alt war wie meine Söhne, muß das für ihn ziemlich hart gewesen sein.

Vatersein ist eine Beziehung nicht zu irgendwelchen, sondern nur zu ganz bestimmten Kindern. Es liegt vor allen Rollen, läßt sich also nicht reduzieren auf eine Rolle mit einem austauschbaren Träger. Kein Dritter kann es einem beibringen. Existenzerfahrungen dieser Art sind nicht mitteilbar. Da geht es um Vollzüge von Existenzen dieses Vaters und dieses Sohnes, dieser Tochter.

Was dabei geschieht, ist unwiderruflich und einmalig, nicht wiederholbar und deshalb ist verpaßt verpaßt.

Das sind späte Einsichten, immerhin Beweise - wenn auch langsamer-Lernfähigkeit. Glaubte ich doch lange, ich hätte zu lehren und nicht zu lernen. Nun angelangt bei der Kybernetik der Vater-Kind-Beziehung mit ihren Rückbezüglichkeiten halte ich alle Erziehung im Einwegverfahren für verkehrt. Durch solche Erziehung verlernen die Kinder viel, im schlimmsten Fall sich selber. Sie gelten dann zwar als der erwünschte Normalfall, nämlich als wohlerzogen, angepaßt, genormt, unauffällig. Gute Eltern haben sie gehabt, sagt man ihnen als Verdienst nach. Sie tragen deren Stempel - und was sonst?

Soweit habe ich meine Söhne -und mich - gottlob nicht gebracht. Jeder hat sich auf seine Weise gegen die meinerseits vorhandenen und sogar ernsthaft gemeinten Versuche tapfer, und bei nüchterner Beurteilung erfolgreich, gewehrt. Wir, Söhne und Vater, sind immer noch am Lernen unserer selbst....

Leib, Seele und Geist sind Teilaspekte, Ansichten also, die sich bieten, wenn ich meine Ganzheit innerhalb meiner eigenen Haut, so wie ich damit Erfahrungen mache, verstehen will.

Aber, ob ich sie verstehe, ob sie auch für mich ein Ganzes sind, hängt mit meinem Vater zusammen. Hat er mich in meinem Sosein angenommen und so mich mir gegeben? Hat er von Anfang an und dann immer wieder von neuem, zu mir Ja gesagt? “Ja“ heißt, Du darfst sein, Du hast Lebensrecht, so wie Du bist. “Nein“ spricht dieses Recht nicht zu oder sogar grundsätzlich ab.

Im römischen Altertum war es für das Kind eine Frage auf Leben und Tod, ob der Vater anfänglich und dann immer wieder zu ihm Ja sagte... So gewaltig sind wir heutigen Väter, Gott sei's gedankt, nicht mehr. Und doch ist etwas davon geblieben.

Es ist für das Kind, mindestens für sein psychisches, im Grenzfall aber auch für sein physisches Leben eine Frage von Sein oder Nichtsein, daß der Vater zu ihm Ja sagt. Für den Vater seinerseits liegt darin der soziale Grundakt des Vaterwerdens und -seins.

“Dies ist mein geliebter Sohn (dies ist meine geliebte Tochter), an dem (an der) ich mein Wohlgefallen habe.“ So vermittelt ein Vater sein Kind sich selber.

Wir alle kennen Beispiele, wo das nicht oder nur halbherzig geschieht. Ein Mädchen sollte z.B. ein Junge, ein Junge ein Mädchen sein. Wer soll sich da im eigenen Geschlecht heimisch einrichten können ? Man ist nicht, was man ist. Zwischen Selbstmordoderirgendeiner Schizophrenie zu wählen bleibt da oft als einziger Ausweg... Auch das kommt vor, daß Väter gekränkt darüber sind, wenn ihre Abkömmlinge nicht so gut, oder besser als sie sind.

Zum Kind Ja sagen ist ein und dasselbe, wie zwischen sich und dem Kind eine Grenze ziehen: Du bist Du und ich bin ich. Wer Nein zum Kind sagt, meint etwas anderes: Du bist nicht und ich bin ich.

Grenze setzen, Grenze sein -das scheint eine grundlegende Aufgabe des Vaters zu sein. So legt er den Grund zum Selbstsein des Kindes. Mit dem Kind zu einem Organismus zu verschmelzen ist die große Gefahr für die Mütter, die kleinere bis fast unmögliche für die Väter. Um die Gefahr der Mütter und für die Mütter zu bannen, ist der Vater wichtig. Er trennt Mutter und Kind, daß sie nicht ineinander verwachsen.

Ob das gelingt, im Dreieck Mutter-Kind-Vater einen Ausgleich zu finden, hängt nicht allein an der Qualität der Vater-Kind-Beziehung, sondern auch an der Hin- und Herbeziehung Vater-Mutter.

Oft möchten Väter Anteil an der Familie nehmen. Aber Frauen geben ihnen diesen Anteil nicht. Die Familie ist ihre Domäne, ihr kleines Großreich. Viele Männer überschreiben ihnen sämtliche Anteil daran. Es herrscht radikale Trennung der Kompetenzen.

Wenn Mann und Frau sich entfremden, besteht die Tendenz, daß die Frau sich umso mehr an die Kinder hält • und auch diese dem Vater fremd werden, befremdet sindihmgegenüber. Was ich damit sagen will, ist einfach: Wie der Vater Vater sein kann, hängt auch von der Mutter ab insofern, als sie ihm Anteil gibt an der Familie.

Auazüge aus Ausführungen bei einem Seminar zum Thema Vater* im Bildung * hauiNeuwnldegg in Wienau Protokolle“

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