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Die Einheit schafft der freie Mensch

1945 1960 1980 2000 2020

In einer Adventansprache vor der Katholischen Hochschulgemeinde Wien nahm der Wiener Erzbischof jüngst zum Verhältnis von Glaube und Wissenschaft Stellung.

1945 1960 1980 2000 2020

In einer Adventansprache vor der Katholischen Hochschulgemeinde Wien nahm der Wiener Erzbischof jüngst zum Verhältnis von Glaube und Wissenschaft Stellung.

Das Geheimnis der Welt und des ganzen Universums zu erforschen, liegt in der Natur des Menschen. Denn die menschliche Vernunft ist auf Wahrheit angelegt und fähig, Wahrheit zu erkennen.

Aber, so rebelliert der Forscher nach den letzten Geheimnissen: Reicht dazu meine eigene Geisteskraft, das Licht meines Verstandes nicht aus? Beim Erforschen der Geheimnisse muß ich doch frei und unabhängig sein, das ist mein Ehrgeiz und mein Stolz, das verlangen meine Würde und Freiheit!

Seit dem Zerfall der geistigen Einheit Europas, seit dem Aufkommen der Naturwissenschaf-

ten scheint es, daß Glaube und Wissen sich immer mehr ausein- anderentwickclten, daß Glaube und Wissenschaft einander aus- schlößen.

Vor einigen Monaten erschien ein Buch von Hoimar von Dit- furth, einem Vertreter unserer modernen Wissenschaft, mit dem Titel „Wir sind nicht nur von dieser Welt“. In diesem Werke findet sich zum Beispiel der Satz: „Die Ansicht, daß naturwissenschaftliche Erkenntnisse notwendig im Widerspruch zu religiösen Aussagen ständen, hat sich endgültig als Vorurteil herausgestellt. Aber das ist noch nicht alles: es gibt darüber hinaus heute auch schon Beispiele dafür, daß naturwissenschaftliche Entdeckungen und Denkmodelle uralte Aussagen der Religion auf eine unerwartete Weise bestätigen.“

Die Kirche bekennt sich heute- es hat keinen Sinn, auf Konflikte vergangener Zeiten einzugehen - zur freien Forschung ohne Vorurteil oder vorgefaßte Meinung. Die Wissenschaft hingegen ist, so sagen ihre Vertreter, bescheidener geworden. Sie sieht heute ein, daß sie auf letzte Fragen des Menschen keine Antwort zu geben vermag. Sie gibt zu, daß jede Erkenntnis immer nur Stückwerk bleibt, sie versteht sich nicht mehr als erste und letzte Möglichkeit einer Welterklärung.

Wenn aber eine verbreitete Wissenschaftsgläubigkeit enttäuscht wird, schlägt die Stimmung leicht in Wissenschaftsfeindlichkeit um. In diesen leeren Raum brechen unversehens Ideologien ein. Sie gebärden sich zuweilen durchaus wissenschaftlich, verdanken aber ihre Überzeugungskraft dem dringenden Bedürfnis nach Antwort auf die Sinnfrage und dem Interesse an sozialer oder politischer Veränderung. Neue Erscheinungen von Aberglaube und Sektierertum und sogenannte neue Religionen treten in Erscheinung.

Die Wissenschaft weiß heute, daß sie nicht beziehungslos im Raum steht, daß sie Vorausset

zungen hat, daß sie aber auch Folgen verantworten muß. Die ethischen Probleme, die sich aus den Ergebnissen einer immer weiter fortschreitenden Technik ergeben, sind uns allen bekannt.

Versuchen wir, aus dem heutigen Stand unserer Forschung und Kenntnisse einiges zusammenzufassen:

Der Wille zur Wahrheit muß sich als selbstkritische Offenheit auf das Unbekannte erweisen. Wo die Wahrheit des Ganzen dem einzelnen in seinem kurzen Leben nicht erreichbar ist, dort ist der Weg zur Wahrheit nur dadurch zu finden, daß wir die Existenz und Bedeutung anderer Wissenschaften überhaupt ernst nehmen.

Daraus ergibt sich eine gesunde und auch demütige Offenheit, die weiß, daß sie nur ein Fragment des Ganzen zu Gesicht bekommen hat. Bei dieser Suche und in dieser ständigen Bereitschaft, ohne die keine Forschung leben kann, liegt ein entscheidender Zug, der die Wissenschaft heute überhaupt noch zusammenhält: Es ist ein Hinweis auf das nie ganz faßbare Geheimnis von Mensch, Welt und Gott.

Die Wissenschaft wäre daher in ihrem Lebensnerv getroffen, wenn anstelle des Dialogs der Gruppen die Pseudodogmen der Ideologien träten. Dieses Gespräch zu pflegen, dazu zu erziehen, das ist auch eine der großen Erziehungsaufgaben der hohen Schule.

Zu diesem Gespräch bekennt sich heute auch die Kirche. Dieses Gespräch sucht die Kirche, nicht zuletzt auch an den Universitäten. Die Kirche war einst Lehrerin auf diesen hohen Schulen. Sie will heute Gesprächspartnerin sein bei der Suche nach Wahrheit. Sie will das, was sie zu dieser Suche beitragen kann, als ihren Dienst anbieten. Sie scheut daher das Gespräch nicht, sie sucht es.

In der verwirrenden Fülle der Spezialisierungen an den hohen Schulen ist es der Mensch, der Einheit schafft. Dazu ist es aber notwendig, daß er frei und unabhängig bleibt. Diese Freiheit und Unabhängigkeit wird heute von ideologischen Mächten aller Formen schwer bedroht. Die Kirche aber, die durch solche Mächte selber in Bedrängnis gerät, wird damit heute zur Verteidigerin der Freiheit und der Wissenschaft.

Das Verhältnis zwischen Glaube und Wissenschaft wird immer spannungsgeladen sein und soll es auch sein. Die Spannung zwischen Glauben und Wissenschaft soll sich befruchtend sowohl für den Glauben wie auch für die Wissenschaft auswirken.

Denn letztlich geht es um den einen Menschen, für den die Wissenschaft und der Glaube da sein sollen. Wir sollen uns nicht bemühen, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen. Glaube und Wissenschaft stehen nicht im naturnotwendigen Gegensatz. Sie lassen sich auch nicht restlos zur Deckung bringen. Es ist vielleicht eine entscheidende Erkenntnis unserer Zeit, daß Glaube und Wissenschaft einander ergänzende Erscheinungen sind, die sich nicht decken, aber auch nicht ausschließen - so, wie es der große Physiker Max Planck in einem Vortrag über Religion und Naturwissenschaft am Schluß ausgedrückt hat.

„Beide, Glauben und Wissenschaft, haben verschiedene Wege, aber beide Wege führen zu dem einen Ziel, und dieses Ziel ist Gott.“

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